„Würde alles noch einmal so machen“

Sport / 04.09.2019 • 23:04 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Ski-Superstar Marcel Hirscher beendet Karriere. Sein Physio Alexander Fröis zieht den Hut vor ihm.

Salzburg Die acht großen Kristallkugeln funkelten im Scheinwerferlicht, Marcel Hirscher saß lächelnd vor seiner Trophäensammlung und Österreichs Jahrhundertskifahrer wirkte aufgeräumt, als er das Ende seiner großen Karriere verkündete. „Es ist keine große Überraschung mehr, aber jetzt ist es raus“, sagte der 30-Jährige: „Ich bin sehr stolz auf das, was ich geschafft habe, ich würde alles noch einmal so machen.“

Nach Hirschers zwölf Jahren im Weltcup war zuletzt bereits über einen Rücktritt des Doppel-Olympiasiegers spekuliert worden, im Rahmen einer Pressekonferenz machte es der Superstar persönlich in Salzburg dann offiziell: In gut sieben Wochen wird der alpine Ski-Zirkus ohne sein Aushängeschild Fahrt aufnehmen. Dann ist Hischer nach seinem ebenfalls populären deutschen Kumpel Felix Neureuther und dem norwegischen Ausnahmefahrer Aksel Lund Svindal der dritte prägende Fahrer der vergangenen Jahre, der beim Saisonstart nicht mehr dabei sein wird.

Auf Hirscher warte nun eine sehr spannende Zeit, „ich wechsle ja nicht einfach den Job, ich ändere mein Leben beinahe über Nacht.“ Er freue sich nun auf „faszinierende Projekte, aber Genaues kann ich noch nicht sagen. Ich möchte vielen Menschen auf die eine oder andere Weise gerne etwas zurückgeben.“

Für seine Entscheidung gebe es „sehr viele“ Gründe, so habe die körperliche Belastbarkeit über die Jahre nachgelassen. „Ich habe gemerkt, dass der Sommer mir zu kurz wurde, um mich wieder in die Verfassung für die neue Saison zu bringen. Es ist wie bei einem alten Handy, bei dem sich der Akku nicht mehr so schnell auflädt.“

Weltweite Gratulationen

Im Sommer nach seinen Olympiasiegen von Pyeongchang hatte der Salzburger seine langjährige Freundin Laura geheiratet, im Oktober 2018 kam dann der erste Sohn des Paares zur Welt. Schon damals deutete Hirscher an, dass seine Perspektiven sich verschoben haben, weg vom Skisport. „Ich will in Zukunft mit meinem Sohn Fußball spielen, in die Berge gehen, ohne Verletzungen auskurieren zu müssen“, sagte Hirscher nun.

Österreich verliert damit seinen größten Sportstar der Gegenwart. Und das ließ auch das Staatsoberhaupt nicht kalt. „Mehr als Sie erreicht haben, kann man nicht erreichen. Sie werden immer als Jahrhundert-Skisportler in Erinnerung bleiben“, teilte Bundespräsident Alexander Van der Bellen in einer Videobotschaft mit.

Auch Österreichs Fußball-Nationalmannschaft sandte Grüße, in Person von Bayern Münchens David Alaba. „Danke für die Erfolge, die du für dieses Land eingefahren hast. Wir alle sind stolz auf dich“, sagte er: „Wenn dir langweilig wird, dann komm bei uns vorbei, dann kicken wir ein bisschen.“

Ein langjähriger Weggefährte

Einer, der über all die Jahre ganz nah am Skistar dran war, ist der Vorarlberger Alexander Fröis. Der Klostertaler hat den jungen Hirscher noch als Physiotherapeut des ÖSV-Nationalteams kennengelernt. „Danach ging alles sehr schnell“, sagt der heute 38-Jährige, der in Bludenz eine Physiotherapie betreibt. Fröis wurde Teil des Hirscher-Betreuerstabs und kümmerte sich fortan um die körperliche Balance des Rennläufers. „Wir haben in all den Jahren nicht nur einmal das Zimmer geteilt“, erzählt er. 13 Jahre betreute er nun Hirscher, jetzt ist Schluss: „Komisch, aber heute habe ich mir zum ersten Mal gedacht: Sch . . .“

Vor gut zwei Wochen, so erinnert sich Fröis im Gespräch mit den VN, habe er so richtig erfahren, dass es Hirscher „dieses Mal ernst“ ist. „Wir haben über all die Jahre wöchentlich mehrmals telefoniert, aber die letzten zwei Gespräche dauerten mehr als 50 Minuten“, sagt er. Kein Wunder, war das Vertrauensverhältnis beider groß. Deshalb habe er Hirscher in dessen Entscheidung auch unterstützt. „Er ist 30 Jahre alt, er ist finanziell abgesichert und gesund. Mit Geld allein lässt sich das nicht aufwiegen.“ Dass sich Hirschers Leben in nächster Zeit um 180 Grad auf den Kopf stellen werde, dessen ist er sich sicher. Geblieben sind viele schöne Momente, vor allem aber jener in Schladming, als Hirscher nach dem ersten Durchgang vor Neureuther im Führung lag. „Es war laut, als Neureuther im zweiten durchs Ziel fuhr. Marcel hat mich gefragt: Und, ist er vorne. Ich habe nur geantwortet: Ja, jetzt geh raus und hol dir das Ding!“ Hirscher, so Fröis weiter, sei nicht allein in einem Satz zu beschreiben, denn: „Ich habe ihn immer für seine Disziplin bewundert, die er an den Tag legt, für sein akribisches Arbeiten. Er war abends nur zufrieden, wenn er zu 100 Prozent diszipliniert war.“ Eine Ausnahme könnte die Nacht nach dem Rücktritt sein. Da lud Hirscher sein Team zu einer Abschiedsparty. Hirscher, Fröis und Co. feierten im Winterstellgut von RB-Chef Dietrich Mateschitz über Annaberg. cha

Alexander Fröis (r.) mit Marcel Hirscher 2016 in Stockholm.gepa
Alexander Fröis (r.) mit Marcel Hirscher 2016 in Stockholm.gepa

Zur Person

Marcel Hirscher

Weltsportler des Jahres 2018 und Weltskifahrer 2012, 2015, 2016 und 2018 und Europas Sportler des Jahres 2017

Geboren 2. März 1989 in Hallein

Wohnort Annaberg/Salzburg

Familienstand verheiratet mit Laura, ein Sohn (geb. 2018)

Verein SC Annaberg

Hobbys Motocross, Kajak, Musik