Ein Sturz für die Ewigkeit

Sport / 12.02.2018 • 19:51 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Hermann Maier segelte bei seinem Sturz vor 20 Jahren fast 40 Meter durch die Luft und durchschlug mehrere Sicherheitszäune.VN
Hermann Maier segelte bei seinem Sturz vor 20 Jahren fast 40 Meter durch die Luft und durchschlug mehrere Sicherheitszäune.VN

Am 13. Februar 1998 schockte Hermann
Maier in Nagano die Sportwelt.

Nagano Für alle Zeitzeugen sind die Bilder im Kopf immer noch präsent, obwohl sie lange zurückliegen. Manche Momente im Leben sind so einschneidend und emotionalisierend, dass man sie nie vergisst. Bei den Olympischen Spiele 1998 in Nagano ereignete sich ein ebensolcher. Am Freitag, den 13. Februar, findet nach mehreren witterungsbedingten Verschiebungen die Abfahrt der Herren statt. Hermann Maier gilt als hoher Favorit, er hatte zuvor in Bormio und am Lauberhorn gewonnen und wollte sich in Nagano den Traum von Olympiagold erfüllen. Nach 18 Fahrsekunden scheint dieser Traum unendlich weit entfernt, schier unrealisierbar. An der Kuppe zerschellen alle Visionen, Maier hebt mit hoher Geschwindigkeit ab, fliegt wild durch die Luft. In Österreichs Wohnzimmern herrscht Atemnot, wie auch bei Alpindirektor Hans Pum, der den Abflug aus nächster Nähe erlebte. „Er hat eine viel zu enge Linie genommen, hat voll riskiert.“ Die ersten Gedanken? „Ich habe an das Allerschlimmste gedacht“, erzählt Pum.

Maier segelt fast 40 Metern durch die Luft, durchschlägt mehrere Sicherheitszäune und kommt letztlich im Tiefschnee zu liegen. In den Tagen zuvor hatte es ausgiebig geschneit, der Schnee diente sozusagen als Dämpfer, vielleicht sogar als Lebensretter. „Der viele Schnee, das war sein großes Glück“, sagt Bernhard Russi, ebenfalls ein Augenzeuge. Der Schweizer hatte sich 100 Meter unterhalb der Kuppe platziert, dort, wo das Unglück seinen Anfang nahm. „Ich habe ihn fliegen gesehen. Und wissen sie was? Ich dachte, er steht diesen Sturz.“

Das mag absurd klingen, aber Maiers Körperspannung und die Entschlossenheit in seinen Augen hatten Russi zu diesem Glauben veranlasst. „Er hat in der Luft zum nächsten Tor geschaut, nicht dorthin, wo der Sturz womöglich enden könnte.“ Eine These, die Maier später bestätigte. „Ich dachte, ich komm‘ ein bisserl schräg daher und werde ein wenig die Linie verlieren. Aber wenn ich dann aufkomme, dann fahre ich das Tor halt von weiter hinten.“

Maier konnte den Sturz freilich nicht stehen, im Tiefschnee kniend gab er per Handzeichen eine erste Entwarnung. Doch sein Körper, von Prellungen und Blutergüssen übersehen, schmerzte, am allermeisten aber das Knie. Schon am Folgetag hätte der Super-G stattfinden sollen, eine Teilnahme Maiers galt eigentlich als unmöglich. Pum machte sich selbst ein Bild vom Gesundheitszustand des damals 25-Jährigen, fragte ihn, ob er glaube, am nächsten Tag rennfähig zu sein. „Der Hermann hat mich angeschaut und gesagt: ‚Das schaff ich schon.‘ Dabei konnte er nicht einmal richtig aus dem Bett aufstehen.“

Ein Mythos war geboren

Die ÖSV-Führungsriege befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem Dilemma, weil unklar ist, ob Maiers Physis dies überhaupt zulässt. Nebel verhindert sowohl am 14. als auch 15. Februar die Durchführung des Super-G, so blieb Maier die nötige Zeit zur Erholung. Pum: „Dass er aber nur drei Tage nach diesem Sturz wirklich Gold gewinnt, daran habe ich am Tag der Abfahrt keine Sekunde gedacht. Das war die Geburtsstunde des Herminators.“

Dass Maier, getrieben von der Aussicht auf Erfolg, tatsächlich gewinnt, galt auch als Beleg dafür, „wie der Hermann körperlich und mental beinander war. Der wollte das unbedingt.“ Das zweite Gold im Riesentorlauf machte das märchenhafte Comeback perfekt, die Geschichte des Herminators ging um die Welt – und ein Mythos war geboren. Ch. GASTINGER