Ayrton Senna: Der Tod des Unverwundbaren

Sport / 01.05.2019 • 13:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ayrton Senna wird in der Formel 1 auch heute noch als großes Vorbild verehrt. „Er fuhr auf einem ganz anderen Niveau“, sagt der aktuelle Weltmeister Lewis Hamilton.reuters
Ayrton Senna wird in der Formel 1 auch heute noch als großes Vorbild verehrt. „Er fuhr auf einem ganz anderen Niveau“, sagt der aktuelle Weltmeister Lewis Hamilton.reuters

Das Formel-1-Ausnahmetalent verunglückte vor 25 Jahren in Imola

Imola Nach dem Tod von Ayrton Senna trugen auch die Gondeln der Seilbahn zum weltberühmten Zuckerhut in Rio de Janeiro Trauer. Während der Abschiedszeremonie von der Formel-1-Legende in seiner Heimatstadt São Paulo warfen Menschen bunte Blütenblätter aus den in luftiger Höhe für Minuten angehaltenen Kabinen. Der Tod des dreimaligen Weltmeisters am 1. Mai 1994 versetzte Brasilien in Schockstarre. Und die Königsklasse des Motorsports musste nach dem verhängnisvollen Wochenende von Imola einen Ausweg aus ihren vielleicht dunkelsten Stunden finden.

Aura, Enthusiasmus, Energie

„Senna war für mich unverwundbar“, erzählte Teamchef Frank Williams einmal über seinen damaligen Piloten. „Er ist Gott“, huldigte ihm sein langjähriger Physiotherapeut Josef Leberer. „Er hatte diese Aura, sein Enthusiasmus, seine Neugier und Energie waren beeindruckend“, schwärmte Designer Adrian Newey, von dem noch die Rede sein wird. „Wenn er nicht umgekommen wäre, wäre er heute vielleicht Präsident Brasiliens.“
Der Schrecken an jenem Wochenende zum Großen Preis von San Marino hatte sich förmlich aufgebaut. Im Auftakttraining hob Rubens Barrichello mit seinem Jordan-Hart ab und schoss in den Fangzaun. Der Brasilianer überstand den Unfall wie durch ein Wunder ohne ganz große Verletzungen.
Einen Tag später verunglückte Roland Ratzenberger im Abschlusstraining tödlich. Wegen eines beschädigten Flügels an seinem Simtek-Ford raste der Österreicher mit 314 km/h vor der Tosa-Kurve frontal in die Betonbegrenzung und erlag seinen schweren Kopfverletzungen. Zwölf Jahre nach Riccardo Paletti in Montréal betrauerte die Formel 1 wieder ein Todesopfer an einem Rennwochenende.
Senna war geschockt. Am Unfallort weinte er an der Schulter von Formel-1-Chefarzt Sid Watkins. Der Neurochirurg wollte den 34-Jährigen nach eigener Erinnerung zum sofortigen Rücktritt überreden. „Was willst du noch beweisen?“, habe er Senna gefragt. „Hör auf und lass uns angeln gehen.“
Sennas damalige Freundin Adriane Galisteu erzählte, er habe ein „ganz schlechtes Gefühl“ für das Rennen gehabt. Am liebsten hätte er nach seiner 65. Pole Position gar nicht fahren wollen. Der 41-malige Grand-Prix-Gewinner tat es dennoch und fuhr in den Tod. Der erst vor der Saison von McLaren zu Williams gewechselte Pilot verlor in der sechsten Runde die Kontrolle über seinen Wagen und schlug in der Tamburello-Kurve in spitzem Winkel in eine Betonmauer ein. Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf saß der Brasilianer leblos im Wrack, die Rennleitung brach den Grand Prix ab. Senna wurde geborgen und in die Maggiore-Klinik in Bologna gebracht. Nach Stunden des Hoffens wurde am Abend Sennas Tod bekannt gegeben.
„Imola war ein Desaster. Es hätte nicht schlimmer kommen können und es waren sehr bittere Tage danach“, erinnerte sich einmal Michael Schumacher, der nach einem Neustart gewann, an das verheerende Wochenende. Die genaue Unfallursache wurde nie geklärt. Senna erlitt schwere Kopfverletzungen, weil er von einem losgerissenen Vorderrad am Helm getroffen wurde. Fakt ist auch, dass die Lenksäule an seinem Williams brach. „Was den Unfall verursachte, lässt mich bis zum heutigen Tag nicht los“, sagte der damalige Chefdesigner Newey. „Viele gaben uns die Schuld dafür. Als hätten wir der Welt ein Gemälde von Michelangelo gestohlen“, sagte Sennas Teamchef Williams mit einigen Jahren Abstand.Newey musste sich sogar vor Gericht verantworten. „Es war eine extrem schwere Zeit“, räumte der Brite ein, der freigesprochen wurde.

Sicherheitskur nach Sinnkrise

In Brasilien herrschte eine dreitägige Staatstrauer, die Formel 1 stürzte in eine Sinnkrise. Unter dem Nachdruck des damaligen Motorsportweltverbandchefs Max Mosley unterzog sich die Rennserie einer überlebenswichtigen Sicherheitskur. „Die Fahrer sollen ihren Spaß haben, ihre Spannung“, sagte der Brite, „aber wir wollen nicht, dass sie verletzt werden.“