Unser unendliches Geraunze

18.08.2016 • 20:28 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Surf-Olympiasieger Christoph Sieber rechnet mit dem österreichischen System ab.

RIo de JAneiro. Er ist einer, der sich noch nie ein Blatt vor den Mund genommen hat: Christoph Sieber, im Jahr 2000 Surf-Olympiasieger in Sydney, ist in Rio als Chef de Mission des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC) ein gefragter Mann. Im Gespräch zieht er eine persönliche Bilanz, in der er Strukturen kritisiert und sich über Österreichs manisch-depressive Art ärgert.

Die Spiele befinden sich auf der Zielgeraden, wie schaut Ihre Bilanz aus?

Sieber: Bei mir ist es immer die Frage, aus welcher Perspektive ich das betrachte. Ich habe hier ja mehrere Rollen. Als Chef de Mission bin ich zunächst einmal froh, dass uns die Gestaltung des Umfelds gelungen ist. Vor allem am Anfang war das nicht einfach, aber davon hat das Team nichts mitbekommen.

Und Ihr sportliches Resümee?

Sieber: Was hier passiert ist, war genau so zu erwarten. Wenn man Medaillen planen möchte, müsste man im Vorfeld ganz anders, nämlich mit noch deutlicherer Konsequenz, agieren.

Wäre es erstrebenswert, ähnlich wie das „Team England“ nur Disziplinen zu fördern, in denen es reelle Medaillenchancen gibt, und die anderen Sportarten links liegen zu lassen?

Sieber: Man muss die Sache nicht, wie es so gern gemacht wird, nur schwarz oder weiß sehen. Es ist klar, wenn man Medaillen möchte, muss man sich so wie die Briten fokussieren. Das soll aber nicht heißen, dass man alle anderen Disziplinen fallenlässt wie eine heiße Kartoffel. Man kann nicht ausschließlich auf Dinge wie das „Projekt Rio“ setzen. Das ist eine Symptombehandlung, hat aber keine Nachhaltigkeit.

War das Projekt Rio nur eine Krücke auf dem Weg zu Medaillen?

Sieber: Nein, das ist keine Krücke, das ist eine Minimalanforderung, wenn man Athleten auf Olympische Spiele vorbereitet. Egal, welches Mascherl die olympische Spitzensportförderung zukünftig haben wird, sie ist auf alle Fälle notwendig. Und die Summen, die hier verwendet werden, sind im internationalen Vergleich geradezu lächerlich. Was eine Sportart im Projekt Rio für ein Jahr bekommt, gibt ein anderes Land in einem Monat aus. Wir kämpfen da gegen Windmühlen.

Aber die Sportförderung ist insgesamt in Österreich durchaus recht üppig,
auch im internationalen Vergleich.

Sieber: Ja, aber wir haben ein unglaublich aufgeblasenes System. Wir müssten die Kräfte bündeln. Man braucht die Strukturen nicht neu zu erfinden, es gibt genug internationale Best-Practice-Beispiele, die zeigen, dass man eine Institution schaffen muss, in der die Kompetenz gesammelt und die Strategie entworfen und mittels der geeinten Fördergeldvergabe einverlangt wird. Die Abrechnungsregeln gehören folglich überarbeitet, und es muss massiv ins Trai­nerwesen investiert werden. An dem wird man nicht vorbeikommen, wenn man im Spitzensport erfolgreich sein und im Nachwuchsbereich nachhaltig erfolgreich sein möchte. Dass man Sport gleichzeitig im Bildungsbereich als gleichwertiges Fach verankern muss, ist auch klar. Aber wer weiß, vielleicht wollen manche gar nicht, dass es mehr gesündere Menschen gibt. Ich habe einmal gehört, dass man am gesunden Menschen weniger verdienen kann.

Was denken Sie sich, wenn Sie den Sportminister hören, der in Rio verlangt hat, dass Sport und Politik getrennt gehören und man unabhängige Experten braucht?

Sieber: Als gelernter
Österreicher ist das eine melodiöse Musik in den Ohren. Aber das betrifft nicht nur den Sport, dass Kompetenz zählen sollte und nicht das Parteibuch.

Haben Sie hier in Rio die Magie der Olympischen Spiele gespürt, oder ist das auch ein falscher Zauber?

Sieber: Die Magie ist vorhanden, die spüren auch die Athleten. Als Österreicher, wenn man manche Medien konsumiert, ist es vielleicht schwer, die Bereitschaft für diese Magie aufrechtzuerhalten. Ich würde am liebsten in Zukunft allen Athleten ein halbes Jahr vor den Spielen und während der Spiele, ihrem Fokus zuliebe, das Internet wegnehmen.

Es wird aber nicht nur geraunzt, viele Sportler werden ja auch gehypt und schon vor dem Bewerb als Sieger gefeiert . . .?

Sieber: Diese Herangehensweise ist manchmal nicht realistisch, sie kann manisch- depressiv sein. Genauso wie bei der Fußball-EM. Vorher alles in den Himmel zu loben und dann den großen Katzenjammer zu veranstalten ist eine Amplitude der Gefühle, die einfach niemandem zuträglich ist. Es wäre gut, hier positiv realistisch zu bleiben. Unsere vielen Top-Ten-Plätze in Rio sind ein Zeichen für ein gutes Leistungsniveau von zahlreichen Sportlern.

Diese Raunzerei gibt es nur in Österreich und in anderen Ländern nicht?

Sieber: Ich bin froh, dass ich in meiner aktiven Zeit kaum in Österreich war. Natürlich gibt es so etwas woanders auch, aber sich selbst derart zunichte zu machen, ist schon eine österreichische Spezialität und wird bei uns schon manchmal genussvoll zelebriert.