„Jetzt geht es richtig ab . . .“

19.03.2017 • 20:37 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Stefan Kraft zeigt, wo er in Vikersund gelandet ist: Bei 253, 5 Metern steht der neue Weltrekord. Foto: gepa
Stefan Kraft zeigt, wo er in Vikersund gelandet ist: Bei 253, 5 Metern steht der neue Weltrekord. Foto: gepa

Stefan Kraft stößt mit Weltrekord von 253,5 Metern in eine neue Dimension vor.

Vikersund. Stefan Kraft stapfte nach seinem spektakulären Weltrekord-Flug noch einmal zurück auf den Hang. Genau dort, wo der Salzburger kurz zuvor nach unglaublichen 253,5 Metern zur Landung angesetzt hatte, ging Kraft in die Knie und deutete mit dem Finger in den Schnee. „Hier war es. Wahnsinn, einfach Wahnsinn. Genau dafür fängt man mit dem Skispringen an“, sagte der 23-Jährige nach seinem Vorstoß in neue Dimensionen.

Pures Adrenalin

Nur zwei Wochen nach Doppel-Gold bei der WM in Lahti setzte Kraft mit der Bestmarke seinem Traumwinter die Krone auf. Auf dem Monsterbakken in Vikersund, der größten Schanze der Welt, flog und flog er, lag sechs Sekunden in der Luft, sieben, acht – und setzte in letzter Sekunde zu einer höchst wackligen Landung an. Kraft blieb mit Mühe auf den Ski, der Rest war Jubel.

„Bei 100 Metern habe ich gemerkt: Jetzt geht es richtig ab, das wird ein Weltrekord. Bei 200 Metern dachte ich nur noch: Bitte steh den Sprung, schmeiß dich nicht hin“, sagte Kraft. Es klappte: Das Flugwunder brachte wenige Millimeter zwischen sein Gesäß und den Schnee, nur einer der fünf Sprungrichter wertete die Landung als Sturz – Weltrekord. „Das war pures Adrenalin“, sagte Kraft.

Kaum zu glauben: Erst wenige Minuten zuvor war der „fliegende Schnauzbart“ Robert Johansson auf 252,0 Meter gesegelt und hatte den zwei Jahre alten Weltrekord seines norwegischen Teamkollegen Anders Fannemel um einen halben Meter verbessert. „Vielleicht ist jetzt noch ein halber Meter oder ein Meter mehr drin – dann wird es gefährlich“, sagte Norwegens Nationaltrainer Alexander Stöckl. Sein Satz war kaum beendet, da belehrte ihn Kraft eines Besseren. Und die Weitenjagd geht weiter, sogar 300 Meter sind nicht ausgeschlossen. „Vor 20 Jahren konnte sich kaum jemand vorstellen, dass es mal weiter als 250 Meter gehen würde. Ich hoffe, dass irgendwann auch Flüge an die 300-Meter-Marke möglich sind. Das wäre gigantisch“, sagt Fannemel. Der Skandinavier war zwei Jahre lang mit der „251,5“ auf seinen Ski an den Start gegangen. Die kann er nun in die Ecke stellen.

300 Meter sind möglich

Auch FIS-Renndirektor Walter Hofer weiß, dass „300 Meter und mehr theoretisch möglich sind“. Doch der Weltverband, der 1986 den Weltrekord sogar bei 191 Metern „einfror“, bleibt vorsichtig. „Wir wollen keine Rekordjagd um jeden Preis“, sagt Hofer. Ohnehin müsste dafür eine der weltweit nur fünf Flugschanzen umgebaut werden.

Kraft war diese Diskussion herzlich egal, der österreichische Adler genoss lieber den Moment. „Ich habe Weltrekorde bisher immer nur im Fernsehen gesehen. Das ist ein riesiger Rummel, der ganze Skisprung-Zirkus flippt aus“, sagte der neue Weltrekordhalter.

Und schließlich ging es tags darauf noch um den Gesamtsieg in der neuen „Raw-Air“-Serie. Der fünfte Rang mit 237,5 und 215 Metern genügte ihm, um sich vor dem polnischen Tagessieger Kamil Stoch (238,5/237) und dem Deutschen Andreas Wellinger (wurde nur 18.) den Siegerscheck über 60.000 Euro zu sichern.

Bei 200 Meter dachte ich nur: Bitte steh den Sprung.

Stefan Kraft

Ski nordisch

Weltrekordentwicklung im Skifliegen seit 1976

1976 Oberstdorf Toni Innauer (AUT) 176

1981 Oberstdorf Armin Kogler (AUT) 180

1984 Oberstdorf Matti Nykänen (FIN) 185

1985 Planica Matti Nykänen (FIN) 191

1986 Kulm Andreas Felder (AUT) 191

1987 Planica Pjotr Fijas (POL) 194

1994 Planica Martin Höllwarth (AUT) 196

1994 Planica Toni Nieminen (FIN) 203

1997 Planica Espen Bredesen (NOR) 210

1999 Planica Tommy Ingebrigtsen (NOR) 219,5

2000 Planica Thomas Hörl (AUT) 224,5

2000 Planica Andreas Goldberger(AUT) 225

2003 Planica Matti Hautamäki (FIN) 231

2005 Planica Björn E. Romören (NOR) 234,5

2005 Planica Matti Hautamäki (FIN) 235,5

2005 Planica Björn Einar Romören (NOR) 239

2011 Vikersund Johan Remen Evensen (NOR) 246,5

2015 Vikersund Peter Prevc (SLO) 250

2015 Vikersund Anders Fannemel (NOR) 251,5

2017 Vikersund Robert Johansson (NOR) 252

2017 Vikersund Stefan Kraft (AUT) 253,5