Schnell zu sein reicht nicht

15.08.2016 • 18:36 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Selfie der besten Siebenkämpferinnen Brianne Theisen-Eaton, Nafissatou Thiam und Jessica Ennis-Hill mit 100-m-Olympiasieger Usain Bolt. Fotos: GEPA
Selfie der besten Siebenkämpferinnen Brianne Theisen-Eaton, Nafissatou Thiam und Jessica Ennis-Hill mit 100-m-Olympiasieger Usain Bolt. Fotos: GEPA

Das wichtigste Gold hat Usain Bolt. Dahinter fehlt einer, der die Szene mitreißt.

Rio de JAneiro. Wohl selten war die Leichtathletik einem Menschen ähnlich ausgeliefert wie dieser Tage Usain Bolt. Am Sonntagabend, 22.25 Uhr brasilianischer Ortszeit, wurde das im Olympiastadion von Rio de Janeiro einmal mehr offensichtlich: Der Südafrikaner Wayde van Niekerk konnte um 22 Uhr, also kurz zuvor, einen Fabelweltrekord über 400 Meter laufen und Michael Johnsons 17 Jahre alte Bestzeit vergessen machen (43,03 Sek.) – im Stadion verpuffte das wie ein Feuerwerk. Ein kurzer Aufschrei, dann ging das Publikumsinteresse wieder zu den Dreispringerinnen über. Dann kam Usain Bolt, der 29-jährige Alleinunterhalter, der elffache Weltmeister und in Rio am Weg zum „Triple-Triple“ (dritter Dreifach-Olympiasieg in Folge).

80.000 Fans verstummten

Der ganze Stadtteil Engenho de Dentro war im Vorfeld hermetisch abgeriegelt worden, um der Zuschauermassen Herr zu werden. Für einen Lauf, für einen Mann. Der Jamaikaner gab den Takt vor: Den Zeigefinger am Mund verstummte das Stadion und seine 80.000 Gäste. Ein langsamer Start des Jamaikaners, ein unwiderstehlicher Zielsprint, Gold. Mama Jennifer durfte als eine der Ersten gratulieren, sie hat noch zwei Mal die Gelegenheit dazu (200 m, 4 x 100 m). Es waren seine Momente, das Publikum verließ das Stadion nicht, es staunte über IHN, der mehr als nur schnell sein will: „Ich will immer eine Show liefern.“

Gestern war Bolt-Zeit. Die des ehemaligen Dopingsünders Justin Gatlin war es nie, der US-Amerikaner wurde bei seiner Vorstellung gnadenlos ausgepfiffen. Und nach seiner Zielankunft. Auch seine Silbermedaille interessierte keinen, seine Ehrenrunde war wohl mehr Trotz als Genugtuung. Sogar seinem Freund Usain Bolt stieß das auf: „Ich war überrascht. Es war das erste Mal, dass ich in ein Stadion gekommen bin, und sie haben jemanden ausgebuht. Es war schockierend.“ Doch Gatlin machte gute Miene zum Spiel: „Ich habe sehr großen Respekt vor Usain Bolt und bin froh, dass ich Teil eines historischen Rennens sein durfte.“

Bolt als Witzfigur

Noch weniger intessierte die Bronzene des Kanadiers Andre de Grasse. Wer war das schon wieder? Aber die Rechnung ist einfach: Der Kanadier hat auf Facebook 8548 Likes, Bolt 17.705.860. Über Bolt gibt es sogar Witze, die vor einem 100-m-Lauf wie dem gestrigen durch den Pressebereich geistern – wer kann das schon von sich behaupten. Frage: Was macht Usain Bolt, wenn er den Bus verpasst? Antwort: Er wartet an der nächsten Station.

Historisches erreichen

Dabei war Bolt gestern gar nicht so flink – 9,81 Sekunden, damit acht Hundertstel vor Gatlin und eine Zehntel vor de Grasse: „Ich war nicht so schnell, aber ich bin so glücklich, dass ich gewonnen habe.“ Viel mehr hat Bolt Interesse daran, Geschichte zu schreiben: „Jemand hat gesagt, ich kann unsterblich werden. Ich brauche noch zwei Goldmedaillen (über 200 m und 4 x 100 m, Anm.), dann kann ich’s unterschreiben: Unsterblich!“

Seine Legende mag unsterblich sein, der Körper indes ist das nicht. Heuer hatte der Jamaikaner schon Probleme mit dem Knöchel, zuletzt mit dem Oberschenkel. Immer wieder soll er zu seinem bayrischen Vertrauensarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt gereist sein, auch der Südtiroler Fitnesstrainer Silvio Martinello spielt eine große Rolle in Bolts Karriere. Aber mit der soll es im August 2017 zu Ende gehen. Die Leichtathletik hat noch ein Jahr Zeit, sich einen neuen Helden zu suchen, für die Schwimmer ist die vorbei: Phelps ging eben in Pension.

30 Millionen Gage

Die Probleme der Leichtathletik und Schwimmer sind hausgemacht, zwischen Dopingskandalen und fehlenden Attraktionen wirkt Bolt in Rio wie die Christus-Statue und Phelps daneben wie der Zuckerhut. Der Jamaikaner soll jährlich mehr als 30 Millionen US-Dollar verdienen, der Sport selbst ist nur für einen Bruchteil davon verantwortlich. Die Szene braucht ihn mehr als umgekehrt.

Noch zwei Goldmedaillen und dann bin ich unsterblich.

Usain bolt