Offene Kommunikationen und Respekt sind für Pajovič wesentliche Erfolgsfaktoren

Sport / 10.04.2019 • 10:30 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Der neue Cheftrainer des ÖHB-Männerteams, Aleš Pajovič (l.), und Sportdirektor Patrick Fölser beim Besuch in der VN-Redaktion. VN/Stiplovsek
Der neue Cheftrainer des ÖHB-Männerteams, Aleš Pajovič (l.), und Sportdirektor Patrick Fölser beim Besuch in der VN-Redaktion. VN/Stiplovsek

Neoteamchef Aleš Pajovič und Sportdirektor Patrick Fölser sind die neue Speerspitze im ÖHB-Männerhandball.

Dornbirn Im dritten Spiel des EHF-Euro-Cups trifft Österreichs Handball-Männerteam am Donnerstag (20.25 Uhr) im Dornbirner Messestadion auf Spanien. Das Duell gegen den 2018-Europameister ist zugleich das Debüt von Aleš Pajovič als ÖHB-Cheftrainer. Zwei Tage vor dem Länderspiel besuchte der 40-jährige Slowene, 181-facher Teamspieler und Ex-Champions-League-Sieger zusammen mit Sportdirektor Patrick Fölser (42) die VN-Redaktion. Dabei gab die neue Speerspitze im rot-weiß-roten Männerhandball Auskunft über den Stand der Dinge acht Monate vor der Heim-EM im Jänner 2020.

Welche Gedanken haben Sie 48 Stunden vor Ihrem Debüt als ÖHB-Teamchef?

Pajovič Ehrlich gesagt war ich etwas nervös vor dem ersten Treffpunkt und dem Start einer neuen Geschichte. Es war schon etwas Stress, ich mache nicht so gerne lange Gespräche mit den Jungs, sondern arbeite lieber mit ihnen im Training. Nach der ersten Einheit war die erste Nervosität weg und jetzt ist alles super. Die Spieler sind motiviert, die Stimmung ist gut und die Intensität war trotz der langen Anreise vom ersten Moment an da. Uns bleibt nicht viel Zeit und ich versuche in erster Linie in kleinen Schritten, meine Ideen und Vorstellungen in den Tagesablauf einzubringen.

In acht Monaten wartet bereits die Heim-EM. 2004 waren Sie selbst als Spieler bei den Titelkämpfen mit Slowenien im Endspiel. Darf Österreich unter der Regie von Ales Pajovič mit einem ähnlichen Coup spekulieren?

Pajovič Es war damals ein ganz großer Moment in meiner Karriere. Eine EM-Endrunde im eigenen Land setzt schon ungeahnte Kräfte frei. Wir haben alles gegeben, am Ende hat es aber leider nicht ganz gereicht. Die Silberne war die erste Medaille für Slowenien und ich habe den Jungs schon individuell versucht, meine damaligen Eindrücke zu verinnerlichen. Genau so einen Geist müssen wir entfachen. Jeder muss spüren, was im Jänner 2020 auf uns wartet. Zu Hause so eine Endrunde zu spielen, ist etwas Besonderes, jeder im Team muss bereits sein, über die Grenzen zu gehen. Über die Ziele habe ich mir noch keine konkreten Gedanken gemacht. Ich weiß, ich habe eine gute Truppe, habe das bei den wenigen Trainings zusammen gespürt. Wir haben eine junge starke Mannschaft und können vieles gut machen, wenn wir kämpfen. Die Spiele gegen Spanien sind ein erster Maßstab. Dabei steht nicht nur das Ergebnis im Vordergrund, sondern der Gesamteindruck.

Welche Art von Trainer sind Sie? Sind Sie eher der kumpelhafte Typ oder bevorzugen Sie die diktatorische Art?

Pajovič Für mich ist die offene Kommunikation zwischen Trainer und Spielern die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Dadurch entsteht auch der notwendige Respekt von beiden Seiten für die Arbeit. Wenn wir das haben, können wir die nächsten Schritte setzen. Ich habe zu Beginn meiner Profikarriere viele Trainer vom Balkan gehabt, die sehr diktatorisch waren. Eine oder zwei Fehler und dann der Wechsel. Das war eine gute Schule für mich. Mein Stil ist es, ruhig zu bleiben. Natürlich muss man auch hin und wieder etwas lauter seine Meinung vertreten. Bei Fehlern versuche ich während des Spiels positiv einzugreifen, dem Spieler zu helfen und ihm Ratschläge zu geben. Nach dem Spiel kann man immer noch darüber reden, was gut oder was schlecht war. Kommunikation und Respekt haben für mich oberste Priorität und deshalb würde ich mich als ruhiger Trainertyp bezeichnen.

Ihre Vorgänger als ÖHB-Teamchef blieben bei ihren Debüts ohne Sieg: Rainer Osmann verlor 2001 gegen Deutschland 21:30, Dagur Sigurðsson startete 2008 mit einem 26:30 gegen Schweden, Magnus Andersson erreichte 2010 ein 26:26 in Deutschland und Patrekur Jóhannesson begann seine Ära 2011 mit einem 27:29 in Polen. Was tippen Sie, wie Ihre Teamchefkarriere startet?

Pajovič Beide Mannschaften haben sieben Spieler auf dem Feld, es beginnt bei 0:0 und am Ende kann alles herauskommen. Ich habe bereits mit dem spanischen Trainer gesprochen und sie sind auch nicht komplett. So wie bei uns bekommen einige jüngere Spieler die Möglichkeit, sich zu präsentieren und zu empfehlen. Trotzdem hat Spanien noch sehr viel Qualität und ist aus meiner Sicht Favorit. Doch wir haben das Glück, unter keinem Qualifikationsdruck zu stehen. Wir sind fix bei der Endrunde und deshalb steht nicht das Ergebnis im Vordergrund. Wir wollen einen guten Start hinlegen und müssen bedingungslos kämpfen, damit am Ende ein positives Gesamtergebnis herauskommt. Ich erzeuge keinen Druck. Wir haben die Chance, in Blickrichtung EM-Endrunde gegen absolute Weltklasseteams wichtige internationale Erfahrung zu sammeln, die sich spätestens im Jänner 2020 bezahlt macht.

Sie beenden im Sommer Ihre Tätigkeit als Graz-Trainer. Welche Endplatzierung trauen Sie Ihrem Verein zu?

Pajovič Die Entscheidung, meine Tätigkeit in Graz zu beenden, war nicht leicht für mich. Wir haben in den vier Jahren viel erreicht und eigentlich wollte ich noch weitermachen. Doch wenn so ein Angebot kommt, den Posten des ÖHB-Teamchefs zu übernehmen, kann man nicht Nein sagen. Für mich ist es der nächste Schritt in meiner Entwicklung als Trainer und ich bin stolz, diese Möglichkeit bekommen zu haben. Wir haben auch über eine Doppelfunktion gesprochen, doch ich denke, es ist wichtig, total fokussiert auf eine Aufgabe zu sein. Auf jeden Fall möchte ich mich mit der bestmöglichen Platzierung als Trainer der HSG Graz verabschieden.

ÖHB-Sportdirektor Patrick Fölser: Was war für Sie der ausschlaggebende Punkt bei der Bestellung von Aleš Pajovič zum Teamchef?

Fölser Es war eigentlich nicht der Plan von uns, nach der WM 2019 einen neuen Teamchef zu suchen. In der WM-Analyse und den Gesprächen hat man sich dann aber doch Gedanken darüber gemacht, was die Mannschaft braucht, um bei der EM 2020 und darüber hinaus das Maximum zu erreichen. Der Anteil an Legionären im Männerteam ist im Vergleich zu den letzten Jahren eher kleiner geworden, dafür ist die Zahl jener, die in der Spusu Liga spielen, gestiegen. Daher war es wichtig, eine Person zu finden, die die Möglichkeit hat, die Spieler zu beobachten. Dahingehend haben wir ein Profil erstellt und die Wahl ist dann schnell für Ales gefallen. Er war selbst ein Weltklassespieler, hat aber als relativ junger Trainer noch nicht die große internationale Erfahrung. Dafür bringt er viel Kenntnis aus seiner Zeit bei Celje, Cuidad Real oder Kiel mit und in Summe war es die Mischung aus jugendlicher Motivation und enormer Erfahrung als Spieler, die entschieden hat.

Ist in Blickrichtung EM 2020 aus sportlicher Sicht alles auf Schiene?

Fölser Auch wenn es etwas plakativ klingt, muss man Ales jetzt in erster Linie einfach einmal die Zeit gegeben, sich zu finden und ein Team nach seinen Vorstellungen zu formen. Natürlich wäre es ein Traum, wenn wir mit Siegen gegen Spanien starten würden. In erster Linie wollen wir wieder als Mannschaft und Einheit auftreten und die Ergebnisse rücken etwas aus dem Interesse. Natürlich muss man auch lernen zu siegen, das ist genauso wichtig. Die vier Spiele bis zur Sommerpause gegen Weltklasseteams wie Spanien, Norwegen und Schweden sind eine perfekte Möglichkeit, sich wieder dem Topniveau zu nähern. Vergleiche gegen solche Spitzennationen sind etwas anderes als Ligaspiele und der neue Teamchef kann erkennen, welcher Spieler welche Aufgabe und Rolle übernimmt. Wir wollen so viel wie möglich mit der Mannschaft machen, sie so gut es geht unterstützen, und damit 2020 das Maximum herausholen, das in der Mannschaft steckt. Man kann aber davon ausgehen, dass wir alles unternehmen, damit die Euro 2020 für ähnliche Magic Moments wie 2010 sorgt und der Handballsport in Österreich den nächsten Schub erhält.

Ende April steht eine ÖHB-Generalversammlung an. Wird es noch weitere strukturelle Veränderungen im sportlichen Bereich geben?

Fölser Ich habe im August 2018 den Posten mit dem Ziel übernommen, die sportliche Führung im ÖHB noch professioneller aufzustellen. Aus diesem Grund wurde auch erstmals in der Geschichte der Posten des Sportdirektors geschaffen. Das Spektrum des Aufgabenbereichs ist enorm groß und beschränkt sich nicht nur auf das Männerteam. Deshalb habe ich auch eine gewisse Zeit gebraucht, um die Ziele zu definieren und die dazu notwendigen Schritte zu setzen und damit den Handballsport auf die nächsthöhere Ebene zu bringen. Das ist ein langwieriger Prozess, der nicht in drei oder sechs Monaten zu bewerkstelligen ist.

Mit der Junioren-EM im Sommer 2020 in Innsbruck und Brixen steht ein zusätzliches Großevent an. Hat man mit einem Großevent pro Jahr nicht schon genug Arbeit?

Fölser Nach der Championship der Unter-18-Jährigen im Vorjahr in Tulln hatten wir ja bereits die sogenannte B-EM in Österreich. Zu Beginn des Jahres ist dann der italienische Verband an uns herangetreten und hat gefragt, ob wir zusammen mit ihnen die U-20-EM 2020 ausrichten. Als Wunschspielort wurde Tirol genannt und nachdem der dortige Verband seine Zustimmung gab, haben wir der Kooperation zugestimmt. Da Österreich in Tulln den ersten Platz geholt hat, ist es auch ein kleines Dankeschön an das 2000er-Team und die Möglichkeit, sich auf der nächsthöheren Stufe zu präsentieren. Gleichzeitig hoffen wir auch, dass einige Spieler aus dieser Mannschaft den Schritt ins Männerteam schaffen. Dahingehend hat die Bewerbung auch einen nachhaltigen Hintergedanken aus unserer Sicht.

Als Sportdirektor sind Sie auch für die Frauen zuständig. Von 1992 bis 2009 war man in diesem Bereich jährlich international bei Großevents vertreten. Gibt es Signale, dass die Durststrecke bald zu Ende geht?

Fölser Wenn man gerade die letzte Qualifikation hernimmt, muss man sagen, dass wir in den letzten Jahren bei den Frauen nicht unbedingt vom Glück verfolgt waren. Doch auch hier stellen wir uns mit aller Kraft der Herausforderung und tun alles dafür, damit wir auch hier in absehbarer Zeit wieder einmal bei einer Endrunde vertreten sind. Im Nachwuchsbereich ist das zum Glück nicht der Fall und darauf bauen wir unsere Hoffnungen.

Am Donnerstag (20.25 Uhr) empfängt 2020-EM-Gastgeber Österreich im Dornbirner Messestadion Europameister Spanien. ÖHB
Am Donnerstag (20.25 Uhr) empfängt 2020-EM-Gastgeber Österreich im Dornbirner Messestadion Europameister Spanien. ÖHB