Sportgericht CAS bestätigt Sperre

21.07.2016 • 19:08 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Russlands Leichtathleten dürfen wegen systematischem Doping nicht in Rio starten.

Lausanne. Russland steht am Olympia-Abgrund. Die Bestätigung der Rio-Sperre der russischen Leichtathleten durch den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) ist eine Steilvorlage für das Internationale Olympische Komitee (IOC), die systematisch dopende Sportmacht komplett von den Sommerspielen zu verbannen. Der Weltverband IAAF und dessen Präsident Sebastian Coe haben den CAS-Spruch mit Genugtuung begrüßt, weil es „gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Sportler“ schaffe. Allerdings sei es „kein Tag für triumphale Verkündungen“, meinte Coe. „Ich bin nicht zur Leichtathletik gekommen, um Athleten von Wettkämpfen auszuschließen.“

Das CAS lehnte den Einspruch von 68 russischen Leichtathleten und des Nationalen Olympischen Komitees (ROC) gegen den Olympia-Ausschluss in Lausanne ab. Die IAAF hatte den nationalen Verband am 13. November 2015 wegen umfassenden Dopings suspendiert und die Sperre für internationale Wettkämpfe am 17. Juni über die Spiele in Brasilien hinaus verlängert.

In Moskau wurde das Urteil mit einer Mischung aus Augenmaß, Polemik und Zorn kommentiert. „Es bleibt dabei: Ein möglicher Boykott der Spiele wird nicht erwogen“, betonte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Nicht ohne diplomatischen Grund. Das IOC wollte das CAS-Urteil abwarten, um dieses in eine Entscheidung über einen Komplettausschluss Russlands einzubeziehen. Am Sonntag tagt das IOC-Exekutivkomitee, verkündet wird die Entscheidung noch am gleichen Tag oder am Montag. Es wäre der erste Ausschluss eines Landes von Olympia wegen nachgewiesenem systematischen Dopings. „Dieses beispiellose Urteil erniedrigt den gesamten Sport“, sagte Sportminister Witali Mutko. Die Entscheidung sei politisch motiviert, es werde über weitere Schritte nachgedacht. „Es ist Zeit, sogar ein Zivilgericht anzurufen“, sagte Mutko. Das russische Außenministerium kritisierte die Entscheidung als „Verbrechen gegen den Sport“. Stabhochsprung-Ikone Jelena Isinbajewa reagierte böse auf den Bann: „Der CAS hat mit seinem Urteil den Leichtathletiksport im Grunde genommen begraben.“

Die IAAF halte allerdings die Tür zu Olympia für Sportler aus Russland offen, die nachweislich nicht in das Doping-System in ihrer Heimat involviert waren. Bisher wurde von der IAAF zwei Athletinnen das Sonderstartrecht erteilt: 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa, Kronzeugin des umfassenden Sportbetrugs in ihrer Heimat, und Weitspringerin Darja Klischina, die in Florida lebt, erhielten die Genehmigung. Ob sie anber in Rio antreten werden, ist noch offen.

IOC analysiert das Urteil

Das IOC will den Spruch des CAS genau prüfen. „Wir werden jetzt die ganze Urteilsbegründung studieren und analysieren“, hieß es in einer IOC-Mitteilung. Der Internationale Sportgerichtshof unterstrich aber in seiner Mitteilung, dass er das Urteil nicht einbezieht, „ob das IOC im Allgemeinen berechtigt ist, die Nominierung von russischen Leichtathleten durch das ROC für die Rio-Spiele anzunehmen oder abzulehnen“. Grundlage für die mit Spannung erwartete Entscheidung des IOC ist vor allem der Bericht von Richard McLaren, der im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) die Doping-Anschuldigungen in Russland untersuchte.

In dem Report der WADA wurde nicht nur festgestellt, dass auf Anordnung staatlicher Behörden im Kontrolllabor bei den Winterspielen 2014 in Sotschi positive Doping-Proben von russischen Athleten vertauscht und verfälscht wurden. Von 2012 bis 2015 sind laut McLaren zudem 643 positive Proben russischer und ausländischer Sportler aussortiert worden. Im McLaren-Bericht wurden 20 der 28 Sommersportarten genannt, in denen es „zumindest einzelne klare Nachweise von Doping“ gebe.

Der Komplettausschluss Russlands von Olympia hat viele Befürworter, so forderten 14 nationale Anti-Doping-Organisationen in einem offenen Brief an IOC-Präsident Thomas Bach genau das. Es gibt aber auch Athleten und Verbände, die eine pauschale Verurteilung ablehnen. Auch ein Teilausschluss in nachweislich von systematischen Dopingpraktiken betroffenen Sportarten wird als Möglichkeit angeführt. Hierfür könnten anstelle des IOC nach dem Muster der IAAF die jeweiligen Dachorganisationen den nationalen russischen Verband sperren.

Der CAS hat mit seinem Urteil den Leichtathletiksport im Grunde genommen begraben.

Jelena Isinbajewa