Seisenbacher droht nun Haftbefehl

Sport / 19.12.2016 • 22:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ex-Judoka blieb Prozess wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen unentschuldigt fern.

Wien. Der Prozess gegen Judo-Doppelolympiasieger Peter Seisenbacher, der sich ab Montag wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen im Wiener Landesgericht verantworten hätte müssen, ist auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Der Angeklagte, seit 1996 Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, war unentschuldigt nicht zur Verhandlung erschienen – offenbar auch zur Überraschung seines Verteidigers. „Ich weiß nicht, warum er nicht gekommen ist“, antwortete Rechtsanwalt Bernhard Lehofer, nachdem Richter Christoph Bauer mit Blick auf die leer gebliebene Anklagebank fest gestellt hatte: „Mir scheint, es fehlt wer.“ Versuche, den Ex-Judoka telefonisch zu erreichen, schlugen fehl. „Vielleicht hat er den Flieger versäumt oder er ist erkrankt“, mutmaßte der Anwalt. „Ohne den Angeklagten tun wir uns schwer“, vertagte der Richter – „zur Ausforschung und Stelligmachung des Beklagten“, wie Bauer formulierte.

Trainer in Aserbaidschan

Seisenbacher könnte es passieren, dass er mit einem europäischen oder internationalen Haftbefehl zur Festnahme ausgeschrieben wird, sollte er keine plausiblen Gründe für sein Nichterscheinen nachliefern. Dem Gericht lagen keine Informationen vor, ob Seisenbacher, der aktuel als Judo-Nationaltrainer von Aserbaidschan tätig ist, überhaupt die Reise nach Wien angetreten hat.

Weder die Staatsanwaltschaft noch das Landesgericht für Strafsachen waren zu einer offiziellen Stellungnahme zum weiteren Vorgehen bereit. Sollte es weiter kein Lebenszeichen von Seisenbacher geben, ist davon auszugehen, dass sich die Justiz zum Handeln veranlasst sehen wird. Hinter vorgehaltener Hand hatten sich Rechtsexperten schon bei der Anklageerhebung gewundert, dass seitens der Justiz eine mögliche U-Haft für Seisenbacher nicht angedacht wurde. Immerhin liegen zumindest seine beruflichen Interessen im vorderasiatischen Raum. Dass Seisenbacher bei dieser Konstellation auf die Idee kommen könnte, sich bei einer Strafe von einem bis zu zehn Jahren der Strafverfolgung zu entziehen, wies die Anklagebehörde im Oktober zurück. „Es gibt keinen Anhaltspunkt für Fluchtgefahr“, meinte damals Behördensprecherin Nina Bussek. Bisher habe Seisenbacher Ladungen übernommen und keinen Anlass gegeben, er könnte sich einer allfälligen Verhandlung entziehen wollen.

Laut Anklage soll der Ex-Judoka – damals 37 Jahre alt – 1997 eine Neunjährige erstmals bedrängt haben. Von 1999 an kam es nach Angaben der Betroffenen zu geschlechtlichen Handlungen, die als schwerer sexueller Missbrauch einer Unmündigen qualifiziert sind. Das Mädchen soll bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres wiederholt missbraucht worden sein. Im Sommer 2004 soll sich Seisenbacher einem damals 13 Jahre alten Mädchen zugewandt haben, das er ebenfalls als Trainer in der Kindergruppe in seinem Judo-Verein kennengelernt hatte. Auch mit diesem Mädchen kam es gemäß der Anklage zu sexuellen Handlungen.

Der Angeklagte, für den die Unschuldsvermutung gilt, hat sich zu den Vorwürfen bisher nicht öffentlich geäußert. Die Causa Seisenbacher war aufgrund der Prominenz des Verdächtigen berichtspflichtig. Der Anklageentwurf wurde von der Oberstaatsanwaltschaft (OStA) und von dem von Justizminister Wolfgang Brandstetter eingerichteten Weisungsrat geprüft und genehmigt.

Vielleicht hat er den Flieger versäumt oder er ist erkrankt.

Anwalt Bernhard Lehofer