Kapitän denkt an eine Polizeikarriere

Sport / 23.05.2017 • 20:41 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
In entspannter Atmosphäre plauderten Mario Bolter und Christoph Stückler (v. r.) über ihre Zeit bei der Austria und ihre Fußballerfahrungen. Stiplovsek
In entspannter Atmosphäre plauderten Mario Bolter und Christoph Stückler (v. r.) über ihre Zeit bei der Austria und ihre Fußballerfahrungen. Stiplovsek

Die Austria-Spieler Christoph Stückler und Mario Bolter über ihre Karriere danach.

Lustenau. Mit Mario Bolter (32) und Christoph Stückler (36) treten zwei Dinos von der Fußballbühne ab, die diese in Vorarlberg über 14 bzw. elf Jahre entscheidend mitgeprägt haben. Nicht laut, sondern, auf seine eigene Art, eher still und leise, zieht sich das Duo zurück, wären da nicht im letzten Heimspiel der Austria diese freigewordenen Emotionen gewesen, die Stückler dazu bewegten, vor dem letzten Spieltag (Freitag, 19.30 Uhr in Wattens) das Handtuch zu werfen.

Herr Stückler, Sie haben am Freitag nach dem Match spontan Ihren Rücktritt erkärt. Eine emotionale Entscheidung aufgrund der Nichtberücksichtigung in der Startelf. Wie denken Sie darüber heute?

Stückler: Für mich ist es abgeschlossen, was bleibt, ist die Enttäuschung. Dass es so enden wird, habe ich nicht erwartet.

Versteht man da seinen Mitspieler, seinen Kapitän?

Bolter: Ich kenne ihn jetzt auch schon einige Jahre (schmunzelt). Er hat sich immer profihaft verhalten, stets in den Dienst der Mannschaft und des Vereins gestellt. Ich hätte mir für ihn auch etwas anderes gewünscht.

Sie haben quasi die Saison von sich aus einen Spieltag früher beendet. Gab es keine Reaktion seitens der Austria?

Stückler: Es gab ein Telefonat mit dem Präsidenten. Er meinte, dass er meine Reaktion nicht versteht.

Nach 18 Jahren Profifußball ist für Sie von heute auf morgen Schluss. Wie sind da die Gefühle?

Stückler: Eigentlich schlimm, ich hätte mir gerne einen anderen Abgang gewünscht. Ich muss zugeben, es beschäftigt mich schon, auch wenn ich ansonsten nicht so der sentimentale Typ bin.

Sie werden kommende Woche 37 Jahre alt. Gab es denn Gedanken, noch einmal einen Vertrag zu unterschreiben?

Stückler: Ich hatte für mich eigentlich schon im Jänner entschieden, dass nach der Saison Schluss ist. Dann gab es den Trainerwechsel und nach einem Gespräch mit Andreas Lipa meinte dieser, er könnte es sich vorstellen, dass ich noch ein Jahr weitermache. Auch für den Präsidenten wäre es denkbar gewesen. Ich bin aber bei meiner Meinung geblieben. Für mich kommt jetzt der nächste Lebenschritt, auch arbeitstechnisch. Ich glaube, es ist Zeit für mich, dass ich mich neu orientiere. Dann ist Fußball eben ein Hobby.

Wie sieht es bei Ihnen aus, Herr Bolter. Mit 32 Jahren sind Sie ja noch ein „Junger“. Wann haben Sie sich entschieden?

Bolter: Bei mir war es eher ein schleichender Prozess über das letzte halbe Jahr hinweg. Eigentlich hätte ich mir noch vorstellen können, weiterzuspielen. Bei einigem Nachdenken, auch nach guten Gesprächen mit dem Präsidenten, habe ich entschieden, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt ist, aufzuhören. Außerdem: Der Fußball wird immer jünger. Das ist gut so.

Was kommt jetzt?

Bolter: Ich habe die Matura nachgeholt, möchte jetzt auch gerne Betriebswirtschaft studieren, egal ob voll oder berufsbegleitend. Es besteht die Möglichkeit, bei meinem Schwiegervater in dessen Firma (Anm. d. Red.: Unternehmensberatung Branner) einzusteigen.

Welche Erinnerungen nehmt Ihr mit in die Fußball-Pension? Gibt es so etwas wie den besonderen Moment in Eurem Fußballerleben?

Stückler: Eine Situation ist mir immer in Erinnerung geblieben. Es war bei Untersiebenbrunn, ich war damals 22 Jahre alt. Eigentlich habe ich kaum gespielt und die Frage stand im Raum: Wollen sie mich oder wollen sie mich nicht. Der Verein wollte eigentlich nicht mehr, aber Peter Stöger, damals mein Mitspieler, hat sich für mich stark gemacht. Für mich war das einschneidend, denn ab dem Zeitpunkt habe ich dann immer gespielt. Vielleicht wäre also meine Karriere ohne Mentor Stöger gar nicht ins Laufen gekommen.

Bolter: Ich habe eigentlich viel Positives mitgenommen. Aber geblieben sind mir sicherlich die Anfänge. Wenn man als Junger zu einem Verein kommt und seinen Platz finden will. Es dann zum Stammspieler zu schaffen, gehört sicherlich zu den schönen Gefühlen.

Sie waren Profi bei SW Bregenz, Altach, FC Lustenau und Austria Lustenau. Als 19-Jähriger sind Sie aus der Nachwuchsabteilung von GC Zürich nach Bregenz gekommen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Bolter: Die Mannschaft in Bregenz damals war richtig gut. Aber zu spüren, dass du als Junger eine Chance hast zu spielen, wenn du Gas gibst und auch daran glaubst, das war eine wichtige Erfahrung.

Wie haben Sie damals den Niedergang von SW Bregenz und FC Lustenau miterlebt?

Bolter: In Bregenz hat es mich nicht so getroffen. Ich war damals jung und wollte mich in die Auslage spielen. In Lustenau war es dann schon anders, doch da war ich auch schon älter. Da waren natürlich die Gedanken da: Was passiert jetzt?

Da sind sicherlich negative Erlebnisse. Gibt es noch andere?

Stückler: Sportlich war die Enttäuschung riesig, als
wir bei der Austria den Aufstieg trotz eines Neunpunkte-Vorsprungs im Herbst verpasst haben. Irgendwie hängt es schon nach, dass wir in den zehn Jahren, die ich für die Austria spielte, den Aufstieg nie geschafft haben.

Bolter: Ich glaube generell, Sport ist immer auf und ab. Jeder macht seine Erfahrungen. Gravierend Negatives ist nicht hängengeblieben.

Wie sehr hat Euch der Fußball geprägt?

Bolter: Es ist wie überall im Sport: Bist du gut, wirst du gebraucht. Bist du schlecht, dann bist du weg. Irgendwie müssen „Stücki“ und da vieles richtig gemacht haben (schmunzelt). Im Ernst: Im Trainerkurs wurde uns die Ausbildung in der Akademie näher gebracht. Die Jungen trainieren täglich, gehen zur Schule, opfern ihre Freizeit – und nur wenige schaffen es. Oder wenn ich uns beide anschaue: Wir sind Spieler, die sich immer in den Dienst der Mannschaft stellten, wir haben gewusst, was wir können, haben uns nie in den Vordergrund gestellt.

Stückler: So wie ich bin, da hat der Fußball sicherlich viel Anteil.

Welcher Trainer hat Euch am meisten beeinflusst?

Stückler: Grundsätzlich lernt man von jedem. Aber wirklich geprägt hat mich Klaus Augenthaler beim GAK. Er hat mich als Junger genauso behandelt wie alle anderen.

Bolter: Bei GC war es Carlos Bernegger, der mich weitergebracht hat. Später dann hat mich Damir Canadi eine andere Sichtweise für den Fußball gelehrt.

Zurück zur Austria: Warum klappte es bislang nie mit dem Wiederaufstieg?

Stückler: Schwierig zu sagen, denn die Mannschaften waren eigentlich immer gut. Vielleicht ist ein Grund auch, dass sich im Verein in den zehn Jahren, die ich da bin, nichts verändert hat.

Bolter: Generell muss man sagen, dass die Austria extrem viel Potenzial hat, schon allein von den Zuschauern her. Allerdings muss man auch sagen, dass etwas nicht passt, wenn man es so lange nicht geschafft hat. Für einen Aufstieg nämlich muss sehr viel zusammenpassen. Dazu gehört auch der Vorstand und das Umfeld.

Was kommt jetzt? Zuletzt hieß es, Stückler spielt in Röthis und Bolter in Sulz.

Bolter: Ich weiß es noch nicht, denn ich habe mit ein paar Vereinen gesprochen. Sulz ist auch dabei.

Stückler: Bei mir stimmt es.

Sie sind beide in der Trainer-Uefa-B-Ausbildung. Reizt der Job?

Bolter: Ich kann es mir gut vorstellen.

Stückler: Vielleicht in ein paar Jahren, jetzt sicher nicht.

Also kein Fußball, was dann?

Stückler: Ich habe jetzt einmal die Aufnahmeprüfung für die Polizei angefangen. Mal schauen, was wird.

Mario Bolter 2004 als einer der wilden Jungen bei SW Bregenz . . .
Mario Bolter 2004 als einer der wilden Jungen bei SW Bregenz . . .
. . . 13 Jahre später in seinem letzten Halbjahr für die Austria.
. . . 13 Jahre später in seinem letzten Halbjahr für die Austria.
2006 kam der Kärntner Christoph Stückler nach Lustenau . . .
2006 kam der Kärntner Christoph Stückler nach Lustenau . . .
. . . nun verlässt der Kapitän die Fußballbühne. Fotos: MS/2, gepa/2
. . . nun verlässt der Kapitän die Fußballbühne. Fotos: MS/2, gepa/2

Zur Person

Christoph Stückler

Geboren: 27. Mai 1980 in Wolfsberg

Größe/Gewicht: 185 cm/85 kg

Laufbahn: ATSV Wolfsberg, GAK, SV Braunau, Kapfenberger SV, SC Untersiebenbrunn, FC Kärnten, SC Austria Lustenau, SCR Altach, SC Austria Lustenau (seit 2009)

Familie: verheiratet mit Petra, zwei Kinder (Livio, Noah)

BL-Spiele/-Tore: 37/2

EL-Spiele/-Tore: 475/17

BL-Debüt: 29. Mai 1999 (Ried – GAK/0:2)

EL-Debüt: 18. August 2000 (Vienna – Braunau/1:2)

Mario Bolter

Geboren: 27. Mai 1980 in Wolfsberg

Größe/Gewicht: 179 cm/71 kg

Laufbahn: FC Götzis, AKA Vorarlberg, GC Zürich, SW Bregenz, FC Pasching, SCR Altach, FC Lustenau, Austria Lustenau (seit 2013)

Familie: verheiratet mit Patricia, zwei Kinder (Lino, Lean)

BL-Spiele/-Tore: 92/-

EL-Spiele/-Tore: 243/3

BL-Debüt: 26. April 2003 (Rapid – SWB/1:1)

EL-Debüt: 19. September 2008