Im letzten Lauf zur Legende

Sport / 14.02.2018 • 19:14 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der 31-jährige Shaun White setzte in der Halfpipe zu einem Schicksalssprung an und packte mit dem 14-to14 einen ganz speziellen Trick aus. AP
Der 31-jährige Shaun White setzte in der Halfpipe zu einem Schicksalssprung an und packte mit dem 14-to14 einen ganz speziellen Trick aus. AP

Shaun White holte sich in der Halfpipe zum dritten Mal olympisches Gold.

Snowboard Als es endlich klar war, nach schier unendlichen 60 Sekunden, kamen Shaun White die Tränen, er warf sein Board in die Luft und sank auf die Knie. Er hatte Geschichte geschrieben, wieder einmal. Der 31-Jährige ist der erste Snowboarder, der drei Mal olympisches Gold geholt hat: 2006 in Turin, 2010 in Vancouver und nun 2018 in Pyeongchang. Eine Goldene, mit der er auch die Enttäuschung von Sotschi, als er nur Vierter geworden war, vergessen macht. Schlechte Nachricht für die Konkurrenz: White hat auch Olympia 2022 noch am Plan – und denkt sogar über eine Teilnahme an den Sommerspielen 2020 in Tokio nach, da dann aber mit dem Skateboard.

Doch zurück nach Bokwang – da stand White als letzter Teilnehmer oben am Start in die Halfpipe – und er wusste: Er muss liefern. Aber das war ohnehin schon immer seine Spezialität, denn erst bei der US-internen Qualifikation hatte er sich im dritten und letzten Lauf das Ticket für Pyeongchang gesichert, da gleich mit einer perfekten „100“ als Note. Bei Olympia wusste er, dass er einen ganz speziellen Trick auspacken musste: Den 14-to14. Zwei Sprünge in Serie mit jeweils vier Drehungen (für Experten: der erste ein frontside double cork 1440 auf der einen Seite der Halfpipe, gefolgt von einem cab double cork 1440 auf der anderen).

Schicksalssprung

Es ist fast ein Schicksalssprung für White, der in seiner Karriere nicht nur zum Sportidol, sondern zum erfolgreichen Unternehmer wurde. Denn der cab double cork 1440 hatte ihn vor vier Jahren Olympia-Gold gekostet. Er stand ihn nicht sauber, der Schweizer Iouri Podlatchikov, heuer verletzt, schon. Und: Erst im Oktober war er beim Training dieses Sprungs schwer zu Sturz gekommen, hatte im Gesicht mit 62 (!) Stichen genäht werden müssen. Und in diesem Finale wollte er gleich die doppelte Version zeigen. „Das war der schwierigste Lauf, den ich je gemacht habe – mit dem Trick, bei dem ich mich verletzt habe. Und den 14-14-Trick hatte ich gar nicht im Kopf. Bis ich heut morgen hierher zum Bewerb gekommen bin.“

Er hatte ihn nicht nur im Kopf, sondern er landete ihn auch perfekt, was NBC gar zu einem „Shaun White ist nicht menschlich“-Tweet veranlasste. Menschlich ist er sehr wohl: „Die Zeit, bis die Bewertung da war, war furchtbar, auch wenn ich stolz war auf mich und meinen Lauf. Ich hätte erhobenen Kopfes gehen können. Aber dann, als das Ergebnis da war, war ich wie gelähmt. Nur glücklich. Drei Goldene, Mann, bei meinen vierten Spielen. Ich fühle mich gesegnet.“

Bei aller Freude schwebt aber auch ein Schatten über White, der ihm von manchen US-Medien vorgeworfen wird: Der Superstar wurde im Sommer 2016 von einem Ex-Mitglied seiner Rockband wegen sexueller Belästigung verklagt, er soll ihr anzügliche Fotos geschickt haben und auch seine Stellung als Manager ausgenützt haben, um sie zu zwingen, sich seinen Wünschen gemäß zu kleiden. Rund um den Prozess gab es 2017 einen Vergleich, jetzt wird Olympia-Sender NBC vorgeworfen, diesen Prozess zu verschweigen. Eine delikate Sache in Zeiten von #meetoo.

Familie live dabei

Für die Snowboarder bleibt Shaun White, genannt die „fliegende Tomate“, aber trotzdem der große Held, der „GOAT“, der größte aller Zeiten, der Mann, der trotz einer Herzerkrankung so viele Erfolgsgeschichten schrieb in diesem Sport. Dessen Familie sich in Kalifornien einst nicht die Hotels in den Luxus-Skiressorts leisten konnte, stattdessen einen alten Bus mietete, damit die drei Kinder im Winter auf Schnee kamen. Die Familie, die nach wie vor Whites Leben bestimmt, alle sind ins Management eingebunden. Und alle waren auch hier in Pyeongchang, um den Triumph mitzuerleben. M. Schuen

„Drei Goldene, Mann, bei meinen vierten Spielen. Ich fühle mich gesegnet.“

Der US-Amerikaner sicherte sich in Bokwang seinen dritten Olympiasieg nach Turin 2006 und Vancouver 2010. Damals war er noch mit langen, lockigen Haaren unterwegs. AFP
Der US-Amerikaner sicherte sich in Bokwang seinen dritten Olympiasieg nach Turin 2006 und Vancouver 2010. Damals war er noch mit langen, lockigen Haaren unterwegs. AFP