Zweifelhafte Gnade für Doper

24.07.2016 • 20:32 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitee wirft Schatten auf die Olympischen Ringe. Foto: afp
Die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitee wirft Schatten auf die Olympischen Ringe. Foto: afp

Das IOC lässt russische Sportler mit Ausnahmegenehmigungen bei den Olympischen Spielen starten.

Lausanne. Gnade für die Staatsdoper, riesige Schlupflöcher statt Komplettverbannung: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Russland mit einem mehr als fragwürdigen Maßnahmenpaket eine goldene Brücke zu den Sommerspielen in Rio de Janeiro gebaut. Mit teils kaum nachvollziehbaren Einzelentscheidungen sorgte das IOC unter seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach für einen Tiefpunkt in der olympischen Geschichte. Rio findet inmitten der schlimmsten Glaubwürdigkeitskrise des IOC statt.

Das IOC lässt die Sportgroßmacht, die über Jahre hinweg und noch bei den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 die Sportwelt mit einem staatlichen Dopingsystem betrogen hat, in knapp zwei Wochen bei der Eröffnungsfeier unter der Landesflagge einlaufen. Zudem stiehlt sich die Exekutive aus der Verantwortung und delegierte die Entscheidung über den Start russischer Athleten an die internationalen Sportverbände. Voraussetzung für eine Zulassung sind besonders der Nachweis durchgehend unabhängiger Kontrollen in der Vergangenheit und mehrere andere Kriterien.

Bach verteidigt Entscheidung

„Die Entscheidung wird sicher nicht jedem gefallen, aber es geht um Gerechtigkeit. Die Entscheidung respektiert das Recht eines jeden sauberen Athleten auf der ganzen Welt. Ich muss den Athleten in die Augen schauen können, die von unserer Entscheidung betroffen sind“, sagte Bach kurz nach der Verkündung während einer Telefonkonferenz, er fügte hinzu: „Die Botschaft ist eindeutig. Es wird eine Gesamtverantwortung angenommen angesichts der üblen Anschuldigungen, aber es soll auch eine Ermutigung für alle sauberen Athleten sein.“

Diesen Rückenwind bekamen die Russen prompt. Der Tennis-Weltverband ITF ließ nur zwei Stunden nach dem IOC-Beschluss sämtliche sieben nominierten Profis für Rio zu. Bereits zuvor hatten heftige Reaktionen auf die IOC-Entscheidung eine Spaltung der Sportwelt offenbart. Der russische Sportminister Witali Mutko konnte triumphal erklären, die „Mehrheit“ der infrage kommenden russischen Sportler werde in Rio antreten: „Ich hoffe, dass wir uns über Siege freuen.“ Hingegen kritisierten die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag, der frühere WADA-Chef Dick Pound und Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur USADA, Bach und das IOC scharf.

Kritik aus aller Welt

„Das IOC hat sich gegen eine eindeutige Empfehlung der Welt-Anti-Doping-Agentur ausgesprochen, in Sachen eines glaubwürdigen Anti-Doping-Kampfes ist das das schlechteste Zeichen überhaupt“, sagte Freitag. Pound kommentierte zynisch: „Null Toleranz – es sei denn, es geht um Russland.“ Tygart, Chefankläger im Dopingfall Lance Armstrong, warf dem IOC vor, es verweigere sich „einer eindeutigen Führungsrolle“. Bach betonte, die Exekutive habe eine sehr schwierige Abwägung getroffen. „Wir mussten die Konsequenzen aus dem McLaren-Report ziehen. Wir mussten dabei die Balance finden zwischen der Gesamtverantwortung und dem Recht des Einzelnen, um jedem Athleten gerecht zu werden“, sagte Bach: „Es gilt die Unschuldsvermutung. Deswegen haben wir strenge Kriterien entworfen, die jeder russische Sportler erfüllen muss, wenn er teilnehmen will.“

Dennoch sind Bach und das IOC der Sportgroßmacht Russland weit entgegengekommen, indem sie dem Riesenreich neben dem Ausschluss eine weitere sportpolitische Demütigung ersparten: den Start der russischen Athleten unter neutraler Flagge. Auch mit der Tatsache, dass das IOC der Whistleblowerin Julija Stepanowa einen Start in Rio verweigert, spielt es den Russen in die Karten. Da das IOC jedem russischen Sportler, der jemals positiv getestet wurde, keine Freigabe für Rio geben wird, darf auch die einst gedopte 800-m-Läuferin nicht starten. Die symbolische Ohrfeige für die Auslöserin des Dopingskandals kaschierte Bach mit ernüchternder Kälte: „Wir sind dankbar für ihr Engagement, deshalb laden wir sie und ihren Ehemann ein, in Rio Gäste des IOC zu sein.“

Das Signal der Stepanowa-Aussperrung ist verheerend: Es werden nicht nur russische Sportler in Rio starten, sondern auch Dopingsünder aus aller Herren Länder, die ihre Sperre abgesessen haben. Die Kronzeugin Stepanowa allerdings, die in den Augen vieler Sportfans dank ihrer Aufklärung einen Start verdient gehabt hätte, ist nicht aktiv dabei.

IOC-Präsident im Kreuzfeuer

Hürden für Ausnahmefälle, die das IOC aufstellte, sind unter anderem: Kein Athlet oder Offizieller, der im McLaren-Report erwähnt wurde, darf für Rio akkreditiert werden. Das Fehlen eines positiven Dopingtestes reicht nicht als Startberechtigung, gültig zur Entlastung sind nur internationale Tests außerhalb des russischen Systems.

Bach, der im Vorfeld noch von einem „beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports“ gesprochen und „härteste Maßnahmen“ angekündigt hatte, muss sich nun Fragen nach seiner Unabhängigkeit gefallen lassen. Aus seiner engen Beziehung zu Russlands Staatpräsidenten Wladimir Putin hat er nie einen Hehl gemacht. Die Russen unterstützten den Deutschen bei seiner Wahl zum IOC-Präsidenten und waren ihm treue Partner. Wie der McLaren-Report nun bewiesen hat, nutzten sie aber nicht nur die Gastgeberrolle bei den Winterspielen 2014 zu schamlosen Betrügereien.

CAS hatte Weg geebnet

Die WADA hatte eine Sperre ohne Wenn und Aber gefordert, 14 nationale Agenturen, darunter die deutsche NADA, verlangten einen Bann mit strengen Ausnahmeregelungen und einen Start nur unter neutraler Flagge. Beiden Forderungen kamen Bach und seine 14 Mitstreiter im Exekutivkomitee nicht nach.

Dabei war selbst für die Höchststrafe der Weg geebnet. Am Donnerstag hatte der Internationale Sportgerichtshof CAS den Einspruch von 68 russischen Leichtahleten gegen die Entscheidung des Weltverbandes IAAF abgelehnt, trotz der Doping-Verstöße in Rio starten zu dürfen – eine Steilvorlage, die der Jurist Bach nicht nutzte. Die IAAF bot den anderen Fachverbänden umgehend Hilfe bei der Einschätzung der russischen Athleten an.

Die Entscheidung wird sicher nicht jedem gefallen, aber es geht um Gerechtigkeit.

Thomas Bach

Das war mit das schlechteste Zeichen überhaupt.

Dagmar Freitag
IOC-Präsident Thomas Bach muss sich nun harsche Kritik an seiner Person gefallen lassen. Foto: afp
IOC-Präsident Thomas Bach muss sich nun harsche Kritik an seiner Person gefallen lassen. Foto: afp

Stimmen

Die Entscheidung ist, nur zwölf Tage vor Beginn der Spiele in Rio schwierig genug, auch, weil die Rechtslage nicht eindeutig ist. Wir glauben, dass der getroffene Kompromiss, nicht alle russischen Athleten kollektiv zu sperren, sondern diverse Auflagen für etwaige Starts zu definieren, Sinn macht. Es wäre ungerecht jenen Athleten gegenüber, die entsprechende internationale Tests vorweisen können und keine Auffälligkeiten in der Vergangenheit hatten. Klar ist aber auch, und IOC-Präsident Thomas Bach hat das ganz deutlich gemacht, das das derzeitige Kontrollsystem der WADA intensiver Reformen bedarf. Das gilt in erster Linie für die Zeit nach den Spielen in Rio.

Peter Mennel,

ÖOC-Generalsekretär

Die Kriterien sind hart, aber ich bin überzeugt, dass die meisten Athleten sie erfüllen. Wir werden für einen sauberen Sport kämpfen. Nur uns zu kritisieren, scheint mir nicht ganz korrekt. Doping ist nicht nur ein Problem Russlands. Wir sind dankbar, dass das IOC jedem sauberen Sportler die Chance auf eine Olympia-Teilnahme gibt.

Witali Mutkow

Russlands Sportminister

Wir sind maßlos enttäuscht vom IOC. Weil natürlich hätte es unschuldige Sportler getroffen, aber in erster Linie geht es um die restlichen 9500 oder 10.000, die sich in allem einem normalen Anti-Doping-Regime unterwerfen und in Rio teilnehmen. Die schützt man mit dieser Nachricht ganz sicherlich nicht. Mehr als enttäuschend, fast skandalös ist, dass Frau Stepanowa nicht teilnehmen darf, das ist heftig.

Michael Cepic

Geschäftsführer der NADA
(Nationalen Anti-Doping-
Agentur)

Das ist eine rechtmäßige Lösung. Aber solchen Entscheidungen sollten nicht nur in Bezug auf russische Athleten, sondern auf Sportler in der ganzen Welt getroffen werden. Dann wäre das Problem Doping endgültig ausgerottet.

Dmitri Swischtschjow

Chef des Sportausschusses
im russischen Parlament

Die komplette russische Mannschaft nicht zuzulassen, wäre ein riesiger Fehler und ein internationaler Sportskandal gewesen.

Jelena Isinbajewa

Stabhochspringerin

(suspendiert für die
Olympischen Spiele in Rio)