Neymar bringt den Stolz zurück

21.08.2016 • 19:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Superstar Neymar verwandelte im Fußball-Endspiel gegen Deutschland den entscheidenden Elfmeter zum 5:4-Erfolg. Foto: afp
Superstar Neymar verwandelte im Fußball-Endspiel gegen Deutschland den entscheidenden Elfmeter zum 5:4-Erfolg. Foto: afp

Superstar führt Brasilien mit Gold im Fußball zur wichtigsten Medaille für die Gastgeber.

Rio de Janeiro. Als der goldene Elfmeterschuss saß, gehorchte ihm sein Körper nicht mehr. Immer wieder fiel Neymar Jr. nach dem dramatischen Schlussakt im olympischen Fußballfinale bäuchlings auf den Boden, von Weinkrämpfen geschüttelt, unfähig zu jubeln. Und dann warf er das letzte Gramm der erdrückenden Zentnerlast ab.

„Ab heute will ich nicht mehr Kapitän der Seleçao sein“, verkündete in den Katakomben des mythischen Maracanas ein erst 24-Jähriger. Da war es gerade erst eine Stunde her, dass er Brasilien und sich selbst beim 5:4 im Elfmeterdrama gegen Deutschland vor einem neuen Debakel bewahrte – und kollektive Glückseligkeit schenkte.

„Mit Größe ausgerichtet“

Natürlich bleibt das „Maracanazo“, die Niederlage im entscheidenden WM-Spiel 1950 gegen Uruguay (1:2), ein ewiges Trauma, das „Sete a Um“ (7:1) vor zwei Jahren im WM-Halbfinale gegen Deutschland eine nie vernarbende Wunde. Seit Samstag fühlt sich Brasilien

aber

wieder

ein Stück weit als „País do Futebol“, als Land des Fußballs.„Ein historischer Moment“, twitterte kurz nach Abpfiff kein Geringerer als der umstrittene Interims-Staatspräsident Michel Temer. Er sprach vielen seiner Landsleute aus der Seele, als er weiterschrieb: „Es ist die Stunde gekommen, um uns mit der Größe unseres Brasiliens wieder aufzurichten.“

Fünf WM-Titel, aber kein Olympiasieg: Neymar und Co. standen in Rio de Janeiro in der Bringschuld. Und weil der Superstar des FC Barcelona vor vier Jahren in London, bei der dritten Endspiel-Niederlage der „Canarinhos“ nach 1984 und 1988, den Versagerstempel aufgedrückt bekommen hatte, ließ er mächtig Dampf ab.

„Ich erinnere mich, wie ihr über uns hergefallen seid, aber wir haben mit Fußball geantwortet. Jetzt müsst ihr mich schlucken“, waren seine ersten Worte in die Kamera.

Der Spruch ist in Brasilien ein geflügeltes Wort, seit Trainerfuchs Mario Zagallo wegen heftiger Presseattacken nach dem Copa-America-Triumph 1997 in die TV-Kameras giftete und Dampf abließ.

Weil Deutschlands Spielführer Max Meyer (59.) die Führung durch den Seleçao-Kapitän (26.) ausglich und so die Dramatik erst schuf, erlebte Brasiliens Fußballtempel wieder einmal einen magischen Moment. „Ich habe so viele Erinnerungen an das Maracana, und heute ist eine neue geschaffen worden. Was für ein perfektes Finale für die Olympischen Spiele“, twitterte Pelé.

Rücktritt als Kapitän

Wem dafür der Dank galt, daran ließ auch Trainer Rógerio Micale keinen Zweifel. „Obrigado, Neymar“, danke, Junge, schrie der für Olympia von Erstligist Atlético Mineiro abgestellte Jugendcoach seinem Schützling wieder und wieder ins Ohr.

Aber in der Stunde seines größten Triumphs schaute der Macher hinter den jungen Stars lieber voraus. „Für die Zukunft haben wir nun mehr Ruhe, um mit dieser Situation umzugehen. Unser Fußball ist nicht tot. Wir können dem Weltfußball noch viel geben“, sagte der 47-Jährige erleichtert.