„Es muss vieles hinterfragt werden“

Sport / 21.08.2016 • 23:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

ÖOC-Präsident Karl Stoss fordert klare Strategien nach der mageren Ausbeute.

Rio de Janeiro. Österreich nimmt von den Sommerspielen in Brasilien eine Bronzemedaille durch das Nacra-17-Duo Thomas Zajac/Tanja Frank und insgesamt 17 Top-Ten-Plätze mit nach Hause. Schlechter sah es nur 1964 in Tokio und 2012 in London aus, als Edelmetall gänzlich ausblieb.

Mit der Hoffnung auf eine Handvoll Edelmetall war die 71-köpfige Sportler-Delegation in die Metropole unter dem Zuckerhut gereist. „Das Ziel ist drei bis fünf Medaillen“, hatte Peter Schröcksnadel, der Leiter des vom Sportministerium mit 20 Millionen Euro finanzierten „Projekt Rio“ gesagt. „Am Ende des Tages machen wir ja keinen Betriebsausflug, sondern man wird an den sportlichen Erfolgen gemessen“, betonte ÖOC-Präsident Karl Stoss.

Legt man diesen Maßstab nun an, dann ist das Abschneiden äußerst ernüchternd. Zwar haben junge Athleten wie Schützin Olivia Hofmann, Judo-Lady Bernadette Graf (jeweils Fünfte), Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger und Ruderin Magdalena Lobnig (jeweils Sechste) ein Versprechen für die Zukunft abgegeben, die Asse stachen aber nicht.

Die Segler Lara Vadlau/Jolanta Ogar (470er) und Nico Delle Karth/Niko Resch (49er) oder auch Wildwasser-Slalom-Kanutin Corinna Kuhnle waren hoch gehandelt worden. Auch vom Tischtennis-Herren-Team oder den Beach-Volleyballern war mehr erwartet worden, eine Medaille aus dem Judoteam oder von den Schützen schien ebenfalls möglich.

Stoss wünscht Neustart

Sportminister Hans Peter Doskozil und ÖOC-Chef Stoss betonten nun, dass weitere Reformen unverzichtbar sind. Das undurchsichtige Fördersystem soll zentralisiert, sowie weiter in die Verbesserung der Infrastruktur investiert werden. Stoss wünscht sich eine „Stunde null“ für den österreichischen Sport, alles soll hinterfragt werden.

„Wir sind erleichtert, wir sind nicht ganz zufrieden, wir haben noch eine Menge zu tun“, erklärte Stoss in seiner bereits zwei Tage vor der Schlussfeier erfolgten Bilanz. Als ersten Schritt wolle man nun jeden Athleten analysieren und Gespräche mit den Fachverbänden führen. „Es ist der zaghafte Beginn eines sehr langen, sehr intensiven Weges“, sagte der NOK-Präsident, der vor Beginn der Spiele von der Session als neues Mitglied in das Internationale Olympische Komitee aufgenommen worden war.

Es ginge nun darum, eine klare Zielsetzung für vier bis acht Jahre zu definieren. „Die Zeit vor Rio war zu kurz. Wir haben ein Investment getätigt, der Return ist noch nicht da. Wir müssen uns Gedanken machen, welche Strategie wir verfolgen wollen.“

Es ist der Wunsch, das Projekt Rio auf Tokio 2020 hin unter neuem Namen fortzuführen. Das ÖOC will jedenfalls mehr Verantwortung übernehmen. „Wir sind nicht nur für die Beschickung da, wir gehen auch in die Verantwortlichkeit, wenn man uns lässt“, stellte Stoss klar. Auch in die Zusammenarbeit von Fachverbänden und Olympiazentren soll weiter investiert werden, Trainer-Know-how aus dem In- und Ausland sowie aus Sport- und Ernährungswissenschaft nannte Stoss als wichtige Bausteine.

Sieber schützt Athleten

Nicht nur physisch, sondern auch mental sollen die Sportler noch besser auf das Ereignis Olympische Spiele mit all seinen Nebengeräuschen vorbereitet werden. „Man kann nicht ändern, was andere über einen sagen oder schreiben. Man kann nur an sich selbst arbeiten, dass man eine dickere Haut bekommt und auf sich selbst konzentriert. Das wird das Wichtigste sein“, sagte Christoph Sieber, der Chef de Mission der österreichischen Olympia-Mannschaft.

Wie bereits vor vier Jahren in London sahen sich zahlreiche Athleten mit dem Schlagwort „Olympia-Tourismus“ in diversen heimischen Medien konfrontiert. Mit „hetzerischen Artikeln und Kommentaren auf Online-plattformen“ sei eine Stimmung verbreitet worden, da brauche man als Athlet eine sehr dicke Haut, damit man „sein Cool“ nicht verliere, meinte Sieber. Wegen der fehlenden Medaillen sei in Rio mit Fortdauer der Spiele die Aufmerksamkeit auf dem Geraunze gelegen.

Es gibt nichts zu beschönigen: Wir sind in Rio ganz klar hinter unseren Erwartungen geblieben.

Karl Stoss
Tanja Frank und Thomas Zajac sorgten mit Bronze dafür, dass Österreich in Rio die Nullnummer von London 2012 erspart blieb.  Foto: gepa
Tanja Frank und Thomas Zajac sorgten mit Bronze dafür, dass Österreich in Rio die Nullnummer von London 2012 erspart blieb. Foto: gepa