Draufgänger, Triumphe und Skandale

Sport / 09.04.2019 • 18:16 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Test von Christian Klien im BMW Sauber. Der Hohenemser, zuvor bei Jaguar, Red Bull und Hispania, hatte einen Vertrag mit dem Formel-1-Team in der Tasche, ehe der Motorhersteller 2009 unvermittelt den F-1-Ausstieg bekannt gab.BMW
Test von Christian Klien im BMW Sauber. Der Hohenemser, zuvor bei Jaguar, Red Bull und Hispania, hatte einen Vertrag mit dem Formel-1-Team in der Tasche, ehe der Motorhersteller 2009 unvermittelt den F-1-Ausstieg bekannt gab.BMW

Grand Prix Nummer 1000 in Schanghai. Ecclestone machte die Königsklasse zum Kassenschlager.

SChanghai Kurz vor dem Start herrscht höchste Anspannung. Es ist anders als heute. Die Formel 1 ist viel gefährlicher – lebensgefährlich. „Wenn man damals am Start stand, musste man praktisch immer damit rechnen, dass einer oder zwei wieder dran sein würden“, erinnerte sich Hans Herrmann jüngst in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur an die Anfänge der Motorsport-Königsklasse.

Herrmann ist mittlerweile 91 Jahre alt, vor 65 Jahren saß der Deutsche am Steuer eines Silberpfeils. Er fuhr in den 1950er-Jahren an der Seite der F1-Legenden Juan Manuel Fangio und Stirling Moss. Die heutigen Autos, mit denen Weltmeister Lewis Hamilton und der Rest der PS-Auserwählten am Sonntag in Schanghai den 1000. Grand Prix fahren, sind Herrmann ein bisschen suspekt: zu viel Technik, zu viel Elektronik.

Stoff fürs Kino

Als Hamilton ihm bei einem gemeinsamen PR-Auftritt für Mercedes den Silberpfeil der jüngsten Generationen anbot, lehnte Herrmann dankend ab. „Da setz‘ ich mich nicht rein. Ich weiß doch gar nicht, was ich mit den Knöpfen machen soll“, erzählte Herrmann. Die Lenkräder heute sind Mini-Computer, die Rennwagen hochkomplex. Und Spannung wird heute mit den hochgezüchteten Boliden auch auf Knopfdruck erzeugt. Die Autos sind es, die vor allem über Sieg und Niederlage entscheiden. „Früher konnte ein hervorragender Fahrer auch mit einem nicht ganz so guten Auto gewinnen. Das ist heute nicht mehr möglich“, ist Herrmann überzeugt.Die Autos wurden im Laufe der Jahrzehnte immer schneller, besser, aber das Überholen schwerer. Also musste nachgeholfen werden wie mit dem DRS – einer beweglichen Klappe am Heckflügel. Ist sie runtergeklappt, verringert sich der Luftwiderstand, der Wagen wird schneller und kann leichter überholen. Allerdings nur in bestimmten Zonen auf der Strecke und wenn der Abstand zum Vordermann maximal eine Sekunde beträgt. Früher saugten sich die Fahrer im Windschatten an und rasten am Vordermann vorbei.

Technisch seien die Autos mittlerweile das Beste, was es gebe, sagte unlängst der vierfache Weltmeister Alain Prost. Sie seien aber steril, das Gefühl sei verloren gegangen, betonte der Franzose. Prost gehörte in den 1980er- und 1990er-Jahren zu den Superstars der Szene und prägte das wohl legendärste Stallduell – das mit Brasiliens Topfahrer Ayrton Senna, als beide Ende der 1980er für McLaren fuhren. Sie bekämpften einander mit allen Mitteln.

Den Stoff für eine große Kinoverfilmung lieferte jedoch Niki Lauda, der am 1. August 1976 seinen Feuerunfall auf der berühmt-berüchtigten Nordschleife des Nürburgrings wie durch ein Wunder überlebte und nur sechs Wochen später in Monza bereits sein Comeback gab. Das WM-Duell mit dem Briten James Hunt, das Thema des 2013 erschienenen Spielfilms „Rush“ ist, verlor er am Ende nur um einen Zähler. Ein Jahr später holte Lauda aber im Ferrari seinen zweiten Titel, 1984 wurde er dann zum dritten Mal Weltmeister mit dem knappsten Vorsprung der Formel-1-Geschichte: Sein McLaren-Teamkollege Prost hatte nach 16 Rennen nur einen halben Punkt weniger auf dem Konto.

Einer, der all das miterlebt hat, ist Bernie Ecclestone (88). In den 1970er-Jahren erwarb der Ex-Gebrauchtwagenhändler die TV- und Vermarktungsrechte, äutete damit eine neue Zeitrechnung ein. Die Königsklasse des Motorsports entwickelte sich unter dem Engländer zum Milliarden-Unternehmen, das immer neue Märkte erschloss. Von China bis Abu Dhabi, von Russland bis Texas. Moralische Bedenken lagen Ecclestone dabei ziemlich fern.

Schlau und krumm

In Ex-Weltverbandschef Max Mosley fand der Brite über viele Jahre einen willigen Partner, mit dem er schlaue und nicht selten auch krumme Deals einfädelte. So musste sich Ecclestone 2014 vor dem Münchner Gericht in einem Bestechungsprozess verantworten, der gegen eine Geldauflage von 100 Millionen Dollar ohne Urteil endete. Ecclestones Ära als F1-Boss endete im Jänner 2017, nachdem er von den neuen Besitzern Liberty Media als Geschäftsführer abgesetzt worden war.

Aber auch abseits von Business-Machenschaften ist die Formel-1-Historie reich an Skandalen. Die größten Negativschlagzeilen lieferte die Spionage-Affäre 2007, als Ferrari-Logistikchef Nigel Stepney dem ehemaligen McLaren-Ingenieur Mike Coughlan 780 Seiten geheimer Daten schickte. Weil Coughlans Frau in einem Copyshop die Papiere offenbar vervielfältigen wollte, flog aber alles auf. Der Weltverband verhängte die Rekord-Geldstrafe von 100 Millionen US-Dollar.

Formel 1

Österreichs 15 Formel-1-Piloten

Jochen Rindt

60 Rennen, 10 Poles, 6 Siege, 13 Podestplätze; 3 schnellste Runden, 387 Führungsrunden, 109 WM-Punkte; Weltmeister 1970, tödlich verunglückt am 5. September 1970 im Training zum Grand Prix von Italien in Monza1965 Cooper Climax (9), 1966 (9) und 1967 (10) Cooper-Maserati, 1968 Brabham-Repco (12), 1969 (11) und 1970 (9) Lotus-Ford

Helmut Marko

9 Rennen, keine Punkte, 1971 und 1972 BRM

Niki Lauda

171 Rennen, 24 Poles, 25 Siege, 54 Podestplätze; 24 schnellste Runden, 1590 Führungsrunden, 420,5 Punkte; Weltmeister 1975, 1977 und 1984) 1971 March-Ford (1 Rennen), 1972 March-Ford (12), 1973 BRM (14), 1974 (15), 1975 (14), 1976 (14) und 1977 (14) Ferrari, 1978 (16) und 1979 (13) Brabham-Alfa, 1982 (14) McLaren-Ford, 1983 (14) McLaren-Ford/Porsche, 1984 (16) und 1985 (14) McLaren-Porsche TAG

Dieter Quester

1 Rennen, keine Punkte, 1974 Surtees-Ford

Helmut Koinigg

2 Rennen, keine Punkte, 1974 in Watkins Glen tödlich verunglückt, 1974 Surtees-Ford

Otto Stuppacher

3 Trainings 1976 Monza, Mosport, Watkins Glen, nie für ein Rennen qualifiziert, gestorben 2001

Harald Ertl

19 Rennen, keine Punkte, gestorben 1982 bei Flugzeug-Absturz, 1976 und 1977 Hesketh-Ford, 1978 Ensign-Ford

Hans Binder

13 Rennen, keine Punkte, beendete 1978 seine Karriere, 1977 Surtees, Ensign-Ford, 1978 ATS-Ford

Jo Gartner

8 Rennen, 0 Punkte, 1986 im 24-Stunden-Rennen in Le Mans tödlich verunglückt, 1984 Osella-Alfa Gartner wurde im Italien-Grand-Prix 1984 zwar Fünfter, erhielt aber als Gaststarter keine Punkte, weil sein Team nur ein Auto für die WM genannt hatte

Karl Wendlinger

41 Rennen, 14 Punkte, 1991 Leyton-House Illmor (2 Rennen), 1992 March-Illmor (14), 1993 Sauber (16), 1994 Sauber-Mercedes (3), 1995 Sauber-Ford (6)

Roland Ratzenberger

für ein Rennen qualifiziert, 11. Platz Japan, 1994 im Qualifying in Imola tödlich verunglückt, 1994 Simtek-Ford

Gerhard Berger

210 Rennen, 12 Poles, 10 Siege, 48 Podestplätze; 21 schnellste Runden, 747 Führungsrunden, 385 WM-Punkte; zweimal WM-Dritter 1988 und 1994) 1984 ATS-BMW (4 Rennen), 1985 Arrows-BMW (16), 1986 Benetton-BMW (16), 1987 (16), 1988 (16) und 1989 (15) Ferrari, 1990 (16), 1991 (16) und 1992 (16) McLaren-Honda, 1993 (16), 1994 (16) und 1995 (17) Ferrari, 1996 (16) und 1997 (14) Benetton-Renault

Patrick Friesacher

11 Rennen, 3 Punkte) 2005 Minardi

Alexander Wurz

69 Rennen, drei dritte Plätze, 1 schnellste Runde, WM-Achter 1998, 45 WM-Punkte, 1997 Benetton Renault (3 Rennen), 1998 Benetton Mecachrome (16), 1999 (16) und 2000 (17) Benetton-Supertec, 2005 McLaren-Mercedes (1), 2007 Williams (16). Danach Testfahrervertrag bei Honda und Brawn-GP

Christian Klien

49 Rennen, 14 Punkte, 2004 Jaguar-Cosworth (18 Rennen), 2005 (13) und 2006 (15) Red Bull Racing, 2010 (3) Hispania Racing Klien war am 14. November 2010 beim Finale in Abu Dhabi der bisher letzte Österreicher, der an einem F-1-GP teilnahm