Razzia auch bei des Kaisers Freund

Sport / 02.09.2016 • 18:56 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bild aus dem Jahre 2000 mit Franz Beckenbauer (links) und seinem engen Vertrauten Fedor Radmann. Foto: afp
Bild aus dem Jahre 2000 mit Franz Beckenbauer (links) und seinem engen Vertrauten Fedor Radmann. Foto: afp

Ermittlungen in der Schweiz gegen die deutschen WM-Macher von 2006 schlagen hohe Wellen.

schwarzach. Franz Beckenbauer hatte zum gediegenen Dinner geladen. In einem Zürcher Edelhotel wollte der 70-Jährige, seit Kurzem Jungwinzer in Südafrika, am Freitagabend eigentlich „Des Kaisers Weine“ vorstellen – mit „Anekdoten und Geschichten aus dem Fass, aber auch vom Fußballfeld“. Die dunklen Schatten der Vergangenheit aber zwangen die einstige Lichtgestalt, sich zu verkriechen. Beckenbauer sagte die ausgebuchte Veranstaltung lieber ab.

Die Durchsuchung seines Anwesens in Salzburg und die offizielle Bekanntgabe der Schweizer Ermittlungen im WM-Skandal 2006 lassen das Denkmal des damaligen Organisationschefs weiter in sich zusammenfallen. An der in der Einladung nach Zürich angepriesenen Möglichkeit, Beckenbauer „persönlich kennenzulernen“ haben seit Monaten vor allem die Behörden Interesse. Dem „Kaiser“ drohen harte strafrechtliche Konsequenzen.

Unschuldsvermutung gilt

„Die Fragen rund um die WM 2006 sind bisher von den Beteiligten nicht wirklich beantwortet worden“, sagte Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Immerhin ermittelt die Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) schon seit November 2015. Verdächtigt werden neben Beckenbauer auch die früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger (71) und Wolfgang Niersbach (65) sowie der ehemalige Generalsekretär Horst R. Schmidt (74). Sie sollen „durch Vorspiegelung und Unterdrückung von Tatsachen arglistig irregeführt haben“, was den Deutschen Fußball-Bund (DFB) letztlich „am Vermögen schädigte“, lautet der Vorwurf der BA. Gleichwohl gelte für alle die Unschuldsvermutung.

Konkret geht es um die 6,7 Millionen Euro, die 2005 vom deutschen WM-Organisationskomitee über den Weltverband FIFA mutmaßlich an den früheren adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus überwiesen worden sind. Exakt diese Summe war drei Jahre zuvor offenkundig in Form von Vorleistungen von Beckenbauer und Louis-Dreyfus an den früheren FIFA-Skandalfunktionär Mohamed Bin Hammam nach Katar geflossen. Der weiterhin ungeklärte Zweck dieser Zahlungen ist der Kern der gesamten Affäre.

Zwanziger ging nun in die Offensive. Der streitbare Ex-Funktionär ließ über seinen Anwalt mitteilen, dass ihn die Eröffnung des Strafverfahrens in „seiner Ehre und seinen Rechten“ verletzte. „Wir werden deshalb Strafanzeigen gegen die Schweizer Ermittler sowohl bei der dortigen Bundesanwaltschaft als auch bei den deutschen Strafverfolgungsbehörden stellen“, ließ Zwanziger ausrichten. Zudem seien die Ermittlungen in der Schweiz rechtswidrig.

Dem Fußball droht ein belastender Rechtsstreit. Würde gegen Beckenbauer in der Schweiz Anklage erhoben, müsste seine Wahl-Heimat Österreich das Idol ausliefern. In Deutschland wäre der WM-Kapitän von 1974 und WM-Teamchef von 1990 dagegen „sicher“: Eigene Staatsbürger werden von praktisch keinem europäischen Land vor fremde Gerichte geschickt und sind in Deutschland außerdem durch das Grundgesetz geschützt.

Razzia auch im Appenzell

Die BA wird über die Ermittlungen gegen das deutsche Quartett auch die Rolle der FIFA weiter beleuchten. Bei den acht Razzien, die von den Ermittlern bestätigt wurden, sollen auch die Häuser früherer Weltverbands-Funktionäre gewesen sein. Die Gretchenfrage bleibt, wo die Bin-Hammam-Millionen einst versandet sind. Angeblich ermittelt wegen Verbindungen zum FIFA-Korruptionsskandal selbst die US-Bundespolizei FBI. Die Schweizer Behörden hatten im Zuge der Verhaftungswellen im vergangenen Jahr mehrere Terabyte Daten in der FIFA-Zentrale gesichert, es geht vor allem um den Verdacht der Geldwäsche.

Auch das Anwesen von Beckenbauers „Schattenmann“ Fedor Radmann in Teufen bei St. Gallen wurde durchsucht. Der Berater soll bei Millionenzahlungen von der FIFA an Beckenbauer, der damals im Exekutivkomitee saß, zwischen 2008 und 2011 zwischengeschaltet gewesen sein. 1993 organisierte Radman die Eishockey-WM in München und Dortmund. Im Jänner 2001 wurde er Vizepräsident des Organisationskomitees für die WM 2006.

Wir werden Strafanzeige gegen die Ermittler stellen.

Zwanziger-Anwalt H.-J. Metz