„Die Eltern sind der Schlüssel“

Sport / 21.02.2018 • 19:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wie Norwegen nach einem Desaster wieder zur Wintersportmacht wurde, analysiert Kjetil-Andre Aamodt.

Olympia 33 Medaillen bisher, davon dreizehn in Gold: Norwegen ist neben Deutschland die Wintersportmacht Nummer eins bei diesen Spielen. Der große Unterschied: Deutschland hat fast 80 Millionen Einwohner, Norwegen ist mit 5,2 Millionen Einwohner und nur 13 Einwohnern pro Quadratkilometer eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt. Langlauf, Biathlon, Skispringen sind die traditionellen Sportarten der Norweger, Marit Björgen, Ole Einar Björndalen und Björn Dählie sind oder waren darin Seriensieger. Aber auch im alpinen Skisport ist man längst eine Großmacht geworden. Dazu kommen jetzt immer mehr Sportarten: Havarad Lorentzen hat hier Gold über 500 m im Eisschnelllauf gewonnen, auch Norwegens Eishockey-Nationalteam, viele Jahre unter oder auf dem Niveau des österreichischen Teams, hat sich als fixer Bestandteil sowohl der A-Gruppe als auch bei Olympischen Spielen etabliert.

Tiefpunkt im Jahr 1988

Da stellt sich die Frage: Wie machen das die Norweger nur? Das wollten wir von einer norwegischen Sport-Legende wissen: Kjetil-Andre Aamodt hat in seiner Karriere die unglaubliche Zahl von 20 Einzelmedaillen bei Großereignissen gewonnen, darunter vier Mal Olympia-Gold und fünf Weltmeistertitel. Über die Frage muss er zunächst schmunzeln. „In Norwegen ist es acht Monate lang Winter, was sollen wir da sonst machen?“, sagt er. Also eine logische Folge? Nein, bei Weitem nicht. 1988 endeten die Olympischen Spiele in Calgary für Norwegen mit einem echten Desaster: Nur fünf Medaillen gab es insgesamt, keine einzige davon in Gold.

Dann gab es eine tiefgreifende Reform. Über den norwegischen Fachverbänden wurde „Olympiatoppen“ eingezogen, eine Dachorganisation, die eng mit dem Olympischen Komitee und der norwegischen Hochschule für Sportwissenschaften zusammenarbeitet und den Verbänden auch Trainingsunterstützung in verschiedenen Bereichen anbietet. „Wenn morgen Svindal oder Jansrud aufhören, so wissen wir sehr wohl, was es bedarf, um diese Erfolge wieder zu erzielen.“

Weg von Computer und Handy

Auf dem Weg dorthin zählt aber ganz etwas anderes: „Die Eltern sind der Schlüssel im Sport“, sagt Aamodt. „In Norwegen ist es selbstverständlich, dass die Eltern ihre Kinder zum Sport bringen, weg von Computer und Handy.“ Denn: „Das goldene Zeitalter auf dem Weg zum Sportler ist von acht bis 12 Jahren. Da wird der Grundstein gelegt.“

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hat neulich sinngemäß gemeint, dass man im Langlauf in Österreich nie eine breite Spitze haben werde, weil die meisten jungen Sportler eben zum Alpinsport tendierten. In Norwegen ist genau das Gegenteil der Fall – aber für Aamodt ist das ohnedies unerheblich. „Das ist die falsche Herangehensweise. Es zählt nicht die Quantität im Team, es zählt die Qualität“, sagt der Norweger, der hier seit vielen Jahren als Kommentator für das norwegische Fernsehen arbeitet.

Mit dem gewaltigen Budget des ÖSV (63 Millionen in diesem Winter, davon drei Millionen Euro aus Förderungen) kann man in Norwegen nicht mithalten. „Aber Geld ist nicht alles. Es hilft, aber es entscheidet nicht über den Erfolg. Wenn man das Geld den Leuten mit der falschen Einstellung und den falschen Wertvorstellungen gibt, ist es beim Fenster hinausgeworfen.“ Daher lege man bei „Olympiatoppen“ sehr viel Wert auf die Entwicklung der Sportler. „Es ist ein Geben und Nehmen. Sie haben auch klare Anforderungen, die sie erfüllen müssen.“ M. Smejkal

„In Norwegen ist es acht Monate lang Winter, was sollen wir da sonst machen?“

11 Goldene gab es bisher schon für die Norweger. Zwei weitere dürfen heute die Eisschnellläufer und die Langläufer in Empfang nehmen, die gestern in der Teamverfolgung bzw. im Teamsprint siegten.AFP, GEPA
11 Goldene gab es bisher schon für die Norweger. Zwei weitere dürfen heute die Eisschnellläufer und die Langläufer in Empfang nehmen, die gestern in der Teamverfolgung bzw. im Teamsprint siegten.AFP, GEPA