Der Pionier geht in Pension

Sport / 03.06.2019 • 20:43 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Stationen einer Karriere: Julian Knowle feierte mit seiner beidhändig gespielten Vor- und Rückhand viele Doppel-Erfolge.gepa, ap, vn
Stationen einer Karriere: Julian Knowle feierte mit seiner beidhändig gespielten Vor- und Rückhand viele Doppel-Erfolge.gepa, ap, vn

Tennis-Ass Julian Knowle beendet die Karriere und wird Touring-Coach von Dennis Novak.

Wien Er ist Österreichs Doppel-Pionier in der Tennis-Profiszene und leitete eine Serie von rot-weiß-roten Erfolgen im Doppel ein. Nun hat sich Julian Knowle im Alter von 45 Jahren und 35 Tagen entschieden, seine Karriere, die er 1992 als Einzelspieler begonnen hatte, an den Nagel zu hängen. Zudem verriet der seit vielen Jahren in Wien lebende und in Hard aufgewachsene Knowle, dass er nun u. a. als Touring-Coach des zweitbesten Österreichers Dennis Novak, tätig sein wird. „Ich habe bis März ernsthaft versucht, noch einmal zurückzukommen. Aber in dieser Zeit habe ich gemerkt, es vergeht keine Woche im Training, in der nicht irgendein anderes Wehwehchen kommt“, erklärte Knowle, der seinen Comeback-Versuch im März in Marseille wegen plötzlicher Rückenschmerzen absagen musste.

Der neue Weg

Anfang des Jahres habe er eine Coaching-Anfrage des aktuell viertbesten Schweizers Marc-Andrea Hüsler (ATP-Nr. 274) bekommen. „Ich soll bis maximal zehn Wochen mit ihm touren“, erzählte der ehemalige US-Open-Doppel-Champion (2007). Damals dachte Knowle noch, er könne dies gut mit seiner Karriere verbinden. Nach einer langen Pause wegen einer Ellbogenverletzung hat er noch bis September 2020 ein geschütztes Ranking.

„Dann kam Mitte April aber auch eine zusätzliche Anfrage von Dennis Novak, ob ich ihm helfen könnte.“ Novak ist Österreichs zweitbester Einzelspieler und als aktuell 113. der Weltrangliste auf dem erstmaligen Sprung in die Top 100. Sein Hauptcoach ist Wolfgang Thiem. Da beide Neo-Schützlinge aufgrund des verschiedenen Rankings auch verschiedene Turniere spielen, ließ sich dies für Knowle nur schlecht vereinbaren. „Ich habe immer gesagt, wenn ich etwas mache, dann mache ich es anständig und zu hundert Prozent“, sagte Knowle.

Als er nach einem Gespräch die Zusage von Novak erhalten hat, war er kurz ratlos. „Der erste Impuls von mir war ‚Shit, was mache ich jetzt?‘“, gestand der 19-fache Doppelsieger der ATP-Tour. Doch innerhalb von zwei Tagen des Nachdenkens war für den zweifachen Vater Knowle klar, dass dies für ihn der neue Weg ist. Er hätte zwar immer noch „sehr viel Spaß am Wettkampf, aber der Körper lässt es nicht mehr zu. Ich kann nicht die Umfänge trainieren, die ich bräuchte. Und ich stelle mich nicht hin, um mich abschlachten zu lassen.“

Vereinbarung für 15 Wochen

Dennoch wird man Knowle noch auf dem einen oder anderen Event sehen. Dank den zwölf „protected rankings“ will er noch auf dem einen oder anderen Turnier spielen, vor allem auch bei den lukrativen Grand Slams. „Ich habe gelesen, dass Leander Paes der Älteste ist, der je in der ‚open era‘ ein Match bei den French Open gewonnen hat – mit 45. Da hat es mich schon wieder gejuckt für nächstes Jahr“, meinte Knowle lachend. Aber: „Jetzt ist es mehr oder weniger ein Spaß und ich habe keine Ambitionen mehr, was meine aktive Karriere betrifft, sondern ich möchte mit den Spielern auch was bewegen.“ Als Touring-Coach war er mit Hüsler schon drei Wochen in Mexiko unterwegs, wo sein Schützling in San Luis Potosi gleich seinen ersten Challenger gewann. Mit Novak gilt die Vereinbarung als Touring-Coach für „10 bis 15 Wochen“. Auch mit Novak war er in Heilbronn (Semifinale) und in der Paris-Qualifikation (Aus in Runde eins) schon mit. Nun begleitet er Novak in der Rasensaison. „Nach Wimbledon setzen wir uns zusammen und schauen, wie das für beide passt.“

Nach eineinhalb Jahren Zeit, in der er sich auf das Farewell einstellen konnte, ist er „überhaupt nicht wehmütig. Ganz im Gegenteil. Ich bin unheimlich dankbar dafür, dass ich länger spielen konnte als 99 Prozent meiner Kollegen.“

Ein stolzer Blick zurück

Sein Rückblick ist durchaus auch mit Stolz erfüllt: „Als ich 2005 vom Einzel zum Doppel gewechselt habe, da haben mich schon einige auch belächelt“, erinnert sich Knowle, einer der wenigen Spieler auf der Tour, die Vorhand und Rückhand beidhändig spielen. Nach dem Motto „Jetzt ist er völlig übergeschnappt“. Als Knowle 2007 an der Seite des Schweden Simon Aspelin als erster Österreicher überhaupt bei den US Open zum Grand-Slam-Doppel-Sieger wurde, sah das anders aus. „Da haben sich andere gedacht, was der kann, kann ich schon lange, und das war auch gut so. Es stimmt ja auch.“

Der nun 45-Jährige hat sich in jungen Jahren das Tennis selbst beigebracht und sowohl Vorhand, Rückhand als auch Volley beidhändig gespielt. „Mit dem Wissen von heute würde ich natürlich alles einhändig machen“, gesteht Knowle.

Er ist bis heute auch der einzige Österreicher, der beim Masters der besten acht Doppel das Endspiel (2007) erreicht hat. Sein größter Einzelerfolg? „Die dritte Runde in Wimbledon 2002, in der ich dann vom (Lleyton) Hewitt eine Packung gekriegt habe“, erinnerte er sich lachend.

„Irgendwann ist das Ende da“

Als er zum Davis Cup kam, habe es nur Alex Antonitsch gegeben. Damals war teamintern sozusagen fix, dass man den Doppel-Punkt „eh nicht gewinnen“ wird. Dies hat sich nach und nach geändert, mittlerweile rechnet man im ÖTV-Team mit dem Doppel-Zähler.

In fünf Jahren wird die ATP beginnen, Knowle eine Pension auszuzahlen. Die Höhe kennt er noch gar nicht. Er wird dann 20 Jahre lang eine monatliche Zahlung erhalten. So richtig in Pension geht er aber noch lange nicht. Und mit Dennis Novak hat er eine interessante Aufgabe erhalten. „Ich finde den Dennis super spannend. Von seinem Potenzial her müsste er ganz woanders stehen.“

Er selbst wird also nur noch ein paar Turniere zum Spaß spielen. „Es war wichtig für mich, dass ich echt versucht habe, alles noch einmal auszureizen“, erklärt der Wahl-Wiener. „Das ist auch der Grund, warum ich in Frieden sagen kann: Okay, es ist gut so.‘ Jetzt ist halt irgendwie einfach das Ende da.“

„Mit dem Wissen von heute würde ich natürlich alles einhändig machen.“

Zur Person

Julian Knowle

hat seinen Rücktritt vom aktiven Tennissport erklärt

Geboren 29. April 1974 in Lauterach

Wohnort Wien

Familienstand zweifacher Vater (ein Bub, ein Mädchen)

Größe/Gewicht 1,89 m/72 kg

Linkshänder, beidhändige Vor- und Rückhand und Volley

Beste Weltranglisten-Platzierung Einzel 86. (15.7.2002)

Beste Weltranglisten-Platzierung Doppel 6. (7.1.2008)

Karriere-Preisgeld (brutto):3,048 Mill. US-Dollar

Hobbys Fußball (Italien, AC Milan)

Profi seit1992

Größte Erfolge

Titel: 19 Doppel-Titel, darunter US Open 2007 (mit Simon Aspelin/Swe)

sowie Pörtschach und Kitzbühel

Finali: 25, darunter Wimbledon 2004 (mit Nenad Zimonjic/SRB) sowie

beim Masters 2007 in Schanghai (mit Aspelin) sowie Mixed-Finale in

Wimbledon 2010 (mit Jaroslawa Schwedowa/KAZ)

Einzel-Titel Challenger-Tour Andrezieux (2002), Graz, Caracas (2001), Kyoto (1999)

Einziger Österreicher mit Finaleinzug beim Masters der besten acht Teams

Anmerkung: Hat noch für 12 Turniere bis September 2020 ein „geschütztes Ranking“, das er nutzen will