Neue Würze für Formel 1

Sport / 24.01.2017 • 20:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Chase Carey (l.) und sein Vorgänger Bernie Ecclestone. Foto: AFP
Chase Carey (l.) und sein Vorgänger Bernie Ecclestone. Foto: AFP

Die neuen Besitzer der Rennserie übergeben Chase Carey die Macht. Amerikaner will die Formel 1 umkrempeln.

london. Mehr Show, mehr Spannung, mehr Rennen: Nach dem Sturz von Alleinherrscher Bernie Ecclestone wollen die neuen Besitzer die Formel 1 umkrempeln. Chase Carey, der neue starke Mann in der Königsklasse, kündigte nach dem Mega-Deal umfassende Reformen an. „Die Formel 1 hat ein großes Potenzial mit zahlreichen ungenutzten Möglichkeiten“, sagte der Amerikaner: „Wir sehen überall Möglichkeiten für Wachstum.“

„Bin einfach weg“

Nach der perfekten Übernahme der Königsklasse durch Liberty Media war für Ecclestone, den großen kleinen Mann dieses Sports, kein Platz mehr. „Bin einfach weg“, wird er im Fachmagazin auto, motor und sport zitiert. Am Montagabend wurde die Entmachtung des 86-Jährigen offiziell verkündet, Charles G. Carey, genannt Chase, übernimmt als Präsident und Geschäftsführer der neuen Formel-1-Gesellschaft quasi seine Rolle. An der Seite des 62-Jährigen mit dem altmodischen Zwirbelbart sollen Ross Brawn, der ehemalige Vertraute von Rekordweltmeister Michael Schumacher, als Geschäftsführer Motorsport und Sean Bratches (Geschäftsführer kommerzielle Angelegenheiten) die Formel 1 ab sofort aus der Krise führen.

Der zurückgetretene Weltmeister Nico Rosberg legt große Hoffnungen in die neue Führung. „Eine Veränderung war überfällig“, schrieb der 31-Jährige bei Twitter: „Mr. Carey, viel Erfolg dabei, unseren Sport wieder großartig zu machen.“ Zuletzt hatte der regierende F-1-Titelträger schon gesagt: „Ich denke, Liberty Media kann ein wenig Würze hereinbringen. Vielleicht können sie das Ganze sogar ein wenig amerikanisieren, auf Showbusiness verstehen sie sich eben. Und das brauchen wir jetzt.“

Ex-Weltmeister Niki Lauda reagierte zurückhaltender auf die mögliche Revolution. „Es ist noch zu früh, um etwas zu sagen. Wir müssen abwarten“, sagte der Aufsichtsrats-Chef des Mercedes-Rennstalls.

Langfristige Visionen

Carey hat jedenfalls große Pläne, „langfristige Visionen“, wie der Harvard-Absolvent sagt. Die Zeiten der Diktatur in der Formel 1 sollen ein Ende haben. Man könne zwar nicht immer alle glücklich machen, aber man müsse „verstehen, was alle wollen, und dann einen Weg finden“, hatte Carey zuletzt gesagt.

Das neue F-1-Triumvirat will die Präsenz das PS-Spektakels auf digitalen Plattformen und in den sozialen Netzwerken verstärken, um neue, junge Fans zu gewinnen. Zudem sollen der Rennkalender „entwickelt“ und die Geldverteilung unter den Rennställen reformiert werden, um die Chancengleichheit zu erhöhen. Zudem soll das komplizierte technische Reglement auf den Prüfstand kommen. Die Formel 1 müsse wieder „einfacher“ werden, sagte Brawn, der Schumacher als „Superhirn“ zu allen sieben WM-Titeln geführt hatte. Selbst er habe zuletzt „nicht mehr verstanden, was eigentlich passierte“. Die Zahl der Rennen soll weiter aufgestockt werden, auf bis zu 25 pro Saison. Dabei werden Standorte wie New York, Miami, Los Angeles und Las Vegas in Erwägung gezogen. Europa, so hieß es bislang, müsse dennoch Kernmarkt bleiben. Die Strecken sollen entlastet werden, um Standorte wie Hockenheim, Monza, Spa und Silverstone im Kalender zu halten.

Jeder Grand Prix soll zu einem Mega-Event werden. Bescheidenes Vorbild: Der Super Bowl. „Es wird alles anders werden. Es ist eine
gute Chance für uns alle“, sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff: „Jetzt geht‘s da­rum, den Sport zu optimieren: Die Amerikaner wissen, was es braucht, um Unterhaltung zu erzeugen, ohne den Sport aus den Augen zu verlieren.“

Carey will zudem wohl ein heikles Thema anpacken, mit dem Ecclestone seine Macht aufgebaut hatte: Die ungerechte Verteilung des Geldes. Die großen Teams erhielten bisher üppige Bonuszahlungen, kleinere Rennställe müssen hingegen stets den Bankrott fürchten. Der größte Verlierer könnte Ferrari sein: Ecclestone zahlte der Scuderia zuletzt stets eine Art Antrittsgage von rund 100 Millionen Euro. „Wir denken darüber nach, die Team-Zahlungen anzugleichen, um so mehr Fairness zu schaffen“, sagte Liberty-Media-Chef Greg Maffei.

Sportlich beginnt die neue Zeitrechnung in der Formel 1 am 26. März mit dem Grand Prix Australia in Melbourne.

Bernie war ein Ein-Mann-Team – das hat nicht mehr in die Formel ­1­ der heutige Welt gepasst.

Chase Carey