IOC vertagt Russland-Urteil, verhängt aber Sanktionen

Sport / 19.07.2016 • 22:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees verschiebt nach einer Telefonkonferenz die Entscheidung zum russischen Dopingskandal. Foto: reuters
Das Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees verschiebt nach einer Telefonkonferenz die Entscheidung zum russischen Dopingskandal. Foto: reuters

Olympisches Komitee wartet das CAS-Urteil über die Leichtathleten ab.

Lausanne. Kein direkter Olympia-Ausschluss Russlands, die Hängepartie ist eröffnet: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wird frühestens am Donnerstag ein Urteil über die mögliche Verbannung Russlands von den Olympischen Spielen in Rio (5. bis 21. August) fällen. Das teilte das IOC nach einer mehrstündigen Telefonkonferenz des Exekutiv-Komitees unter Leitung von Präsident Thomas Bach mit.

Leichtathleten als Maßstab

Morgen urteilt der Internationale Sportgerichtshof CAS über 68 russische Leichtathleten, die nach der Sperre durch den Weltverband (IAAF) ihre Teilnahme in Rio vor der letzten Instanz der Sportgerichtsbarkeit erzwingen wollen. Dieser Entscheidung will das IOC nicht vorgreifen. Es werde „die CAS-Entscheidung ebenso in Betracht ziehen wie den Welt-Anti-Doping-Code und die Olympische Charta“. Laut IAAF dürfen nur jene Leichtathleten aus dem größten Land der Welt in Rio starten, die nachweislich nicht dem russischen Doping-Kontrollsystem unterstanden.

Zudem setzte das IOC eine fünfköpfige Disziplinar-Kommission unter Leitung des Franzosen Guy Canivet, stellvertretender Vorsitzender der IOC-Ethikkommission, ein, die sich mit den russischen Verfehlungen befasst. Zusätzlich verabschiedete das IOC einige Sofortmaßnahmen. Unter anderem werden vorerst keine IOC-Sportveranstaltungen in Russland mehr organisiert. Auch die Planungen bezüglich möglicher Europaspiele 2019 in Russland wurden auf Eis gelegt. Zudem wird kein Mitglied des russischen Sportministeriums eine Akkreditierung für die Sommerspiele in Rio erhalten. Und es wird Nachtests aller russischer Dopingproben der Sotschi-Spiele geben.

In der Frage des Komplett-Ausschlusses von Russland will sich das IOC offenbar Zeit nehmen. Der von Richard McLaren veröffentlichte Bericht hatte festgestellt, dass es in Russland „mindestens von Ende 2011 bis August 2015“ ein staatlich gelenktes Doping-System gegeben habe. „In Hinblick auf die Beteiligung der russischen Athleten bei den Spielen 2016 in Rio wird das IOC sorgfältig den WADA-Bericht bewerten. Es wird die rechtlichen Möglichkeiten mit Blick auf ein kollektives Verbot aller russischen Athleten für die Olympischen Spiele 2016 gegenüber dem Recht auf individuelle Gerechtigkeit abwägen“, hieß es in der Mitteilung. Bach hatte sich am Montag in einer ersten Reaktion auf den Bericht schockiert geäußert und damit Erwartungen auf ein hartes Urteil geweckt. Das IOC werde nicht zögern, „die härtesten Sanktionen gegen jede beteiligte Person oder Organisation zu treffen“, hatte der 62-Jährige gesagt.

Fußball-WM droht Ungemach

Auch der öffentliche Druck ist enorm groß. Neben der WADA hatten sich etliche nationale Anti-Doping-Agenturen sowie Sportler, Politiker und Ethiker für die Verbannung des Riesenreichs ausgesprochen. Russlands Leichtathleten waren bereits wegen Doping-Vergehen vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) gesperrt worden.

Derzeit erlebt der organisierte Sport in Russland die wohl schwärzeste Zeit seit Bestehen, doch es könnte noch schlimmer kommen. Nun scheint selbst die Austragung der Fußball-WM in zwei Jahren nicht mehr zweifelsfrei sicher. Die FIFA kündigte Ermittlungen an, zumal Sportminister Witali Mutko auch Organisationschef der Fußball-WM ist. Unter Mutko kam das russische Doping-Programm mit 643 vertuschten Proben zur Anwendung.

Der umstrittene Sportminister darf aber vorerst im Amt bleiben. „Mutko wurde im WADA-Report nicht als Hintermann hinter den Verfehlungen erwähnt, er wird dessen nicht wie andere Personen verdächtigt“, sagte Kreml-Sprecher Dimitri Peskow. Mutkos Stellvertreter Juri Nagornich wurde ebenso wie Anti-Doping-Beraterin Natalia Schelanowa und Irina Rodjonowa, Direktorin des Trainingszentrums der russischen Athleten, entlassen.

Das IOC wird nicht zögern, die härtesten Sanktionen gegen jede beteiligte Person oder Organisation zu treffen.

IOC-Chef Thomas Bach