Ein Spektakel der Sonderklasse

Sport / 16.07.2019 • 18:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Tour de France verwandelt Frankreich in einen gigantischen Karneval.afp
Die Tour de France verwandelt Frankreich in einen gigantischen Karneval.afp

Die Tour de France ist mehr als ein Radrennen, wie sich vor Ort prächtig erleben lässt.

Brioude Brioude ist ein Städtchen mit knapp 7000 Einwohnern in der Region Auvergne-Rhône-Alpes, mitten im Zentralmassiv. Es ist eine typisch französische Stadt. Am Morgen zieht der wunderbare Duft von Baguettes und Croissants durch die engen Straßen, mittendrin steht eine fast 1000-jährige romanische Basilika, ein von riesigen Platanen gesäumter Boulevard zieht durchs Zentrum. Alles ist comme il faut, wie es sich gehört. Seit mich der schönste Zufall meines Lebens vor 35 Jahren ins Hotel de la Poste geführt hat, packe ich regelmäßig alles ein, was mir lieb ist, nicht zuletzt das Rennrad, und fahre nach Brioude, 750 km, neun Stunden Autofahrt.

Kein Weg zu weit

Heuer war eigentlich kein Besuch geplant. Aber dann lese ich: Am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, ist Brioude Etappenziel der neunten Tour-de-France-Etappe. Da gibt es kein Halten mehr! Zwei passionierte Rennradler sind mit dabei, am 10. Juli nachmittags kommen wir an. Der erste Weg führt auf die Côte de Saint-Just. Dort wird am Sonntag die Etappe entschieden: ein drei Kilometer langer Anstieg, 300 Höhenmeter, oben ein Plateau mit Weizenfeldern, Wiesen und sagenhaftem Rundblick. Am Zielstrich der Bergwertung (dritte Kategorie) stehen einsam zwei Wohnmobile: Das sind die ersten Schlachtenbummler, vier Tage vor dem großen Ereignis haben sie Stellung bezogen. Es werden noch mehr kommen!

Es geht los

In den kleinen Geschäften, Bistros und Cafés der Stadt, auf den malerischen Plätzen und besonders auf der langen breiten Zielgeraden ist die Tour überall präsent: Wimpel in den Farben der Tour-Trikots sind quer über die Straßen gespannt: gelb, grün, weiß, rot gepunktet; Plakate in allen Schaufenstern. Zudem nicht zu übersehende Halteverbotsschilder im ca. 70.000 Quadratmeter² großen Zielbereich: Ab Samstagmittag sind ganze Straßenzüge autofrei, am Sonntag um fünf Uhr morgens dann auch die Hauptstraße, ab Mittag zudem die Umfahrungsstraße! Das geht nicht ohne polizeiliche Abschleppaktionen. Es gibt kein Pardon. Die Tour hat absoluten Vorrang vor allem andern. Am Samstagmorgen radeln wir nochmals den Anstieg von Saint-Just hinauf, locker (34 x 25), mit hoher Trittfrequenz. Nun ist die Straße von allem Split befreit, Meter für Meter ist dicht und bunt mit Romain-Bardet-Aufschriften bemalt. Bardet stammt aus Brioude. Nicht nur die Parkplätze auf den Wiesen sind gerammelt voll, auch entlang der Straße steht an jedem halbwegs schattigen und möglichen oder auch unmöglichen Fleck ein Wohnmobil nach dem andern, dazu Souvenirläden und Imbissbuden. Es ist wie im Fernsehen: doch es lebt und ist echt und eigentlich völlig unglaublich.

Samstag, 13. Juli, nach dem Zweieinhalb-Stunden-Diner ein Digestif vor dem Hotel de la Poste in Brioude. Noch vor Mitternacht beginnt auf der leergeräumten großen Avenue Léon Blum, gleich nach dem Feuerwerk zu Ehren des Nationalfeiertags, ein Hupen und Donnern und eine Kolonne riesiger Trucks fährt vor: Die Vorhut der Tour ist da! Die Stadt steht kopf! Am Sonntag um sieben Uhr morgens ist an Ruhe nicht mehr zu denken: Es wird gehämmert und montiert, Musik aus zahllosen Lautsprechern, ein Remmidemmi sondergleichen: Die Stadt befindet sich im Ausnahmezustand. Nach dem Frühstück, gut acht Stunden vor der Ankunft der Fahrer, ein letzter Lokalaugenschein an der Strecke hinauf nach Saint-Just. Da sitzen die Menschen auf ihren Klappsesseln und Campingstühlen entlang der Strecke, als ginge es nur noch um Minuten, bis der Tross eintrifft! Und dann beginnt definitiv das, was viele aus dem Fernsehen kennen: der faszinierende Wahnsinn des drittgrößten Sport-Events der Welt.

Egan Bernal bleibt gelassen, signiert geduldig und wartet ab. Reuters
Egan Bernal bleibt gelassen, signiert geduldig und wartet ab. Reuters