Die FIFA tanzt mit dem Wolf

Sport / 28.06.2017 • 23:02 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Lächeln die Probleme weg: Generalsekretärin Fatma Samoura und FIFA-Präsident Gianni Infantino.  Foto: Reuters
Lächeln die Probleme weg: Generalsekretärin Fatma Samoura und FIFA-Präsident Gianni Infantino. Foto: Reuters

Der Garcia-Bericht legt Korruption ad acta und Doping ist nur ein Randthema.

KAsan. Jetzt wird bei der FIFA wieder getanzt. Am Tag nach der Veröffentlichung des Garcia-Reports schaltete man beim Fußball-Weltverband in den Party-Modus. Die schweren Zeiten der Korruptionsvorwürfe sind von der FIFA-Spitze um Gianni Infantino für beendet erklärt, das neue Aufreger-Thema Doping wird in alter Tradition erstmal relativiert.

Ein cleverer Schachzug

Während die lange hart kritisierten Turnier-Gastgeber Russland und Katar ihre Genugtuung über den WM-Freibrief für 2018 und 2022 mit teils hämischen Kommentaren nicht verbergen wollten, ließ sich Fatma Samoura zu einer ungewöhnlichen Tanz-Einlage animieren. In Kasan drehte die FIFA-Generalsekretärin wenige Stunden vor dem Halbfinale des Confed Cups zwischen Portugal und Chile bei einem Termin ein paar schwungvolle Runden mit Turniermaskottchen Zabivaka, einem russischen Wolf mit drolliger Brille.

Die Botschaft war klar: Die Stimmung ist wieder gut beim Fußball-Weltverband mitten in der heißen Phase des WM-Testlaufs in Russland. Und sie soll es auch bleiben, ungeachtet der scharfen Kritik der von auf Infantinos Geheiß im Mai abgelösten Ex-Ethikchefs Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbely. Die Topjuristen warfen Infantino und Co. vor, mit der Veröffentlichung des Garcia-Berichts sogar gegen geltendes FIFA-Recht verstoßen zu haben.

Die Nachricht des Tages ist für den Weltverband eine andere: Aufgrund des nach mehr als zweieinhalb Jahren doch veröffentlichten Untersuchungsberichts des einstigen Chefermittlers Michael Garcia „gibt es keine solide Grundlage, die Vergabe der WM infrage zu stellen“, sagte Samoura nach dem Tanz mit dem Wolf.

Ihr Chef Infantino war da gerade im Anflug auf die Tatarenmetropole. Offiziell wurde die Veröffentlichung des Untersuchungsberichts von der neuen Ethikspitze Maria Claudia Rojas und Vassilios Skouris veranlasst, aber der Einfluss des FIFA-Präsidenten auf die plötzlich offensive Taktik ist unumstritten. Infantino musste handeln, nachdem der Bericht geleakt war.

Der Schachzug erscheint clever, denn die Reaktionen geben ihm letztlich recht. Der FIFA fehlt der Beweis für eine klare Einflussnahme aus Katar und Russland auf zumindest mehrere korrumpierbar erscheinbare Wahlmänner. „Das war sie schließlich, die Gelegenheit, die giftigen Innereien völlig zu verdauen und den schlagenden Beweis zu finden, inmitten dieser Geschichte aus menschlicher Dummheit und Gier. (…) Aber der verworrene, giftige Garcia-Report ruft eher Lachen als Empörung hervor“, schrieb die Zeitung „The Guardian“.

Russische Dopingbaustelle

In Katar reagierte man relativ sachlich auf die für die WM-Macher gute Nachricht. Details im Garcia-Bericht belegen aber wohl, dass Millionen in die Taschen von FIFA-Funktionären flossen. Nur als Quelle war das WM-OK nicht nachweisbar zu identifizieren.

Viel lauter als die Katarer kamen die Russen daher. „Wir haben nichts getan, was gegen den Ethikcode oder die allgemeinen Normen und Grundsätze der Bewerbungsregeln verstoßen hat“, sagte Multi-Funktionär Witali Mutko. Auch der von Präsident Wladimir Putin protegierten Kandidatur ist nichts nachzuweisen, was einen WM-Entzug ermöglicht, eventuell, weil die Computer des Organisationskomitees zerstört wurden. Auf Hypothesen konnte Garcia keine Anklage formulieren.

So sehr die FIFA trommelt: Russland kommt nicht aus den Negativschlagzeilen heraus. Nun droht ein Dopingskandal noch ungeahnten Ausmaßes. Der WADA-Sonderermittler Richard McLaren geht nach einem ARD-Bericht sogar davon aus, dass es im russischen Fußball ein separates Doping-vertuschungssystem gegeben hat. 155 beschlagnahmte Urinproben, auf die er bei seinen Recherchen gestoßen war, werden derzeit untersucht. „Es gab offenbar eine Bank mit sauberem Urin – und diese Bank wurde offenbar für Fußball genutzt“, sagte der Kanadier. „Es ist nur die Spitze des Eisbergs. Nun muss man in Erfahrung bringen, was alles noch unter der Wasseroberfläche ist.“

Die FIFA will aber keine konkrete Auskunft zu Ergebnissen der Untersuchung der Dopingvorwürfe geben. „Bis wir eine endgültige Entscheidung vom Labor haben, können wir dies nicht näher ausführen“, erklärte Samoura und betonte, keine Namen offenbaren zu wollen.

Es gab offenbar eine Bank mit sauberem Urin für die Fußballer.

Richard McLaren