Alles, was bei Thiem nun folgt, ist Kür

Sport / 06.06.2017 • 22:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eine Zusammenarbeit bis zum Karriere-Ende? Dominic Thiem und Coach Günter Bresnik. Foto: gepa
Eine Zusammenarbeit bis zum Karriere-Ende? Dominic Thiem und Coach Günter Bresnik. Foto: gepa

Coach Bresnik sieht nüchtern, analytisch und freut der Aufstieg des Schützlings.

Paris. Unzählige Interviews, Selfies mit Fans und anerkennende Worte aus dem gesamten Tennis-Zirkus. Auch für Günter Bresnik, den zielstrebigen Coach von Dominic Thiem, sind die Tage in Paris von großer Aufmerksamkeit auch für seine Person geprägt. Der 56-jährige Niederösterreicher beobachtet sein „Meisterstück“, wie er Thiem einmal bezeichnet hat, mit großer Freude.

Die Pflicht ist schon erledigt

Vor knapp einem Jahr, am 2. Juni 2016, hatte Bresnik mit Thiem das erste große Ziel erreicht: Der Sieg über David Goffin bescherte Thiem nicht nur sein erstes Grand-Slam-Semifinale, sondern auch den erstmaligen Einzug in die Top Ten. „Wir hatten die Pflicht erledigt. Alles, was in Dominics Karriere noch folgen würde: Kür. Selbst wenn er kein einziges Match mehr im Leben gewinnen würde: Das gemeinsame Projekt von Dominic, seiner Familie und mir war ab diesem Moment ein Erfolg“, schrieb Bresnik in seinem Buch „Die Dominic-Thiem-Methode“ und bezeichnete diesen Tag als „größten Tag meiner beruflichen Laufbahn“.

Doch die Reise war keinesfalls zu Ende, im Gegenteil. Thiem hat sich konstant in den Top Ten gehalten, hat sogar das Masters der besten acht Spieler zu Saisonende erreicht und ist auch 2017 auf dem besten Weg dazu. Umso mehr erstaunt so manchen Beobachter vielleicht, wie unverblümt Bresnik seinen Schützling nach wie vor nach durchschnittlichen Leistungen kritisiert. Doch wer hinter die Kulissen blickt, versteht den Ansatz: Wer noch weiter nach oben will, der muss sich an die Perfektion heranarbeiten. „Was wäre ich für ein Trainer, der sich nicht sagen traut, was er schlecht macht? Da würde ich die Achtung vor mir selbst verlieren“, erklärte Bresnik. Und schließlich lese er dem Weltranglisten-Siebten ja nicht die Leviten, sondern spreche vernünftig und analytisch darüber.

Thiem neigt für Bresnik noch dazu, zu sehr nach dem Spielstand zu spielen und das kann man auch erkennen, obwohl ein Spiel 3:0 in Sätzen gewonnen wird. Doch nach den ersten Runden hat der 23-Jährige den Schalter umgelegt. „Dominic hat das von einer Sekunde auf die andere umgesetzt“, sagte Bresnik erfreut.

Der Vater von vier Töchtern, die übrigens dieser Tage erstmals als Quartett bei einem Grand-Slam-Turnier dem Papa und seinem Schützling bei der Arbeit zugesehen haben, weiß um die weiteren Möglichkeiten seines „Lebenswerks“. „Ich hoffe, dass die Reise noch nicht aus ist“, meinte er noch vor dem Viertelfinale Thiems gegen Novak Djokovic, das wegen Regens auf heute (11 Uhr) verschoben wurde. „Ich weiß, wie gut Dominic ist. Und für mich ist es hoffentlich nie vorbei, solange Dominic Tennis spielt“, versprach Bresnik neuerlich, Thiem bis ans Karriere-Ende weiterbegleiten zu wollen.

Und wie geht es Bresnik, wenn er in der Spielerbox die Matches verfolgt? „Wenn ich da oben sitze, verfolge ich das komplett nüchtern. Ich sehe alles, was bei ihm noch zu verbessern ist und ich freue mich über das, was gut ist. Das kehre ich auch nie unter den Teppich. Ich habe eine Freude, wenn er so serviert wie jetzt.“

Aufs Tempo drücken

Und das wahre Potenzial hat Thiem wohl an einem Glanztag im Viertelfinale von Rom gezeigt. Auch wenn das vielleicht noch ein Ausreißer nach oben war: „Nadal ist dort von Dominic vom Platz geschossen worden. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von den Schlägen (Vor-, Rückhand, Aufschlag, Anm.), behaupte ich, ist bei ihm immer höher als von den anderen. Und körperlich steht er da wie ein Büffel.“

Nun galt es, auch ein Rezept für Djokovic zu finden. „Der ist einer, der die Fähigkeit hat, mit Dominics Tempo zu spielen und das zurückzugeben. Das haben die anderen nicht.“ Ein anderes Spiel als das aggressive, schnelle Spiel mit extremem Drall kommt aber auch für Bresnik nicht infrage. „Das will ich ja nicht, damit würde er sich noch mehr schwächen. Es muss so gut werden, dass er auch gegen solche Leute gewinnen kann.“ Wer Thiem in Matches und Training beobachtet und seine Einstellung kennt, hat keinen Zweifel daran, dass dieser Tag kommen wird.

Körperlich steht Dominic da wie ein Büffel.

Günter Bresnik