Grenzgängerin zwischen Sport und Beruf

Sport / 18.12.2017 • 21:47 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Aktuell nimmt die 29-jährige Wahl-Götznerin Heike Eder in der Slalom-Weltrangliste den fünften Platz ein und ist im Riesentorlauf auf Position neun eingestuft. gepa
Aktuell nimmt die 29-jährige Wahl-Götznerin Heike Eder in der Slalom-Weltrangliste den fünften Platz ein und ist im Riesentorlauf auf Position neun eingestuft. gepa

Monoskifahrerin Heike Eder startet in Kühtai ihren Angriff auf ein Olympiaticket für Pyeongchang 2018.

Götzis Die Liste reicht bis 1976 zurück, und die Ausbeute ist mehr als nur beachtlich: Die Rede ist von den Erfolgen der heimischen Aktiven der Paralympics, der Olympischen Spiele der Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Der Egger Josef „Sepp“ Meusburger war es, der vor 41 Jahren bei den ersten Winter-Paralympics im schwedischen Örnsköldsvik mit seiner Goldmedaille im Slalom das erste Kapitel in der Vorarlberger Erfolgsgeschichte schrieb und mit sechs Goldenen und zwei Silbernen die ewige Vorarlberger Bestenliste anführt.

Die bislang letzte der mittlerweile auf 62 Medaillen angestiegenen Ländle-Ausbeute geht auf das Konto von Philipp Bonadimann mit Slalom-Silber 2014 in Sotschi. Insgesamt stehen 23 Goldene, 18 Silberne und 21 Bronzene zu Buche, und die Chancen sind gut, dass die Erfolgsgeschichte auch bei den zwölften Paralympics vom 17. bis 28. März im südkoreanischen Pyeongchang eine Fortsetzung findet.

Aus Türtscher wurde Eder

Monoskifahrerin Heike Eder macht sich berechtigte Hoffnungen, bei den jeweils in der dritten Woche nach Ende der Olympischen Winterspiele an selber Stelle stattfindenden Paralympics dabei zu sein. Und der Blick auf die aktuelle Weltrangliste bestätigt, dass die 29-jährige Wahl-Götznerin als Fünfte im Slalom und Neunte im Riesentorlauf zur Weltspitze in ihrer Klasse zählt.

Bei den Trainingstagen auf den heimischen Gletschern stellte Eder, wie die als Türtscher geborene seit Sommer und der Heirat mit Gatte Armin offiziell heißt, ihre Form bereits unter Beweis und musste sich selbst vor der ebenfalls in der LW-12-Klasse startenden Claudia Lösch, ihres Zeichens Serienmedaillengewinnerin bei Paralympics und Weltmeisterschaften, nicht verstecken. „Die Leistungen waren doch recht vielversprechend. Aber ich will sie auch nicht unbedingt überbewerten, da bekanntlich Training und Rennen doch zwei verschiedene Paar Schuhe sind“, betont die in ihre dritte Saison im Behindertenskiweltcup startende gebürtige Batschunserin.

Aufgrund ihrer beruflichen Verpflichtungen als Personalleiterin bei der Arbeiterkammer Vorarlberg muss die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin Eder ihre Trainingstage genau planen. „Im Prinzip bin ich im Feld der Spitzenläuferinnen die einzige Amateurin unter Profis. Doch für mich ist dies eigentlich kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil. Ich bin nicht auf die Erfolge im Sport angewiesen und stehe deshalb unter wesentlich weniger Erfolgsdruck als meine Konkurrentinnen.“

Rückhalt durch Familie und Beruf

An der persönlichen Zielsetzung der ehemaligen Schülerin des Skigymnasiums Stams, die sich vor elf Jahren bei einem Trainingssturz in Obergurgl eine inkomplette Querschnittlähmung zuzog und seit damals auf den Rollstuhl angewiesen ist, ändert dies aber nichts. „Ich hatte schon zuvor als VSV-Nachwuchsläuferin immer das Ziel, einmal bei Olympischen Spielen dabei zu sein. Ich denke, dieser Wunsch schlummert in fast jedem ambitionierten Sportler, und daran hat sich auch durch meinen Unfall nichts geändert.“

Neben dem Rückhalt durch Familie und Beruf sind für die ausschließlich in den technischen Disziplinen Slalom und Riesentorlauf startende Eder die Rahmenbedingungen in Vorarlberg und die Freude am Skisport die wesentlichen Antriebsfedern. „Sport im Allgemeinen und Skifahren im Speziellen waren schon im Kindes- und Jugendalter wichtige Dinge für mich, und dies ist heute noch so. Was in Vorarlberg dazukommt, sind die Begleitumstände. Hier im Ländle hat man durch die Nähe zu den Bergen und dem See alles vor der Haustüre.“

Ein nicht unwesentlicher Faktor für den Einstieg in den Monoskisport ist für Eder, dass sie dank des von Monoski-Weltmeister Philipp Bonadimann 2015 ins Leben gerufenen Projekts Ski for Life ideale Bedingungen vorfindet. „Philipp und Robert (Anm. Meusburger) sind die perfekten Lehrmeister und Trainer. Sie unterstützen und fördern Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung, die Interesse am Skifahren haben. Es spielt keine Rolle, ob man Anfänger ist oder wie ich ambitionierte Ziele verfolgt. Primär geht es um den Spaß am Sport und an der Bewegung sowie um das Miteinander. Nicht nur weil ich direkt davon profitiere, trägt dieses Projekt dazu bei, Grenzen zu beseitigen und zu überschreiten.“

Acht Rennen bis Mitte Jänner

Trotz des rasanten Aufstiegs und der Vorschusslorbeeren will sich Eder in der heute mit dem Weltcuprennen in Kühtai beginnenden Olympiaqualifikation nicht zu sehr unter Erfolgsdruck setzen: „Mein Ziel ist, so konstant wie möglich zu fahren. Nun stehe ich vor meinem vorläufigen Karrierehöhepunkt. Ich will in den acht Rennen mein maximales Potenzial abrufen, und Mitte Jänner wird sich zeigen, ob es zur Erfüllung meines sportlichen Zieles gereicht hat“, freut sich die ehrgeizige Athletin.

„Der Rückhalt durch Familie und Beruf ist für mich persönlich ganz wichtig.“

Aufgrund ihrer Vorkenntnisse hat sie in den letzten zwei Jahren einen unglaublichen Schritt nach vorne gemacht und kann sich realistische Hoffnungen auf den Teilnahme machen. Jürgen Egle, Slalom-Olympiasieger 1998

Aufgrund ihrer Vorkenntnisse hat sie in den letzten zwei Jahren einen unglaublichen Schritt nach vorne gemacht und kann sich realistische Hoffnungen auf den Teilnahme machen. Jürgen Egle, Slalom-Olympiasieger 1998

Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, warum sie es nicht schaffen sollte. Sie steht extrem gut auf dem Ski, hat ein sehr gutes Auge und setzt Tipps schnell um. Robert Meusburger, Medaillengewinner 2002, 2006, 2010 und Heimtrainer

Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, warum sie es nicht schaffen sollte. Sie steht extrem gut auf dem Ski, hat ein sehr gutes Auge und setzt Tipps schnell um. Robert Meusburger, Medaillengewinner 2002, 2006, 2010 und Heimtrainer

Die physische Basis legt Heike Eder durch Trainingseinheiten bei Branner Fitness in Rankweil.VN/Stiplovsek
Die physische Basis legt Heike Eder durch Trainingseinheiten bei Branner Fitness in Rankweil.VN/Stiplovsek

Zur Person

Heike Eder

Die 29 Jahre alte Götznerin ist
Vorarlbergs einzige Kandidatin für
die Paralympics kommenden März
in Pyeongchang.

Geboren 30. Mai 1988

Größe/Gewicht 1,64 m/54 kg

Ausbildung Bachelorstudium Wirtschaftswissenschaft, Managment und Economics Uni Innsbruck

Beruf Personalleiterin Arbeiterkammer Vorarlberg

Wohnort Götzis

Familie verheiratet mit Armin Eder

Behinderung inkomplette Querschnittlähmung nach Skiunfall im November 2006

Kategorie Ski Alpin Damen sitzend Klasse LW12-1, Disziplinen (Slalom und Riesenslalom)

Trainer Eric Digruber (Nationalteam), Robert Meusburger und Philipp Bonadimann (Ski for Life)

Vereine SV Zwischenwasser bzw. Rollstuhlclub Enjo Vorarlberg

Ski Head und Salomon

Monoski Praschberger

Sponsoren/Unterstützer

Projekt Ski for Life, Fitness Branner, Helvetia Versicherung