In Sölden wieder Rennluft einatmen

Sport / 25.04.2019 • 22:21 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Elisabeth Kappaurer ist eine Frohnatur und versucht, nach ihrer xten Verletzung die notwendige Balance für eine Rückehr in den Skirennsport zu finden. VN/Lerch
Elisabeth Kappaurer ist eine Frohnatur und versucht, nach ihrer xten Verletzung die notwendige Balance für eine Rückehr in den Skirennsport zu finden. VN/Lerch

Riesenslalom-Ass Elisabeth Kappaurer arbeitet intensiv an ihrer Rückkehr in den Skirennsport.

Bezau Skirennläuferin Elisabeth Kappaurer musste in den letzten Jahren einige Rückschläge wegstecken. 2013 war es ein Bänderriss im Sprunggelenk, 2015 eine Knorpelabsplitterung im Knie, 2016 folgte eine Operation im Mittelfuß und 2018 hat die Bezauerin wegen einer Fraktur am Mittelhandknochen die Olympischen Winterspiele versäumt. Im Oktober des letzten Jahren zog sich die 2014-Juniorenweltmeisterin vor dem Saisonstart in Sölden im Training einenSchien- und Wadenbeinbruch zu und musste die komplette Saison pausieren. Nun hat die 24-jährige Riesentorlaufspezialistin nicht zuletzt dank der Unterstützung im Olympiazentrum Vorarlberg und der Rückversichung als Heeresleistungssportlerin die x-te Zwangspause übertaucht und hat ihr Comeback in Sölden ins Auge gefasst.

Wie geht es dir?

Kappaurer So weit so gut. Ich bin jetzt froh, dass der Winter vorbei ist, dass bei uns im Olympiazentrum der Alltag einkehrt und ich, wenn ich aus dem Fenster schaue, kein schlechtes Gewissen haben muss. Ich freue mich auf den Herbst, wenn es wieder losgeht.

Es ist nicht das erste Mal, dass du an einem Comeback arbeitest. Gibt es diesbezüglich Unterschiede oder läuft alles nach demselben Muster ab?

Kappaurer Es ist eigentlich meine erste megaschwere Verletzung und Vergleiche sind nur schwer möglich. Ein Urteil, ob es überhaupt noch funktioniert, wird man wohl nach den zehn Monaten Rehazeit treffen können. Zu Beginn war ich mir selbst, aber auch die Experten sich nicht so sicher, ob ich es noch einmal schaffe. Mittlerweile bin ich zu 100 Prozent davon überzeugt, wenngleich noch viel Arbeit auf mich wartet. Ich glaube daran und das ist aus meiner Sicht der wichtigste Faktor für eine Rückkehr.

Bist du schon im Wintermodus, jetzt, da erst der Sommer im Anmarsch ist?

Kappaurer Ja schon, auch deshalb, weil ich das Gefühl habe, es braucht nicht mehr viel, bis ich wieder Skifahren kann. Ich bin wieder näher beim Skifahren, als ich es in den Wintermonaten war. Ich freue mich darauf, wenn es wieder losgeht, wenn ich seit Langem wieder auf den Brettern stehen und Rennen fahren kann. Spätestens in Sölden will ich wieder Wettkampfluft atmen.

Gab es einen Moment, an dem du dir gesagt hast: Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr?

Kappaurer Solche Gedanken waren schon da, speziell zu Beginn der Reha, wenn man auf Krücken läuft. Es war ja so, dass man beim Schien- und Wadenbein die Patellasehne durchgeschnitten hat, um den Nagel zur Stabilisation des Knochens anzubringen. So habe ich zur eigentlichen Verletzung zusätzlich noch eine Knieverletzung dazubekommen. Im Krankenhaus hat man zu mir gesagt, ich soll aufstehen, ohne dabei die vordere Muskulatur des Oberschenkels anzuspannen bzw. das Knie abzubiegen. In solchen Momenten, in denen selbst banale Dinge, wie einfach aus dem Bett zu steigen, schon eine Herausforderung sind, ist man meilenweit vom Skifahren entfernt und denkt sich im Stillen, ob es überhaupt einmal wieder geht. Ich war ganz weit weg vom Leistungssport und hatte einfach nur den Wunsch, wieder ein normales Leben ohne Schmerzen führen zu können.

Wie sehen die Planungen für die nächsten Wochen und Monate aus?

Kappaurer Die nächste Zeit werde ich sicher noch viele Tage im Kraftraum verbringen. Seit der Operation sind knapp sieben Monate vergangen, und es wird sicher noch einige Zeit dauern, bis der Fuß sich an die geforderten Belastungen gewöhnt. Spätestens Ende Juni möchte ich dann aber schon die ersten Versuche auf Schnee absolvieren, um zu schauen, ob das, was ich tue, in die richtige Richtung geht, ob ich Schmerzen habe und ob ich das Skifahren noch nicht verlernt habe. Aber auch deshalb, weil ich noch nicht so viel Erfahrung mit der neuen Skimarke seit meinem Wechsel zu Head habe. Im Herbst hatte ich ja nicht die Möglichkeit, mich daran richtig zu gewöhnen.

Was treibt dich an: Der erste Top-Ten-Platz? Es noch einmal allen zu zeigen?

Kappaurer Es viele kleine Dinge, die mir Mut gegeben haben. Einen wesentlichen Beitrag war die Unterstützung im Olympiazentrum und beim Bundesheer. Daneben waren es die Familie und Freude, die mir die notwendige Balance gegeben haben, diese schwierige Zeit so gut wie möglich zu bewältigen. Zudem waren es auch die Gespräche mit Christl (Scheyer) und Ariane (Rädler), die ebenfalls verletzt waren. Wir haben uns nicht bemitleidet, sondern angespornt und gemeinsam einen Weg gesucht, mit positiven Gedanken diese schwierige Zeit zu überbrücken. Natürlich ist so eine Verletzung für einen Sportler ein herber Schlag. Wenn man dann aber gewisse Geschehnisse auf der Welt betrachtet, erkennt man die wahren Werte des Lebens und die Tatsache, dass man zwar im Moment seinen Job nicht ausüben kann, es aber weit schwerwiegendere Probleme gibt. Das gibt einem dann noch einmal mehr Kraft, noch einmal durchzustarten. Zu Beginn haben mir auch die Gespräche mit dem Sportpsychologen (Dr. Christian Uhl) viel geholfen.

Abseits vom Skisport scheint du Gefallen am Lehrberuf zu haben. Gibt es diesbezüglich konkrete Ziele?

Kappaurer Während meiner Zwangspause hatte ich die Möglichkeit, ein Praktikum an der Volksschule Bezau zu machen. Die Arbeit mit den Kindern hat mir enorm viel Freude gemacht. Den Gedanken, einmal als Grundschullehrerin zu arbeiten, habe ich seit meiner Volksschulzeit und das Praktikum hat mich in meiner Berufswahl bestätigt. Im Moment hat aber die Rückkehr in den Rennsport erste Priorität, zumal ich ja auch die notwendige Ausbildung noch fehlt.

Derweil ist das Olympiazentrum deine zweite Heimat?

Kappaurer Eigentlich ist der Kraftraum dort sogar zu meiner ersten Heimat geworden. Doch hier fühle ich mich wohl und durch den einzigartigen Geist, der unter Sportlern herrscht, habe ich hier auch die Kraft für neue sportliche Ziele gefunden. Ich war von Anfang an voll motiviert, es hat durch die lange Absenz aber doch einige Zeit gedauert, bis ich wieder richtig in Schwung gekommen bin.

Verletzungen haben meist auch finanzielle Einbußen zur Folge. Wie wichtig ist das Heeresleistungszentrum als Stütze?

Kappaurer Es ist nicht nur die Absicherung durch die Versicherung, sondern auch die finanzielle Absicherung. Das Olympiazentrum und das HLSZ sind aber auch eine Art Auffangbecken. Es sind so viele Personen da, die alle das gleiche Ziel verfolgen. Über diese Möglichkeit bin ich brutal froh, und ohne diese Rückendeckung hätte ich es ziemlich sicher nicht geschafft. Darauf kann Vorarlberg berechtigt stolz sein und wir werden in Österreich darum beneidet. Wir sind wie eine große Familie, die zusammen feiert, aber auch leidet.

Hast du dich gedanklich schon auf deine Rückkehr auf die Skier eingestellt?

Kappaurer Jein! Es ist schon ein etwas komisches Gefühl. Ich muss das Gespür bekommen, dass alles hält und nichts mehr passieren kann und dass ich im Kopf nicht meinen Körper denken muss, weil ich Schmerzen haben werde, sondern mich voll und ganz auf das Skifahren konzentrieren kann. Sicher werden wieder Schmerzen auftreten, das ist bei so einer Verletzung ganz normal, darum werde ich nicht herumkommen. Doch ich hoffe, die Schmerzen halten sich in Grenzen.

Als Skirennläuferin ist man Einzelkämpferin. Wie wichtig ist dir der Teamgedanke?

Kappaurer Wir sind zwar Einzelsportler, aber meiner Meinung nach kann man nur als Team weiterkommen und bestehen. Es macht keinen Sinn, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht. Der Leistungsgedanke gehört natürlich dazu. Wenn man aber von acht Monate von einem Rennen zum anderen zieht, kann man nicht pausenlos an den Sport denken. Es gibt nur sehr wenige Sportler, die als Einzelkämpfer Erfolge feiern. Ich bin ein geselliger und freudiger Typ von Mensch, dem es keine Probleme bereitet, mich über meine eigenen Erfolge, aber auch über jene von Freuden zu freuen.

Missbrauch und Doping haben zuletzt für viel Negativ-Image gesorgt. Wie stehst du diesen Themen gegenüber?

Kappaurer Bezüglich Missbrauch kann ich nichts sagen, weil ich weder zu meiner Zeit in der Skihauptschule und später in Stams davon betroffen war oder jemals ein Problem mit einem Trainer gehabt habe. Das Thema Doping ist zum Glück im Skisport nicht so verbreitet, weil es auch nichts bringen würde. Im Skisport kommen technische Komponenten zum Tragen und die kann man mit keinem Pulver oder Medikament beeinflussen. Natürlich wird man als Leistungssportler nicht zuletzt durch die Dopingkontrollen damit konfrontiert. Dopping war noch nie ein Problem für mich und das wird hoffentlich immer so bleiben.