„Mein Leben ist der Rennsport“

10.04.2017 • 18:44 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein redseliger Gerhard Berger stellte sich in Hockenheim den Fragen zur DTM-Saison. Fotos: Nogger/2
Ein redseliger Gerhard Berger stellte sich in Hockenheim den Fragen zur DTM-Saison. Fotos: Nogger/2

Mit dem Tiroler Ex-Formel-1-Fahrer als Chef erlebt die DTM eine Aufbruchstimmung.

Hockenheim. Gerhard Berger ist Vollblut-Racer, zugleich ein knallharter Geschäftsmann. Diese Mischung macht ihn zum idealen Boss der Deutschen-Tourenwagen-Masters-Rennserie (DTM). Obwohl erst seit drei Wochen im Amt, bringt er neuen Schwung. Nach seiner 14-jährigen F-1-Laufbahn war er von 1998 bis 2003 BMW-Motorsportchef. Von 2006 bis 2008 war er Hälfte-Eigentümer des RB-Schwesterteams Toro Rosso. Ab 2012 war der gebürtige Wörgler Präsident der FIA-Singleseater-Kommission unter Jean Todt und erweckte die F-3-EM zu neuem Leben. Jetzt probiert er erstmals, an einer Rennserie mitzuwirken. Anlässlich der offiziellen Testtage in Hockenheim, wo er vor 20 Jahren seinen zehnten und letzten GP-Sieg feierte, stellte er sich auch den VN-Fragen.

Wer hat Sie eigentlich überredet, DTM-Chef zu werden, bzw. wie ist es dazu gekommen?

Berger: Alle drei Motorsportchefs von Audi, BMW und Mercedes-Benz (Anm. d. Red.: Dieter Gass, Jens Marquardt und Toto Wolff) haben bei mir angefragt. Nach drei Jahren, in denen ich nicht viel im Rennsport machte, suchte ich eine neue Aufgabe in der Branche, denn mein Leben ist der Motorsport. Die Anfrage kam zum richtigen Zeitpunkt. Eine Funktion in der Formel 1 wollte ich mir nicht mehr antun. Bei 20 Rennen, verstreut auf der ganzen Welt, hätte ich zu viele Kompromisse eingehen müssen. Da ich noch zwei kleine Kinder habe, möchte ich mehr bei meiner Familie sein. Die DTM hat nur neun Rennwochenenden und die Rennstrecken sind geografisch nicht so weit entfernt. Ich habe die DTM immer beobachtet. Die neue Aufgabe ist jetzt genau das, was ich machen möchte.

Sie möchten die DTM für die Fans interessanter machen. Haben Sie schon konkrete Vorstellungen, Ideen?

Berger: Ich möchte mir die Rennserie zuerst einmal ganz genau anschauen, die Leute hinter den Herstellern und des Deutschen-Motorsport-Bundes (DMSB), die am Reglement mitwirken, besser kennenlernen. Schnellschüsse sind oft falsch. Grundsätzlich ist die Serie gut aufgestellt. In der Vergangenheit wurde vieles richtig und gut gemacht, aber es gibt freilich Stellschrauben, an denen man drehen muss.

Was für Stellschrauben?

Berger: Für heuer gibt es viele Änderungen. Z. B. sind heuer die Reifen-Heizdecken verboten. Die Pneus sind also nach dem Reifenwechsel-Pflichtboxenstopp noch kalt. Da wird es der Fahrer in der Hand haben, etwas daraus zu machen. Dann sind die Fans freilich unsere Kunden. Wir wollen heuer bei den Rennen drei Boxen komplett öffnen, damit die Zuschauer die Autos aus nächster Nähe sehen können, und im Fahrerlager wird es ein „Fan-Dorf“ geben, eine Anlaufstelle, wo Piloten hautnah zu erleben sind. Grundsätzlich will der Fan keine Premium-Technik, sondern fairen, harten Motorsport sehen. Hochgezüchtete Technik und komplizierte Regularien entfernen uns vom Fan. Hier gehört meiner Meinung nach einiges korrigiert, und das möchte ich versuchen ab 2018 zu bewerkstelligen.

Ist ein abgemagertes Starterfeld von 24 auf heuer nur noch 18 Autos der richtige Schritt?

Berger: Das ist schon okay, aber sicherlich die absolute Untergrenze. Das Ziel könnte es sein, das Fahrerfeld wieder aufzustocken.

Ihr Vorgänger, der in Lochau wohnhafte Hans-Werner Aufrecht, soll an einer Tourenwagen-Konkurrenzserie basteln. Was wissen Sie über seine Pläne?

Berger: Ich habe mit Herrn Aufrecht ein gutes Verhältnis. Unsere Wege kreuzen sich manchmal. Ich habe von seinem Projekt gehört, kann dazu aber nichts sagen, da ich nicht involviert bin.

Sie waren fünf Jahre lang BMW-Motorsportdirektor. Wie schwer ist es da, neutral zu bleiben?

Berger: Ich bin in erster Linie Motorsportler. Mir liegt viel an hartem, fairen Sport. Ich denke, ich werde kein Problem haben, auch in meiner neuen Aufgabe eine faire Rolle zu spielen. Ich kann meine Vergangenheit bei BMW von dem jetzigen Job gut trennen.

Ihr Neffe Lucas Auer, der jetzt als Mercedes-Benz-Werksfahrer in seine dritte Saison geht, hätte gerne ein DTM-Nachtrennen in Singapur. Können Sie seinen Traum vielleicht umsetzen?

Berger: Ich denke nicht, dass die DTM ein Rennen in Asien möchte. Wenn der Lucas ein Nachtrennen in Singapur fahren will, muss er schon schauen, dass er es in die Formel 1 schafft.

Ihr Tipp: Wer wird heuer DTM-Champion?

Berger: Ich habe keinen Favoriten. Was ich bei den Tests bisher gesehen habe, ist ein ausgeglichenes Feld.

Gerhard Berger (l.) im Gespräch mit Dietmar Gasser.
Gerhard Berger (l.) im Gespräch mit Dietmar Gasser.