Roter Zoff am schwarzen Meer

Sport / 29.09.2019 • 19:32 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Für Mercedes-Pilot Lewis Hamilton war es der erste Sieg seit der Sommerpause.Reuters
Für Mercedes-Pilot Lewis Hamilton war es der erste Sieg seit der Sommerpause.Reuters

Lewis Hamilton landet bei Mercedes-Doppelsieg in Russland an der Spitze.

Sotschi Trotz der Teamorder-Farce von Sotschi und dem brutalen Aus wegen eines Defekts an seinem Ferrari ließ sich Sebastian Vettel zu keiner unbedachten Äußerung hinreißen. Tief atmete der viermalige Formel-1-Weltmeister durch, dann stellte er klar: „Ich habe meinen Teil der Absprachen eigentlich eingehalten.“ Den Rest wollte der viermalige Formel-1-Weltmeister beim roten Zoff am Schwarzen Meer am Sonntag intern und auch mit Teamkollege Charles Leclerc klären. Der Monegasse hatte sich nach Vettels grandiosem Start beklagt und seine Führungsposition zurückverlangt. Sein deutscher Rivale aber hatte sich eine Woche nach seinem ersten Saisonsieg in Singapur geweigert.

Profiteur an einem desaströsen Tag für die Scuderia war in Russland wieder einmal Lewis Hamilton. Der Titelverteidiger fuhr im Mercedes seinen ersten Erfolg nach der Sommerpause ein und ist seinem sechsten WM-Triumph wieder ein gutes Stück näher. Mit dem zweiten Platz sorgte Valtteri Bottas für die optimale Ausbeute für den deutschen Werksrennstall, Leclerc wurde im zweiten Ferrari von der Pole Position nur Dritter. „Wir hatten die Chance, dass es besser wird“, sagte Leclerc und ergänzte zum Verhältnis mit Vettel: „Das Vertrauen zwischen uns ist weiter da, das brauchen wir auch.“

Ferrari startete gut

Zu Beginn sah es zunächst nach dem zweiten Vettel-Sieg nacheinander aus. Noch unter dem Eindruck des viel diskutierten „Undercuts“ von Singapur war der dort siegreiche Deutsche zunächst am Start von der zweiten Reihe aus in Führung gegangen. Leclerc hatte nach der Streiterei vor einer Woche ganz offensichtlich den Auftrag gehabt, mit Vettel im Windschatten auf der langen Startgeraden an Hamilton vorbei zu ziehen. Der junge Monegasse leistete aber auch keinen Widerstand, als Vettel auch noch an ihm selbst vorbeifuhr und praktisch kampflos in Führung ging. Prompt entwickelte sich eine Funk-Farce. Zunächst wurde Vettel angewiesen, Leclerc wieder überholen zu lassen. „Ich habe das zu dem Zeitpunkt nicht verstanden“, sagte Vettel. Leclerc klärte auf: „Die Taktik war, ihm Windschatten zu geben.“ Doch dann wollte der Deutsche die Positionen nicht mehr tauschen. Die Risse im Team wurden mehr als deutlich.

„Wenn man sich die Videos anschaut, wird sich das alles klären können“, sagte Teamchef Mattia Binotto und war um Deeskalation bemüht. Doch noch im Auto beschwerte sich Leclerc bei seinen Chefs. Eine Woche nachdem ein Boxenstopp Vettel im Teamduell in Singapur begünstigt und ihm den Weg zum ersten Triumph nach über einem Jahr geebnet hatte, fühlte sich Leclerc abermals benachteiligt. Und er teilte das auch mit. Im Ziel kündigte der Wunderknabe dann in Richtung Vettel an: „Wir werden jetzt miteinander sprechen.“

Vorzeitiges Ende

Gerade als Ferrari Leclerc via Boxenstopp wieder zurück in Führung gebracht hatte, blieb ausgerechnet Vettel mit einem Hybridschaden an einer Stelle stehen, die ein virtuelles Safety Car auslöste. Das gab dem schon acht Sekunden zurückliegenden Hamilton die unerwartete Möglichkeit, in dieser neutralisierten Phase an Leclerc vorbei in Front zu gehen. Ferrari versuchte zu retten, was noch zu retten war. Leclerc kam nochmals an die Box, um die harten gegen die schnelleren weichen Reifen zu tauschen. Offenbar um eine Runde zu spät, denn Leclerc verlor dadurch auch Platz zwei an Bottas. Bei Mercedes freute man sich über einen nicht erwarteten vierten Doppelsieg in Sotschi und Hamilton jubelte über seinen 82. GP-Sieg, den ersten seit der Sommerpause.

„Die Taktik war, ihm Windschatten zu geben. Wir werden jetzt miteinander sprechen.“

Sebastian Vettel (v.) übernahm beim Start die umstrittene Führung.APA
Sebastian Vettel (v.) übernahm beim Start die umstrittene Führung.APA