Toni Innauer

Kommentar

Toni Innauer

An(n)a Bolika & Adi Positas

12.07.2019 • 18:13 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Nahezu die gesamten beschlagnahmten Dopingpräparate der Aktion „Viribus“ sind für Abnehmer außerhalb des Leistungssports bestimmt. Wie kann das sein?

Leichtere Bezugsmöglichkeit durch den globalisierten Warenverkehr und die sinkende Hemmschwelle einer wachsenden Anwendergruppe sind zwei Gründe. Die Badesaison bietet dem geschulten Auge freie Sicht auf all die neuen Tattoos und die größer werdende Kundenschicht von „Prof. Ana Bolika“ und „Dr. HGH Wachstumshormon“: Ein Muskel, der über viele Jahre durch Training und Arbeit gewachsen ist, unterscheidet sich in der Optik und vor allem durch die Qualität von aufgeblasenen „Schnellzüchtungen“.

Die menschliche Biomasse auf unserem Planeten nimmt durch die Anzahl und – in Wohlstandsgesellschaften – auch durch zweierlei „Mästungs-Arten“ zu: Fettleibigkeit und künstlich angeschobenes Muskelwachstum sind die Treiber.

Günther Paal alias Gunkel erklärt im neuen Kabarettprogramm, dass der Mensch genetisch auf den Zustand des leichten Hungers programmiert ist und so am besten funktionieren würde. Nur diejenigen, die damit zurechtkamen und ihren Nachkommen diese Fähigkeit weitervermittelten, sind übrig geblieben und haben uns dieses genetische Erbe weitergegeben. Der Sog einer saturierten Gesellschaft geht aber in eine völlig andere Richtung. Das Lachen kann einem dabei im Halse stecken bleiben. Als Haderling, dem sein Hochzeitsanzug heute noch passt, registriert man, dass die Industrie die eigene Kleidergröße zehn Jahre nach der Silberhochzeit vom seinerzeitigen Durchschnittswert M(edium) auf S(mall) neu genormt hat.

Gesselschaftlich akzeptiert

Während sich Ernährungsmultis auf die unwiderstehliche Anziehungskraft der Kombination aus Zucker und Fett verlassen können, um Abhängige mit riesenhaftem Appetit und doppelter Körperfülle zu züchten, läuft das Geschäft mit den Muskeldrogen über Männlichkeitswahn, Ungeduld und Bequemlichkeit.

Narzissmus ist gesellschaftlich akzeptiert und wird nicht länger als Persönlichkeitsstörung betrachtet. Mit „etwas Stoff“ ist der sichtbare Erfolg von Krafttraining durch Muskelwachstum schneller und mit weniger Anstrengung erzielbar. Dazu passt, dass man in einigen Ländern Dopingpräparate, z. B. Wachstumshormone, rezeptfrei in jedem Drugstore kaufen und weltweit verhökern kann. Leider kann das Ende vom Lied die Sucht sein und so bitter klingen wie eine nie erschienene Strophe des EAV-Hits „An der Copacabana“: „Ob im Edelzwirn oder Lodenstrumpf, es droht das Nebel-Hirn und der Hoden schrumpft . . . uga-aga-uga . . .!“

„Die menschliche Biomasse auf unserem Planeten nimmt durch zweierlei „Mästungs“-Arten zu.“

Toni Innauer

sport@vn.at

Anton „Toni“ Innauer ist Skisprung-Olympiasieger, war Skisprungtrainer und ÖSV-Sportdirektor. Heute als Buchautor und Vortragender tätig.