„Zu viel denken ist nicht schnell“

Sport / 15.01.2017 • 22:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Christine Scheyer feierte in der erst vierten Weltcup-Abfahrt ihren ersten Triumph.

Zauchensee. (VN) „Ich bin die Christl Scheyer, 22 Jahre alt und aus Vorarlberg!“ Christine Scheyers Vorstellung bei ihrer ersten Sieger-Pressekonferenz klang in Altenmarkt/Zauchensee nach Dialekt und Routinemangel. Kein Wunder, ist ihr der Premierensieg doch im erst zwölften Weltcuprennen und in der erst vierten Abfahrt gelungen. „Es ist ein Wahnsinn und im Moment noch schwer zu beschreiben“, gestand sie.

Familiäre Unterstützung

Vor dem großen Heimrennen in Salzburg hatte das zuletzt so gebeutelte ÖSV-Damenteam intensiv auf einen Erfolg oder gar einen Stockerlplatz gehofft. Aber nicht eine der erfahrenen Läuferinnen, sondern quasi eine „Neueinsteigerin“ sorgte dann unerwartet für die „perfekte Erlösung“.

Christine Scheyer kommt aus einem Sechsmäderlhaus. Neben der Mama hat sie die vier Schwestern Alexandra, Julia, Lina und Ella daheim, die Jüngste ist sechs Jahre alt. Christine ist mit ihren 22 Jahren die älteste Tochter und damit so etwas wie die „Hausfrau“. Bei ihrem größten Erfolg wurde die Christl von Julia und Lina sowie Vater Wolfgang vor Ort unterstüzt. Skifahrerisch vorbelastet ist Scheyer nicht. Ihr Vater ist Geschäftsführer jener Firma, die bei der Tochter als Kopfsponsor auftritt. „Skifahren war immer ihre Leidenschaft“, erzählt der Papa, selbst Obmann des Skiclubs Oberland. „Es war nie ein Zwang da, aber wir haben sie halt so gut es geht unterstützt.“ Ruhe und Geduld wären die Stärken seiner Tochter. „Ihre zwei schweren Verletzungen haben sie stark im Kopf gemacht, auch das zeichnet sie aus.“

Wo genau das Talent her ist, ist bei der Head-Pilotin weniger das Thema. Denn sie gilt zwar als Gefühlsfahrerin, aber auch als harte Arbeiterin. „Trainiere hart oder geh nach Hause“, lautet das Motto der jungen Dame, die nach eigenen Angaben mit zweieinhalb Jahren im Hof hinter dem Haus das Skifahren begonnen hat. Damals noch mit Schnuller im Mund. Im Dezember 2014 debütierte sie im Weltcup, an Weltcup-Speedrennen nimmt sie aber erst seit dem Vorjahr teil. Vergangenen Sommer habe sie sechs Tage die Woche trainiert. „Das hat sich ausgezahlt.“

Scheyer entstammt dem WSV Koblach, war zunächst Technikerin, ehe sie zwei Kreuzbandrisse massiv zurück- warfen. Dass sie dennoch mit erst 22 Jahren erstmals im Weltcup gewann, spricht für sie. Die 45.000 Schweizer Franken Preisgeld (brutto) waren eine schöne Begleiterscheinung.

„Schön langsam sickert‘s. Es war mein erstes Heimrennen überhaupt“, gab Scheyer in Salzburg zu. Sie habe die Kälberloch-Piste zwar schon aus dem Europacup gekannt, die restlichen Strecken seien aber meist Neuland.

Umso mehr war sie von ihrem Sieg angetan. „Ich war schon im Training von Platz zwei überrascht. Dass das dann nochmals so aufgeht, ist erstaunlich. Denn es war von der Sicht her mit Nummer 25 schon ziemlich dunkel, und es hat mich einige Male von der Ideallinie gedrängt.“ Hermann Maier sei ihr Jugend-Vorbild gewesen, jetzt ist es aber auch Mikaela Shiffrin. Im Vorjahr stieg sie via Europacup intensiv in Speedbewerbe ein und war dann auch mit der Weltcupmannschaft in Chile. Zuletzt sei ihr Vorbild deshalb eher Lindsey Vonn gewesen, sagte sie. Die Amerikanerin war in Zauchensee eine der ersten Gratulantinnen.

Eine Gefühlsfahrerin

Scheyer bezeichnet sich selbst als ruhige Gefühlsfahrerin. „Im Rennen schalte ich den Kopf aus. Zu viel denken ist nicht schnell“, erklärte sie schmunzelnd. „Ich lasse die Ski immer laufen und versuche immer, Vollgas zu geben“, sagte die Maturantin am Sportgymnasium Dornbirn, die ihr Fernstudium der Wirtschaftswissenschaften derzeit auf Eis gelegt hat.

Dass sie mit ihrem ersten Sieg auch ihr WM-Ticket gelöst hat, entrang Scheyer ein Lächeln. „Das ist natürlich cool. Aber auch in St. Moritz kenne ich die Strecke nicht.“ Das ist bei Scheyer offenbar aber kein Problem. „Ich merke mir das leicht und schnell.“

Ich lasse die Ski immer laufen und versuche Vollgas zu geben.

Christine Scheyer
Christine Scheyer rast beim esten Weltcup-Heimauftritt zum Premierensieg. Foto: gepa
Christine Scheyer rast beim esten Weltcup-Heimauftritt zum Premierensieg. Foto: gepa
Christine Scheyer erfüllte sich in ihrem zwölften Weltcupeinsatz den Traum vom Sieg. Foto: gepa
Christine Scheyer erfüllte sich in ihrem zwölften Weltcupeinsatz den Traum vom Sieg. Foto: gepa
Erfolgsteam: Christine Scheyer mit Kolleginnen und Betreuerstab.  gepa
Erfolgsteam: Christine Scheyer mit Kolleginnen und Betreuerstab. gepa
Jung und erfolgreich: Christl Scheyer im Jahr 2005. Foto: WSVK
Jung und erfolgreich: Christl Scheyer im Jahr 2005. Foto: WSVK

Ski-Weltcup

Die Weltcup-Karriere von Christine Scheyer

1. Abfahrt Altenmarkt-Zauchensee 15. Jänner 2017

15. Super-G Val d‘Isere 18. Dezember 2016

9. Abfahrt Val d‘Isere 17. Dezember 2016

11. Kombination Val d‘Isere 16. Dezember 2016

15. Super-G Lake Louise 4. Dezember 2016

23. Abfahrt Lake Louise 3. Dezember 2016

18. Abfahrt Lake Louise 2. Dezember 2016

Nicht im Ziel Kombination Lenzerheide 13. März 2016

36. Super-G Lenzerheide 12. März 2016

23. Kombination Soldeu-El Tarter 28. Februar 2016

36. Super-G Soldeu-El Tarter 27. Februar 2016

Nicht qualifiziert Riesentorlauf Aare 12. Dezember 2014

Zur Person

Christine Scheyer

gewann bei der Abfahrt in Altenmarkt-Zauchensee ihr erstes Weltcuprennen

Geboren:18. Juli 1994

Wohnort: Götzis

Größe/Gewicht: 1,74 m/68 Kg

Familienstand: ledig

Ski/Schuhe: Head

Verein: WSV Koblach

Im ÖSV-Kader seit: 2013

Hobbys: Mountainbike, Tennis, Musik

Motto: „Trainiere hart oder gehe heim“

Beruf: Skirennläuferin, Studentin der Wirtschaftswissenschaften

Weltcup-Debüt: 12. Dezember 2014 (Riesentorlauf Aare)

Erste Weltcup-Punkte: Februar 2016 Kombination Soldeu (23.)

Größter Erfolg:

Weltcup: 1 Sieg (15. Jänner 2017, Abfahrt Altenmarkt/Zauchensee)

Verletzungen: Kreuzbandrisse 2013 und 2015