Was machen andere anders?

Sport / 12.08.2016 • 21:47 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Österreich-Haus in Rio de Janeiro hat Gold verdient – sportlich steht man noch ohne Medaille da. Foto: spiess
Das Österreich-Haus in Rio de Janeiro hat Gold verdient – sportlich steht man noch ohne Medaille da. Foto: spiess

60 Nationen jubeln in Rio schon über Medaillen. Österreich nicht – es wundert sich.

Rio de Janero. (VN-fm) Wäre der Auftritt Österreichs im House Austria von Rio de Janeiro ein Maßstab, dann müsste man Rot-Weiß-Rot das Etikett „Olympiasieger der Herzen“ verpassen. 800 Leute standen gestern Schlange, um nach mehreren Stunden Wartezeit einen der 350 Plätze im belebten Außenbereich einzunehmen und irgendwann „I am from Austria“ zu skandieren.

Aber das, was im Tourismus so reibungslos funktioniert, trifft auf den heimischen Sport nicht zu. Ein Symptom: Heute, zur Halbzeit der Sommerspiele, steht Österreich noch ohne Medaille da. So wie vor vier Jahren in London. Und selbst wenn die Segler dieses Edelmetall holen sollten, ist ein Umdenken gefordert. Nicht erst morgen, am besten schon gestern.

Viele Köche, ein Brei: Deutschland hat seit dem Zusammenschluss des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees den Deutschen Olympischen Sportbund. Die Schweiz? Swiss Olympics. Italien? Das Comitato Olimpico Nazionale Italiano (CONI/Nationales Olympisches Komitee), Dachverband aller Sportverbände. Und Österreich? Eine Bundessportorganisation, drei mehr oder weniger politisch gefärbte Dachverbände, die schon Polit-Urgestein Bruno Kreisky vergeblich umzugestalten suchte. Dazu ein Nationales Olympisches Komitee, selbstständige Fachverbände und darin kaum hauptamtliche Verantwortliche. Sieht so Systemsteuerung aus?

Gießkannenprinzip: Österreich fördert mit der Gießkanne förmlich alles, Großbritannien legte nach den erfolglosen Sommerspielen 1996 Schwerpunkte fest. Das Land deklarierte sich etwa als Bahnrad-Nation, bei den so erfolgreichen Spielen in London (2012) war die Förderung bereits sechsmal so hoch wie die für die Spiele 2000. Ergebnis: Das britische Team konnte sieben der zehn ausgetragenen Wettbewerbe für sich entscheiden. Zufall?

Förderpotpourri: Seit 1969 ist Sportförderung in Österreich verankert, neben den 80 Millionen Euro aus besonderer Sportförderung stehen knapp 60 an Sonderförderung (Sportstätten, Organisation von Großveranstaltungen) sowie Athleten-Förderung (u.a. Sporthilfe, Team Rot-Weiß-Rot, Projekt Rio) zur Verfügung. Nach einem Rechnungshofbericht (2009), der fehlende Effizienz und Schwerpunktsetzung kritisierte, sollte das neue Bundessportförderungsgesetz für Verbesserung sorgen. Allein das Ranking, das erfolgreiche Verbandsarbeit honorieren sollte, erwies sich als Kuriosum: Die seit Jahren dahindümpelnden Schwimmer, die mehr durch Vorstandsquerelen als durch Leistung bestachen, wurden österreichweit als Vierte geführt. Und der Bob- und Skeletonverband, der dieser Tage angesichts hoher Fehlinvestitionen in der Vergangenheit vor dem Konkurs steht, auf Platz neun. Vor Judo etwa, das Österreichs Hoffnung auf Olympiamedaillen nährte.

Talentesichtung: Ex-Sprinter Andreas Berger, in der Vergangenheit von einem Dopingskandal begleitet, will seine sportliche Erfahrung gerne in den Nachwuchs fließen lassen. Um etwa die schnellsten Kinder herauszufiltern, würde er mit einer mobilen Sprintanlage durch Österreich touren und Talente den Vereinen vermitteln. Ein löblicher Ansatz, aber eben Stückwerk. Swiss Olympic installierte eine Lenkungsstelle, entwarf Labels für sportfreundliche Bildungsangebote, allein im Jahr 2010 waren 15.000 junge Sportler gelistet. Dabei wurde auch auf die Verbindung mit schulischer/beruflicher Karriere Rücksicht genommen. Knapp 50 Schulen in der Schweiz haben bislang ein formelles Label als „Sport School“, über 200 Unternehmen tragen überdies die Vignette „leistungssportfreundlicher Lehrbetrieb“. Und Jamaika punktet mit CHAMPS, der größten Nachwuchsveranstaltung: Zu Beginn dieser Initiative im Jahr 1910 (!) traten sechs Schulen an, heute sind es 150.

400 Mill. Euro hat sich der britische Sport die Vorbereitung auf die Spiele 2012 kosten lassen, um in der Folge 70 Medaillen zu holen. 5,7 Mill. Euro kostete demnach eine Medaille. Österreich steckt genug Geld in den Sport: Die Szene verfügt über 80 Mill. besonderer Bundessportförderung durch Umsatzerlöse der Lotto-Toto-Gesellschaft. Athletenförderung noch gar nicht miteingerechnet, würde das in Rio umgerechnet 14 Medaillen erwarten lassen. Kommen die noch?