Champion über den Tod hinaus

18.04.2017 • 19:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Jochen Rindt, Draufgänger und Playboy, aber auch ein begnadeter Motorsportler.  Foto: apa/dpa
Jochen Rindt, Draufgänger und Playboy, aber auch ein begnadeter Motorsportler. Foto: apa/dpa

Jochen Rindt war der erste Popstar der Formel 1 und der einzige Weltmeister, der posthum geehrt wurde.

Schwarzach. Es gibt da dieses Foto, schwarzweiß natürlich, es war schließlich eine ganz andere Zeit. Jochen Rindt mag 18, 19 Jahre alt sein, er sitzt am Steuer eines weißen Pkw, auf der Fahrertür prangt übergroß die Startnummer 109. Rindts Haar ist zerzaust, der Blick erwartungsvoll, der Mund halb geöffnet. Er trägt einen Norweger-Pullover, einen schwarzen Schal und Lederhandschuhe, der linke Arm hängt lässig aus dem Fenster. Es muss ein Bild aus jenen Tagen sein, in denen der Junge aus Graz seinen Berufswunsch in Stein meißelt: „I werd a Rennfoara.“

Erster Start, letzter Platz

Den Großeltern ist das gar nicht recht. Jochen wächst bei ihnen auf, nachdem seine Eltern Karl und Ilse im Juli 1943 bei einem Luftangriff auf Hamburg ums Leben gekommen sind. Großvater Hugo Martinowitz, ein bekannter Rechtsanwalt, möchte seinen Enkel allzu gerne in der Juristerei sehen, stimmt aber dennoch zu, als es darum geht, dem rebellischen Jungen zum 16. Geburtstag das heißersehnte Moped zu schenken.

Als Jochen Rindt 18 wird, ist die Matura in weiter Ferne. Mit dem Lernen in der Schule hat er es nie so gehabt, der erste Anlauf, die Hochschulreife zu erlangen, geht weit daneben. Die Führerscheinprüfung besteht er zwar mit Bravour, doch die Behörden wollen ihm das begehrte Dokument wegen seiner Jugendsünden auf zwei und vier Rädern nicht sofort aushändigen. Das ändert sich erst, als der Großvater 1961 stirbt und Rindt fortan die Großmutter durch Graz kutschieren muss.

1961 fahren Rindt und sein Kumpel Helmut Marko zum Nürburgring, dort sieht der junge Wilde die Formel 1 zum ersten Mal live. Kurzerhand beschließt er, mit dem gediegenen Simca Monthlery der Großmutter beim Flugplatzrennen in Innsbruck zu
starten. Natürlich verschlampt Rindt den Nennungsschluss und wird erst nach prominenter Fürsprache eines hohen Funktionärs zugelassen.

Einen Namen macht sich Rindt bei seinem ersten Rennen wahrlich nicht. In zerlumpten Klamotten, mit wie immer wirr zerzaustem Haar und unmöglichen Manieren rempelt er im Training wie ein Verrückter über den Kurs. Er wird verwarnt, mault das ganze Wochenende rum und landet schließlich auf dem letzten Platz. Doch Rindt hat etwas gespürt: Die Formel Junior ist ebenfalls dabei, und die Faszination der offenen Monoposti katapultiert ihn aus der Beschaulichkeit des Simca Monthlery mitten hinein in eine Welt, die ihm neun Jahre später zum Verhängnis werden soll.

Über Touren- und Sportwagen-Rennen, über die Formel Junior und die Formel 2 landet Rindt schließlich 1964 in der Formel 1. Beim Großen Preis von Österreich in Zeltweg steuert er einen Brabham-BRM, den er allen technischen Widrigkeiten zum Trotz 58 Runden lang auf Kurs hält, ehe die Lenkung versagt. Das Ziel sieht Rindt nicht, doch die Szene hat ihn gesehen, diesen wilden, unerschrockenen Jungen, der so gar keine Angst vor den großen Namen hat. 1965 bekommt Rindt einen Vertrag als Werksfahrer im Cooper-Team. Der Rest ist Geschichte.

Zwei weitere Schwarzweiß-Fotos erzählen die Geschichte zu Ende. Auf dem ersten sieht man, wie die Nase von Rindts Lotus beim Anbremsen auf die Parabolica in Monza fast den Asphalt berührt. Es ist die vorletzte Runde. Das letzte Foto ist an derselben Stelle entstanden, eine Runde später. Rindt hat den Kopf nach rechts gedreht, er weiß, dass sich das rechte Vorderrad nicht mehr einbremsen lässt. Sekundenbruchteile später bricht die Bremswelle, der Lotus wird zum unkontrollierbaren Geschoss, das an der linken Leitplanke zerschellt.

Weltmeister oder Leben

Es ist der 5. September 1970, um genau 15.25 Uhr steht die Formel-1-Welt still. Als sie sich langsam weiterdreht, fehlt einer. Jochen Rindt, der Draufgänger, der Waghalsige, der Mutige, der Begnadete, der Lässige, der Coole, der Charmeur, der Publikumsliebling, der Ehemann, der Vater, der erste Popstar der Formel 1. Und zwei Monate nach seinem Tod auch ihr Weltmeister, der einzige, der posthum geehrt wurde.

Rindt hatte gewusst, auf was er sich einließ, als er Ende 1968 den Vertrag bei Colin Chapman unterschrieb, sein langjähriger Freund und Mentor Bernie Ecclestone hatte ihn in drastischer Deutlichkeit darauf hingewiesen: „Wenn du Weltmeister werden willst, gehst du zu Lotus. Wenn du am Leben bleiben willst, bleibst du bei Brabham.“ Rindt hat sich entschieden.