„Das ist kein Betriebsausflug“

Sport / 29.07.2016 • 20:50 Uhr / 8 Minuten Lesezeit

Österreichs oberster Olympier hofft, dass das „Projekt Rio“ ­Medaillen bringt.

Wien. Am Sonntag reist Karl Stoss, der Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees, zu den Sommerspielen nach Rio de Janeiro. Vorher stand der Casinos-Austria-Generaldirektor der Austria Presse Agentur noch für ein Interview zur Verfügung. Nach der Nullnummer bei Olympia in London hofft Stoss, dass das „Projekt Rio“ Früchte trägt und Medaillen bringt.

Koordinator Peter Schröcksnadel hat gesagt: ,Unabhängig vom Abschneiden bei den Sommerspielen ist das „Projekt Rio“ schon ein Erfolg.‘ Man sollte aber schon auch Medaillen gewinnen, oder?

Stoss: Natürlich! Am Ende des Tages machen wir ja keinen Betriebsausflug, sondern man wird an den sportlichen Erfolgen gemessen. Das ist das alles Entscheidende, darum gibt und gab es auch immer schon solche Wettkämpfe. Man muss auch ehrlich sein: Es war großartig, wie viele Platzierungen wir in London unter den ersten zehn hatten. Nur: Das zählt nicht. Zählen tun allein und entscheidend die Medaillen. Und noch besser goldene, weil man dann wirklich Olympiasieger ist.

Was ist dem Team zuzutrauen?

Stoss: Man muss auch Realist sein. Wir sind eben nur ein kleines Land mit beschränkten Möglichkeiten. Und wir haben im ‚Projekt Rio‘ versucht, das etwas aufzubrechen und zu sagen: ,Lasst uns einmal die Rahmenbedingungen deutlich verbessern, um hier die Voraussetzungen für einen potenziellen Medaillengewinn zu erhöhen.‘ Dass dann noch Tagesverfassung, gesundheitliche und wetterbedingte Situationen dazukommen, lassen wir außer Acht, denn das kann niemand beeinflussen. Aber wir können in der Vorbereitung möglichst viel tun, wir haben vor allem in die Infrastruktur investiert. Das danken uns die Sportler sehr. Ob sie daraus schon den Erfolg ableiten können, weiß ich nicht. Wir wünschen uns das, dann kann man auch sagen: ,Das hat sich mehr als gerechnet, es gab die ersten tollen sportlichen Erfolge.‘

Kann man sich ein „Projekt Tokio“ für 2020 auch vorstellen?

Stoss: Absolut. Wir haben das auch mit dem Herrn Sportminister diskutiert, und er hat gesagt: ,Lasst uns einmal Rio ordentlich und erfolgreich zu Ende führen. Aber gleich danach setzen wir uns zusammen.‘ Und unser Wunsch wäre es auch, vor allem von Schröcksnadel, von einzelnen Fachverbänden und auch vom ÖOC, dass wir ein solches Projekt schon für Pyeongchang 2018 für den Wintersport aufsetzen. Es wäre kleiner von der Dimension. Und dann natürlich Tokio, denn das kommt relativ bald, in vier Jahren ist Tokio da.

Die Fachverbände würden sich diese Kontinuität der Förderung jedenfalls wünschen.

Stoss: Der Minister ist überhaupt nicht abgeneigt, darüber zu diskutieren. Es ist noch längst nichts beschlossen. Aber dann löst man das quasi wirklich heraus und sagt: ,Das ist das erste Mal so eine Art Institution, die sich um die Spitzensportförderung kümmert.‘ Wir müssen vielmehr miteinander, anstatt neben- oder gegeneinander arbeiten. Es macht überhaupt keinen Sinn, mehrere Spitzensportinstitutionen parallel laufen zu lassen. Wir haben das ÖOC, wir haben die Sporthilfe und wir haben das Team Rot-Weiß-Rot. Und alles, was dort in die Administration fließt, kommt den Sportlern nicht zugute. Und deshalb müssen wir dort vereinfachen, straffen, zusammenführen, zusammenarbeiten, um möglichst viele Mittel nur für den Sportler oder für die Vorbereitung zur Verfügung zu haben.

Zika, Terrorgefahr – schicken Sie Ihr Team mit ruhigem Gewissen nach Rio?

Stoss: Da kann man nur uneingeschränkt ‚Ja‘ antworten, aber hundertprozentig ausschließen kann man nichts. Dafür wird auch niemand die Hand ins Feuer legen. Es hätte auch niemand gedacht, dass in so kleinen Gemeinden wie Ansbach Anschläge passieren. Aber dann dürfte ich gar nicht mehr reisen, und ich steige nach wie vor mit dem selben ruhigen Gewissen in ein Flugzeug. Aber ich glaube, Rio ist jetzt einer der sichersten Orte überhaupt auf der Welt. 85.000 Sicherheitsbeamte und ganz zu schweigen von den vielen Geheimdiensten, die im Hintergrund arbeiten. Was das Zika-Virus betrifft, haben wir brasilianischen Winter. Alle 44 Testbewerbe sind ohne einen einzigen Zika-Fall verlaufen und waren noch dazu in einer anderen Jahreszeit. Wir haben alles Mögliche getan, jeder Athlet hat Insektenschutz, Moskitonetz, Sprays für Kleidung und ein Gerät fürs Zimmer bekommen. Aber jeder hat auch noch seine Eigenverantwortlichkeit. Ich gehe davon aus, dass alles problemlos und reibungslos über die Bühne gehen wird. Wir wünschen uns, dass alle wieder gesund zurückkommen. Das ist das Allerwichtigste, das zählt viel mehr als eine Medaille.

Sie haben als ÖOC-Präsident große repräsentative Pflichten wahrzunehmen, werden viel im Österreich-Haus sein. Wo wird man den Sportfan Stoss sehen?

Stoss: Ich hoffe, bei allen Bewerben, wo Österreicher und Österreicherinnen antreten. Ich werde mich bemühen, untertags, wann immer es möglich ist. Dazu kommen die Medientermine und am Abend die Veranstaltungen im Österreich-Haus. Gerne werde ich auch meine Ärzte, Physiotherapeuten, Betreuer und Trainer im olympischen Dorf besuchen. Ich gehe auch dort fast täglich ins Büro. Ich weiß, ich bin auch kein Wunderwuzzi und habe nur 24 Stunden, der Tag ist mehr als ausgefüllt. Aber klar im Mittelpunkt stehen sollte der Sport für mich, das interessiert mich am allermeisten.

Das Österreich-Haus öffnet wieder für alle die Türen. Was sind die Stärken dieser Einrichtung?

Stoss: Der öffentliche Bereich, das ist eine der grundlegenden neuen Philosophien, die wir als ganz wichtig sehen. Österreich hat schon eine Charaktereigenschaft, die manche Länder nicht in dem ausgeprägten Maß haben, nämlich eine ausgeprägte Gastfreundschaft. Und diese wollen wir auch zelebrieren, die wollen wir auch zeigen und bieten wir auch allen an. Es haben schon einzelne Nationen angefragt, ob sie auch zu uns zum Feiern kommen können. Das ist schon einmal schön, das ist ein großes Lob, wenn man hier ausgewählt wird. Ich würde mir auch wünschen, dass möglichst viele Medienvertreter aus anderen Ländern in unser Haus kommen; die Welt beobachtet Österreich und sieht die österreichische Gastfreundschaft.

Sie stehen vor der Aufnahme in das IOC. Gibt es auch eine Einladung an Präsident Thomas Bach ins Österreich-Haus?

Stoss. Die gibt es an alle IOC-Mitglieder. Jeder versucht, die Leute in die olympischen Häuser zu bringen. Man weiß, die Franzosen haben besonders gute Sachen zu trinken, die Italiener haben besonders gute zu essen, und wir haben halt den Speck und den ‚Kas‘. Toll wäre, wenn wieder so etwas Freudiges passiert wie in Sotschi mit den Schweizern, dass für den eigenen Olympiasieger (Sandro Viletta/Anm.) das Haus gesperrt war und wir bieten uns dann als Plattform an. Das ist beste unbezahlte Werbung.