Sebastian Vettel rechnet ab

10.06.2019 • 19:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Start-Ziel-Sieg von Sebastian Vettel in Montreal, am Ende war er aber doch nicht Erster: Eine Fünf-Sekunden-Strafe gegen den Ferrari-Piloten machte Lewis Hamilton zum Gewinner.apa
Start-Ziel-Sieg von Sebastian Vettel in Montreal, am Ende war er aber doch nicht Erster: Eine Fünf-Sekunden-Strafe gegen den Ferrari-Piloten machte Lewis Hamilton zum Gewinner.apa

Lewis Hamilton erbt in Montreal nach Fehler des Deutschen den Sieg.

Montreal Getrieben von Wut und tiefer Frustration fällte Sebastian Vettel ein vernichtendes Urteil über den Zustand der Formel 1. „Das ist nicht der Sport, in den ich mich verliebt habe“, sagte der Ferrari-Star nach dem Großen Preis von Kanada und sehnte die guten alten Zeiten herbei: „Ich schaue mir gerne die Rennen, Autos und Fahrer von früher an. Ich würde mein Können lieber in diesen Zeiten als heutzutage unter Beweis stellen.“

„Rauch stieg aus Vettels Helm“, schrieb die Daily Mail über die Vorfälle nach dem Rennen, denn der Deutsche rechnete ab. Gegen den eigentlich zweitplatzierten Lewis Hamilton, der wegen Vettels Fünf-Sekunden-Zeitstrafe zum Sieger erklärt wurde, hegte er keinen Groll. Nicht einmal die Stewards, die die umstrittene Entscheidung getroffen hatten, standen im Zentrum seiner Kritik. Vettels Zorn traf jene Offiziellen, die seiner Meinung nach im Regulierungswahn dem Sport die Seele rauben. „Wir haben für wirklich alles Regeln. Das ist falsch, ich mag das nicht“, sagte Vettel: „Das entspricht nicht dem, was wir im Auto tun.“

„Gestohlenes Rennen“

Über ein „gestohlenes Rennen“ hatte der Ferrari-Star schon im Cockpit geflucht, nach der Zieleinfahrt zeigte er sich dann geradezu bockig: Er schwänzte das obligatorische Interview vor der Siegerehrung, er parkte sein Auto nicht im Parc fermé und tauschte dort sogar die Schilder für die Plätze „1“ und „2“ aus.

Zuvor hatten sich Vettel und Hamilton im Mercedes über 47 Runden ein spannendes Duell auf der Strecke geliefert. Vettel raste an der Spitze seinem ersten Saisonsieg entgegen, den heraneilenden Hamilton immer im Rückspiegel. Dann machte er einen Fehler. Er rutschte in Kurve drei über das Gras, und bei der Rückkehr auf die Strecke kollidierte er fast mit dem Briten, der mit einer starken Bremsung das wohl sichere Aus beider Piloten verhinderte. Die Rennjury sah eine Gefährdung des Gegners. Vettel argumentierte, er habe nur sein Auto abgefangen. „Das ist Racing“, sagte er – und befand sich mit seiner Meinung in guter Gesellschaft. Es gab aber auch Kritik. „Unter dem Strich steht eine simple Wahrheit“, schrieb die Daily Mail: „Vettel hat wieder mal einen Fehler gemacht. Ohne diesen hätte es niemals eine Diskussion über den Sieger gegeben.“

Ex-Weltmeister Nico Rosberg positionierte sich deutlich gegen seinen Landsmann. „Die Strafe ist in Ordnung und hundertprozentig verdient. Es gibt eine Regel, dass man nach einem Ausrutscher sicher auf die Strecke zurückkehren muss, und das hat Vettel nicht getan.“

Andere wie Jenson Button oder Damon Hill sprangen Vettel zur Seite. Der frühere Weltmeister Nigel Mansell schrieb bei Twitter von einer Peinlichkeit: „Es macht keine Freude. Zwei Champions zeigen ein brillantes Rennen, das in einem Fehlurteil endet.“

Für ein solches hält es auch Ferrari. Der Rennstall kündigte an, einen Protest zu planen. Zunächst aber steht für Vettel der nächste sportliche Rückschlag. 62 Punkte beträgt der Rückstand des WM-Dritten auf Hamilton, den Führenden der Fahrerwertung, der seinen fünften Saisonsieg kaum genießen konnte. „Das ist nicht die Art, auf die ich gewinnen wollte. Aber ich nehme den Sieg gerne an“, sagte Hamilton, der sich durch das Vettel-Manöver durchaus behindert sah.

Der Umgang der Rivalen miteinander blieb trotz allem fair. Als Hamilton den Buh-Rufen der Fans ausgesetzt war, griff Vettel auf dem Podium zum Mikrofon und stellte sich vor den Briten. „Lewis kann nichts dafür“, sagte Vettel. „Wir haben ein gutes Verhältnis, es ist von großem gegenseitigen Respekt geprägt.“ Hamilton nickte. Ihre Rivalität hatten sie auf der Strecke ausgelebt.

„Ich konnte doch nirgendwo hin! Das ist nicht fair. Sie stehlen uns das Rennen.“

Sebastian Vettel tauscht die Positionsschilder, erklärt sich zum Sieger.apa
Sebastian Vettel tauscht die Positionsschilder, erklärt sich zum Sieger.apa
Saure Miene am Podest: Sebastian Vettel und Sieger Lewis Hamilton.ap
Saure Miene am Podest: Sebastian Vettel und Sieger Lewis Hamilton.ap