Der Stoff der Träume

Sport / 04.07.2019 • 18:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
50 Jahre nach dem ersten Erfolg von Eddy Merckx wird der ehemalige belgische Radstar beim Start in Brüssel groß gefeiert werden.afp
50 Jahre nach dem ersten Erfolg von Eddy Merckx wird der ehemalige belgische Radstar beim Start in Brüssel groß gefeiert werden.afp

Tour de France feiert sich in der 106. Ausgabe selbst: 100 Jahre Gelbes Trikot.

Brüssel Es gibt Pokale, die größer sind als andere, Medaillen, die etwas goldener glänzen, doch nur wenige Trophäen, die eine ähnliche Anziehungskraft haben wie das Gelbe Trikot der Tour de France. Vor 100 Jahren entstand das berühmte Stück Stoff. Es wurde zum Markenzeichen einer ganzen Sportart. Die 106. Frankreich-Rundfahrt, die am Samstag in Brüssel startet, steht auch im Zeichnen des gelben Jubiläums.

Wichtigstes Radrennen der Welt

„Es ist das größte Symbol des Profiradsports. Es zu tragen, ist eine unglaubliche Ehre“, sagte Tony Martin. Der 34-Jährige weiß, wovon er spricht. Als bislang letzter von 14 deutschen Radprofis trug er das „Maillot jaune“ auf den Schultern. Bei der Tour 2015 führte er zwei Tage lang das Gesamtklassement beim wichtigsten Radrennen der Welt an. „Wenn man es trägt, sind die Augen des kompletten Radsports auf einen gerichtet“, sagte Martin.

Grün, Weiß, Gepunktet – im Lauf der Zeit haben sich bei der Frankreich-Rundfahrt weitere Trikots für die Führenden verschiedener Sonderwertungen etabliert. Keines ist begehrter als das Gelbe. „Davon träumt jeder Radprofi. Es ist das weltberühmteste Trikot“, sagt der deutsche Meister Maximilian Schachmann. Tour-Debütant Lennard Kämna spricht von einer „Riesenwirkung“, die das Jersey „gerade bei jungen Fahrern“ habe. Die Faszination für das Gelb ist nicht neu. Sie reicht über Generationen zurück in die Vergangenheit. „Alles hat sich verändert, mein Leben war auf den Kopf gestellt“, erinnerte sich Jacques Marinelli.

Schöne Erinnerungen

Vor 70 Jahren, am 3. Juli 1949, fuhr er ins begehrte Trikot und behielt es sechs Tage. Inzwischen ist Marinelli 93 Jahre alt und der älteste lebende Träger des berühmten Leibchens. „Das Gelbe Trikot erlaubte es uns, einen Hahn mit fließend Wasser bei uns zuhause einzubauen“, sagte der Franzose: „Bis dahin mussten wir 200 Meter gehen und mit Eimern Wasser holen. Im Winter haben wir das Eis aus den Wasserbecken geholt und auf dem Herd geschmolzen.“ Sein Landsmann Eugene Christophe war der Erste, der 1919 das Gelb überstreifte. Doch warum eigentlich diese Farbe? Es heißt, Tour-Gründer Henri Desgrange wollte mit einem Sondertrikot den Ersten der Gesamtwertung vom Rest der Fahrer abheben, damit die Zuschauer am Straßenrand diesen schneller ausmachen konnten.

Desgrange soll die Farbe gewählt haben, weil sie der seiner Zeitung L‘Auto, dem Vorgänger des Tour-Organs L‘Equipe, entsprach. Das Gelbe Trikot als kluger PR-Schachzug? Womöglich war der Trikotstoff auf die Schnelle auch nur in gelber Farbe verfügbar. Das Publikum reagierte zunächst gespalten, verspottete Premierenträger Christophe sogar. „Hey, du Kanarienvogel“, riefen sie an Frankreichs Straßen. 100 Jahre später steht der Träger des Gelben Trikots noch immer im Fokus. Und niemand spottet mehr.