Die „Lokomotive“ machte Dampf

Sport / 02.06.2019 • 21:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Endstation Arena von Verona: Richard Carapaz, eigentlich als Helfer von Mikel Landa vorgesehen, triumphierte beim Giro. apa
Endstation Arena von Verona: Richard Carapaz, eigentlich als Helfer von Mikel Landa vorgesehen, triumphierte beim Giro. apa

Richard Carapaz gewann vor Nibali und Roglic den Giro d‘Italia.

Verona Völlig ausgepumpt, aber überglücklich rollte Richard Carapaz über den rosa Teppich in die ehrwürdige Arena von Verona und riss einen Arm in die Höhe. Nach 3546 Kilometern und über 90 Stunden auf den Landstraßen Italiens war die Sensation perfekt: Als erster Ecuadorianer holte sich Carapaz, der Bauernsohn aus den Anden, den Gesamtsieg beim Giro d‘Italia. Der 26-Jährige – bislang eine eher unbekannte Größe im internationalen Radsport – lag nach dem abschließenden Einzelzeitfahren über 17 Kilometer 65 Sekunden vor dem italienischen Altstar Vincenzo Nibali. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das sind einzigartige Gefühle. Für mich ist das der größte Triumph, den ich in meinem Leben erreichen kann“, sagte Carapaz mit Tränen in den Augen: „Es ist ein Traum, es ist aber auch der Lohn für die harte Arbeit.“

Radboom in Ecuador

Primoz Roglic, der bei der 102. Italien-Rundfahrt zwei Einzelzeitfahren gewann und hinter Vincenzo Nibali Gesamtdritter wurde, hat bewiesen, dass seine erstaunliche Metamorphose vom Skispringer zum kompletten Rundfahrer fast abgeschlossen ist. Zum dritten Sieg im Kampf gegen die Uhr reichte es nicht mehr, den holte sich Chad Haga vom Sunweb-Team.

Im Mittelpunkt stand aber Carapaz, der in seiner Heimat einen Radsport-Boom ausgelöst hat. Auf dem Marktplatz in Tulcan versammelten sich auf den letzten Etappen frühmorgens bereits die Landsleute vor einem großen Bildschirm, um das historische Ereignis zu verfolgen. Die „Lokomotive von Carchi“, so der Spitzname des 62 Kilogramm leichten Kletterers hat alle verblüfft. Es ist die Geschichte eines Jungen aus einem Bergdorf in 3000 Metern Höhe, der sich auf dem Hof der Eltern um die Kühe kümmern musste und in seiner Freizeit begeistert Videos des einstigen Tour-Siegers Marco Pantani schaute.

Keine Schwächen gezeigt

Keiner hatte diesen Mann, der dem früheren italienischen Radstar Claudio Chiappucci so verblüffend ähnlich sieht, auf der Rechnung. Erst viel zu spät realisierten Nibali und Roglic in ihrem erbitterten Duell, welche Gefahr der Movistar-Fahrer darstellte. Auf der 14. Etappe nach Courmayeur war Carapaz mit seinem zweiten Tagessieg ins Rosa Trikot gefahren. Schwächen zeigte er danach nicht mehr, auch die Psychospielchen des routinierten Nibali konnten ihm nichts anhaben. Im Ziel in Verona wartete Ehefrau Anita Rosero mit Söhnchen Richard Santiago und Töchterchen Aimy Sofia.

Die Österreicher Michael Gogl (Trek) und Marco Haller (Katjuscha) hatten bei ihren Giro-Debüts Helferdienste zu verrichten. Beide durften sich über Top-Ten-Gesamtergebnisse ihrer Kapitäne Bauke Mollema (Trek/5.) und Ilnur Sakarin (Katjuscha/10.) freuen.

Rad

102. Giro d‘Italia

20. Etappe, Feltre – Monte Avena (194 km): 1. Pello Bilbao (ESP) Astana 5:46:02 Std., 2. Mikel Landa (ESP) Movistar gleiche Zeit, 3. Giulio Ciccone (ITA) Trek +2 Sek., 4. Richard Carapaz (ECU) Movistar 4, 5. Vincenzo Nibali (ITA) Bahrain gleiche Zeit, 14. Primoz Roglic (SLO) Jumbo 54, 137. Michael Gogl (AUT) Trek +42:23 Min., 142. Marco Haller (AUT) Katjuscha 43:31.

21. Etappe: Einzelzeitfahren in Verona (17 km): 1. Chad Haga (USA) Sunweb 22:07 Min., 2. Victor Campenaerts (BEL) Lotto + 4 Sek., 3. Thomas de Gendt (BEL) Lotto 6, 4. Damiano Caruso (ITA) Bahrain 9, 4. Tobia Ludvigsson (SWE) Groupama 11, 6. Josef Cerny (CZE) CCC gleiche Zeit, 9. Vincenzo Nibali (ITA) Bahrain 23, 10. Primoz Roglic (SLO) Jumbo 26, 36. Richard Carapaz (ECU) Movistar 1:12 Min., 38. Michael Gogl (AUT) Trek 1:17, 90. Marco Haller (AUT) Katjuscha 2:23

Gesamtwertung Endstand: 1. Carapaz 90:01:47 Std., 2. Nibali + 1:05 Min. 3. Roglic 2:20, 4. Landa 2:38, 5. Bauke Mollema (NED) Trek 5:43, 6. Rafal Majka (POL) Bora 6:56, 7. Miguel Angel Lopez (COL) Astana 7:26, 8. Simon Yates (GBR) Mitchelton 7:49, 9. Pawel Siwakow (RUS) Ineos 8:56, 10. Ilnur Sakarin (RUS) Katjuscha 12:14, 97. Gogl 3:58:26 Std.,116. Haller 4:31:59