„Die Zeit ist reif für die nächste Sternstunde“

31.07.2016 • 19:39 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Sportschütze Wolfram Waibel jun. holte 1996 Vorarlbergs letzte Olympiamedaille.

Schwarzach. Die beiden Olympiamedaillen haben immer noch einen Ehrenplatz im Büro des Eigenheims in Hohenems. Speziell im Vorfeld von olympischen Sommerspielen erinnert sich Wolfram Waibel jun. immer wieder gerne an die Eindrücke der letzten Tage im Juli 1996 zurück. „Jedes Mal, wenn ich die Medaillen jemandem zeige oder sie in Händen halte, werden die Momente präsent. Obwohl ich immer seltener daran denke, werde ich die gewonnenen Eindrücke nie vergessen“, betont der heute 46 Jahre alte Hohenemser.

Olympiarekord im Vorkampf

Nach dem Gewinn des Europameistertitels bzw. des Gesamt-Weltcups 1995 sowie der Egalisierung des Weltrekords wenige Wochen vor Beginn der Spiele beim Weltcup in München zählte der damals 26-Jährige zum absoluten Favoritenkreis der Sommerspiele in Atlanta. „In dieser Zeit habe ich erstmals so richtig gespürt, was es heißt, Favorit zu sein. Je näher die Wettkämpfe gerückt sind, hat sich die Anspannung gesteigert. Natürlich habe ich versucht, den Erwartungsdruck so niedrig wie möglich zu halten. Doch innerlich habe ich gewusst, dass ich in der Form meines Lebens bin und es keinen besseren Zeitpunkt für den großen Coup gab. Doch darüber habe ich ausschließlichmit meiner Frau Daniela, die mich in Atlanta begleitet hat, gesprochen.“

Im ersten Bewerb, dem Luftgewehr am 22. Juli, hat dann zunächst alles perfekt geklappt und Waibel ging mit der neuen olympischen Bestmarke von 596 Ringen und zwei Ringen Vorsprung in die Entscheidung. „Vor dem Bewerb habe ich mir das Erreichen des Finales der besten Acht zum Ziel gesetzt. Als es dann aber so perfekt lief, sind natürlich unweigerlich im Kopf auch die Ansprüche gestiegen. Am Ende war es ein 8er in der vierten Serie, der den ganz großen Triumph vereitelte. Mit 695,7 Ringen und 0,5 Ringen Vorsprung verwies der Russe Artem Khadjebekov Vorarlbergs Paradegewehrschützen auf den ersten Ehrenplatz hinter dem Sieger. „Natürlich war im ersten Moment etwas Enttäuschung da. Doch nach einigen Minuten überwog die Freude darüber, nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen zu haben. Ich bin heute noch der Meinung, dass ich in diesem Wettkampf etwas Sensationelle geleistet habe.“ Nach dem 39. Rang im Kleinkaliber-Liegendbewerb drei Tage später ließ Waibel dann am 27. Juli mit dem Gewinn der Bronzemedaille in der Kleinkaliber-Dreistellung noch einmal die Nation jubeln. „Im Liegendbewerb habe ich mir von Beginn an wenig Chancen ausgerechnet.“ Deshalb hielt sich die Enttäuschung über die Platzierung nach eigenen Angaben in Grenzen.

In der Dreistellung, bei der jeweils 40 Schuss in den Positionen Liegend, Kniend und Stehend abgegeben werden, belegte Waibel hinter dem Franzosen Jean-Pierre Amat (1273,9 Ringe) und Sergey Belyayev (1272,3) aus Kasachstan mit 1269,6 Ringen den dritten Rang. „Durch den Gewinn von Silber hielt sich die nervliche Belastung in diesem Bewerb in Grenzen und ist eigentlich erst bei den letzten Schüssen aufgetreten. Am Ende war ich nicht minder glücklich als fünf Tage zuvor, ein zweites Mal den Sprung auf das Siegerpodest bei Olympia geschafft zu haben.“

Flitterwochen nachgeholt

Nach Abschluss der Bewerbe von Atlanta erfüllte sich Waibel dann neben den vorangegangen sportlichen Träumen auch privat einen lang ersehnten Wunsch: Gemeinsam mit seiner Gattin Daniela wurden die ein Jahr zuvor wegen der Olympiavorbereitung verschobenen Flitterwochen zumindest teilweise im Freizeitpark Six Flags Georgia nachgeholt. „Wir haben auf der damals größten Achterbahn der Welt eine gemeinsame Fahrt gemacht, sind nobel Essen gegangen und haben einen unvergesslichen Tag erlebt. Die Eindrücke sind noch heute präsent, wenn wir unseren Hochzeitstag feiern.“

Wechselbad der Gefühle

Bei seinen weiteren Olympiateilnahmen als Aktiver 2000 und 2004 bekam Waibel dann aber auch die Kehrseite der Medaille zu spüren. „Die zwei Medaillen in Atlanta haben einen zuvor nicht gekannten Hype um meine Person ausgelöst. Der Schützensport wurde in der breiten Öffentlickeit wahrgenommen. Allerdings nur so lange, wie man Erfolge hatte. Als ich in Sydney und Athen nicht die erhofften Medaillen geholt habe, war ich auf einmal nicht mehr so begehrt. Diese Erkenntnisse haben mich aber genauso wie die Erfolge geprägt. Mir war und ist es wichtig, dass man die Wertigkeit des Sportes nicht auf Platzierungen und Ringanzahlen reduziert. Dafür habe ich als Aktiver gekämpft und jetzt als Trainer setzte ich diesen Weg fort.“

Unterstützung der Familie

Nach seiner Stippvisite beim Schweizer Verband als Gewehr-Nationaltrainer von 2006 bis 2012, in dessen Zeitraum Waibel auch bei Olympia 2008 in Peking bzw. vier Jahre später in London tätig war, wird der 46-jährige Hohenemser bei den Spielen in Rio zum siebten Mal in Folge bei Sommerspielen dabei sein. „Die Beförderung zum österreichischen Nationaltrainer ist natürlich eine Ehre und eine Herausforderung für mich. Ohne die wohlwollende Unterstützung meiner Familie hätte ich die Aufgabe aber nicht angenommen. Bereits als Aktiver habe ich gemerkt, wie wichtig ein positives Umfeld für einen Spitzensportler ist. Am Schießstand ist jeder Schütze auf sich selbst gestellt, doch davor und danach ist es wichtig, Personen, denen man vertraut, um sich zu haben.“ Dass bei seiner olympischen Premiere als ÖSB-Coach mit Thomas Mathis jener Schütze dabei ist, den er seit frühester Jugend fordert und fördert, freut Waibel besonders: „Thomas hat ein unglaubliches Potenzial, und er ist im Liegendbewerb sicher besser, als ich es jemals war. Ohne ihn zu sehr unter Druck zu setzen, traue ich ihm in Rio alles zu. Die Zeit ist reif für die nächste Sternstunde im Vorarlberger Schützensport, und es wäre natürlich perfekt, wenn meine Arbeit einen Teil dazu beigetragen hat.“

Zur Person

Wolfram Waibel jun.

Der Hohenemser ist vierfacher Olympia-Teilnehmer als Aktiver und zählt mit zwei Medaillen (Silber im Luftgewehr, Bronze in der KK-Dreistellung), vier EM-Goldenen sowie vier Weltrekorden zu den erfolgreichsten Schützen Österreichs.

Geboren: 22. Februar 1970

Wohnort: Hohenems

Familie: verheiratet mit Daniela, zwei Kinder (Sheileen 15, Kiano 10)

Beruf: Matura am Sportgymnasium Dornbirn

Werdegang: Nationaltrainer Liechtenstein (während seiner aktiven Zeit), 2006 bis 2012 Nationaltrainer Schweiz; seit 1. Juni 2013 Landestrainer in Vorarlberg; seit Dezember 2015 Assistent des Gewehr-Nationaltrainers beim Österreichischen Schützenbund (ÖSB).