Ein Penalty stellt nicht alles in Frage

Sport / 28.06.2019 • 20:42 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Torhütersituation in Österreich macht Eishockey-Teamchef Roger Bader Kopfzerbrechen. gepa
Die Torhütersituation in Österreich macht Eishockey-Teamchef Roger Bader Kopfzerbrechen. gepa

Eishockey-Teamchef Roger Bader über gesteigerte Erwartungen und ungehörte Warnungen.

Schwarzach Der Abstieg ist aufgearbeitet. „Das ist ein normaler Prozess“, sagt Österreichs Eishockey-Nationalteamchef Roger Bader über die WM-Analysen und die Rückkehr in die erste Division. „Das ist ein professioneller Prozess, der findet unabhängig davon statt, auf welchem WM-Niveau wir spielen.“ Es sei Teil des Jobs der Trainer, „wir schauen uns alle Spiele ein oder mehrmals an, manche Szenen 10 bis 15 Mal. Das hat aber mit dem Abstieg rein gar nichts zu tun.“

Die Erkenntnis einen Monat nach der WM? „Es ist das passiert, wovor ich die ganze Saison gewarnt habe“, sagt er in Romanshorn, während einer Pause beim Camp mit jungen Cracks aus Österreich und der Schweiz. „Dass wir nämlich nicht A-klassig sind, nicht wesentlich besser als im Vorjahr. Ich denke, die Erwartungen waren anders, im Umfeld und wahrscheinlich auch bei den Spielern. Nicht bei uns Coaches.“ Er habe immer darauf hingewiesen, dass man in sechs WM-Spielen Außenseiter sei, Nummer sieben wäre eine 50:50-Partie. „Diesen Satz habe ich zwölf Monate lang immer wieder gesagt.“

Vorbereitung war trügerisch

Die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft sei trügerisch gewesen. „Bis zu WM-Beginn haben wir vom österreichischen Nationalteam die beste Saison gesehen, seit ich das im Internet nachverfolgen kann.“ Ein Turniersieg im November, ein starkes Spiel gegen die Schweiz im Dezember, Siege gegen Norwegen und Frankreich im Februar, gute Leistungen im WM-Vorfeld gegen Kanada und Tschechien – und die Vorbereitungscamps waren identisch zum Vorjahr. „Wir haben alles so organisiert wie andere A-Nationen auch, wie Deutsche, Slowaken oder Letten.“

Bader würde alles wieder gleich machen. „Klar, hinterher ist man immer klüger. Aber grobe Schnitzer sind nicht passiert.“ Es hätte der eine oder andere Spieler enttäuschende Leistungen abgeliefert, „man hätte vielleicht andere Spieler mitnehmen können. Natürlich will man hören, dass der Wunderwuzzi einen Fehler gemacht hat.“

Wegen eines vergebenen Penaltys könne nicht alles in Frage gestellt werden, so Bader. „Wir hatten im Finish des Italien-Spiels durch Dominique Heinrich einen Schuss an die Querlatte. Wäre der drinnen gewesen, wären wir in der A-Gruppe.“

Fakt ist für Bader: „Gegen Norwegen und Italien sollten wir gewinnen können, ohne auch nur ein Prozent besser gespielt zu haben.“ Norwegen sei aber eine über 15 Jahre gestandene A-Nation, in der Weltrangliste die Nummer neun. „Die Hoffnung war da, dieses Spiel gewinnen zu können. Wir hatten mehr Schüsse, mit 18:10 vor allem mehr Torchancen. Die Niederlage war ein Dämpfer, weil wir die bessere Mannschaft waren.“ Das Abstiegsspiel gegen die Italiener hat Bader förmlich seziert, gleich zwei Mal. „Wir haben die ersten 40 Minuten nicht gut gespielt, die Italiener waren aber klar unterlegen.“ Das letzte Drittel und die Overtime seien „krass“ gewesen. „Wenn wir diese Partie fünf Mal spielen, gewinnen wir wahrscheinlich vier Mal.“

Bader gefällt die Abschätzigkeit nicht, wenn davon die Rede sei, gegen ein Alps-Hockey-League-Team verloren zu haben. „Damit will man vielleicht den Peinlichkeitsfaktor strapazieren. Wenn Pustertal neun gute Ausländer in seine Mannschaft nimmt sind sie in der Erste Bank Liga im Play-off dabei.“ Spieler wie Armin Helfer, Raphael Andergassen, Armin Hofer oder Markus Gander hätten alle gutes EBEL-Niveau, auch Angelo Miceli, Anthony Bardaro oder Marco Rosa.

Der Knackpunkt

Der Knackpunkt im Spiel war ein anderer: „Italiens Torhüter war überragend.“ Damit meint Bader Andreas Bernard, Einser-Torhüter des finnischen Erstligaklubs Ässät Porin. Ihm gegenüber stand mit David Kickert der zweite Goalie der Black Wings Linz. Bader betont: „Ich zeigte jetzt nicht mit den Finger auf unsere Torhüter. Sie können nichts dafür, dass sie in Ligaspielen kaum Einsatzzeiten bekommen. Aber man muss feststellen dürfen: Österreich war die einzige Mannschaft, die ohne einen Einser-Torhüter zur WM gefahren ist. Eine Fangquote von 83,9 Prozent ist nicht schlecht, das ist unterirdisch.“ Es sei nicht so, dass die ÖEHV-Goalies keine Qualität hätten. „In der Vorbereitung gab es durchaus gute Auftritte. Aber die WM ist dann halt doch ein anderes Paar Schuhe. Wie gesagt: die Torhüter selbst können nichts für diese Situation.“

Bader tröstet sein Team mit anderen Beispielen, die nach guten Vorstellungen am Ende ebenfalls unten durch mussten: „Tampa Bay hat in der NHL einen überragenden Grunddurchgang gespielt, geht dann in der ersten Play-off-Runde sang- und klanglos unter. Russland war bei der WM die überragende Mannschaft. Und dann verlieren sie gegen eine finnische Truppe ohne einen einzigen NHL-Spieler.“

„Wenn wir die Italien-Partie fünf Mal spielen, gewinnen wir wahrscheinlich vier Mal.“