„Feldkirch war für mich eine komplette Reise“

Sport / 30.10.2019 • 21:45 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Ralph Krueger startete mit den Buffalo Sabres erfolgreich in die neue NHL-Saison, ist nach 13 Spielen Dritter in der Eastern Conference.ap
Ralph Krueger startete mit den Buffalo Sabres erfolgreich in die neue NHL-Saison, ist nach 13 Spielen Dritter in der Eastern Conference.ap

Ex-VEU-Trainer Ralph Krueger erlebt als Headcoach in Buffalo eine fulminante Rückkehr in die NHL.

Buffalo Eishockey – Wirtschaftsforen – Fußball – Eishockey. Eine ungewöhnliche Karriere, die wohl wenige andere so schaffen wie Ralph Krueger, 60-jähriger Trainer, Motivator, Vordenker – und das nicht nur im Sport. Wir trafen den Deutsch-Kanadier, der nun auch den Schweizer Pass besitzt, an seiner neuen Wirkungsstätte im Key Bank Center in Upstate New York. Er betont immer wieder: Seine Jahre in Vorarlberg sind „unauslöschlich“.

Wie kommt ein Erfolgstrainer im Eishockey zum Präsidentenamt im britischen Fußball – und retour auf einen Headcoach-Posten der NHL?

Krueger Ich war ab 2010 in diversen Wirtschaftsforen sehr aktiv. Während meiner Olympiareise mit Team Canada 2014 wurde ich zu einem internationalen Kongress für Führungspersönlichkeiten eingeladen. Das inspirierte mich zu einer ganz anderen Rolle. Da kam ich in Kontakt mit Katharina Liebherr, der Besitzerin des FC Southampton (aus der Unternehmerfamilie Liebherr, Cousine der Weltklasse-Springreiterin Christina Liebherr, wohnhaft am Schweizer Bodenseeufer, Anm.). Sie ersuchte mich um Unterstützung. Das war zuerst einmal nur schnuppern, nach einigen Wochen entschieden wir: Okay, ich mache für ein Jahr den Präsidenten. Nun (schmunzelt), aus einem Jahr wurden fast sechs . . . Hauptziel war der Verkauf des Clubs, das erreichten wir (2018 wurden 80 Prozent an den chinesischen Investor Gao Jisheng abgegeben, Anm.). Ich blieb noch zwei Jahre für den Übergang. Aber ich wusste, es würde ein neues Leben geben. Ich hätte auch in der Premier League blieben können, es gab Angebote.

Und wie führte der Weg zurück in die NHL?

Krueger Die Kontakte rissen ja nie ab. Es gab Angebote, Clubpräsident zu werden, aber ich dachte mir: In welcher Position kann ich mein Wissen am besten einsetzen? Für mich war das wieder der Trainerjob. Der Kontakt zu den Sabres reicht sehr lange zurück, in die Zeit, als ich Konsulent der Carolina Hurricanes war, 2005 bis 2010. Der Generalmanager da, Jimmy Rutherford, wechselte später nach Pittsburgh und bot mir schon 2014 den Headcoach an, als ich gerade den Job in Southampton annahm. Wir verloren den Kontakt nie. 2017 gab es das erste Gespräch mit Buffalos GM Jason Botterill, da passte es noch nicht, heuer war die Zeit aber reif – und so bin ich hier.

Als Headcoach von Team Europe im Weltcup 2016 frischten Sie wohl auch Kontakte auf?

Krueger Na klar. Das war ein spezielles Projekt, erstmals eine Mannschaft aus Stars aus acht Ländern aufzubauen. Ein Jahr dauerte die Vorbereitung mit Franz Reindl und Miroslav Satan – für vier Wochen Spielzeit! Das Projekt hatte sehr viel Risiko, es war völlig neu. Es lief aber sehr gut. Ohne die Erfahrung dieses Weltcups – in dem Ja Thomas Vanek in unserer Mannschaft stand – wäre ich nicht hier in Buffalo.

Die Buffalo Sabres sind die Überraschung der ersten Saisonwochen. Haben Sie so etwas erwartet oder gar geplant?

Krueger Es ist weder eine Überraschung noch haben wir diesen Start erwartet. Ich sagte kürzlich: Wir laufen einen Marathon, haben aber erst fünf Kilometer hinter uns. Wir lassen uns nicht ablenken, was immer passiert. Wir würden gleich weiterarbeiten, wäre der Start ganz anders verlaufen.

Wie sieht der Weg aus?

Krueger Jeden Tag besser werden. Immer wieder. Der bisherige Erfolg brachte uns überhaupt nicht vom Weg ab. Ich denke oft an meine Zeit in Feldkirch, das war meine längste Clubtrainerzeit. Nach zwei Titeln dachte ich, was machst du jetzt? Aber es lief wie bei einer Maschine, in drei Bewerben – heimische Liga, Alpenliga, Euroliga. Das prägte mich. So ist es auch hier in Buffalo – wir arbeiten konsequent weiter.

Welche Neuerungen brachten Sie ins Team? Das System, Motivation, Selbstvertrauen?

Krueger Vor allem Motivation, und die basiert auf offener und ehrlicher Kommunikation. Ich legte Wert auf Transparenzkultur, was in der NHL nicht so üblich ist. Wir sind zwischen Trainern und Spielern sehr offen in der Diskussion. Die Kaderveränderungen im Sommer waren alle im Team abgestimmt, ich nahm Einfluss, aber die Entscheidung war eine gemeinsame der Führung.

Und im System?

Krueger Ich vertrete den Weg, dass jeder Spieler Verantwortung hat. Da bin ich sehr streng, auch mit meinen besten Offensivspielern, wenn es um Defensivarbeit geht.

Das erinnert mich an die Philosophie von Pierre Pagé in Salzburg, der immer betonte, „Five players, no position“. Sehen Sie das auch so?

Krueger Ja, grundsätzlich spielen wir so. Im modernen Eishockey verschwimmen die Aufgaben. Alle müssen verteidigen. Ich bin über die Einstellung meiner Spieler sehr glücklich.

Sie stellten „play connected“ kürzlich als ihre Philosophie vor . . .

Krueger Ja, es geht um das Verbundensein der gesamten Mannschaft. Auf dem Eis, abseits davon. Wir müssen eine Einheit sein. Wer unter sich die Verbindung verliert, wird auch das Ziel verlieren.

Welche Erinnerungen haben Sie an Feldkirch?

Krueger Diese Erinnerungen sind unauslöschlich. Das bleibt immer eine spezielle Geschichte. Das haben nur wenige Clubs in Europa erlebt. Für mich war es meine Ausbildungszeit. Die Reise war einfach komplett – daher reizte es mich nachher nie wieder, Clubtrainer in Europa zu sein. Ich hatte Headcoach-Angebote aus der Schweiz, Russland, Schweden – die waren alle ohne Reiz. Das Kapitel Feldkirch ist für mich ein heiliges. Clubtrainer in Europa war danach keine Herausforderung oder Entwicklungsmöglichkeit. Und nach den langen Jahren als Schweizer Nationalcoach gab es nur noch die Variante NHL. In Feldkirch wurde etwas möglich, weil wir an Prinzipien glaubten, und die Prinzipien werden auch hier in Buffalo gelebt.

Gibt es noch Kontakte zu den Feldkircher Legenden?

Krueger Ja, man sieht doch einige immer wieder, ich habe Kontakt mit früheren Mitarbeitern der VEU, mit Per Lundell, der jetzt Spielervermittler ist, usw.

Vielleicht macht beim nächsten NHL-Draft mit Marco Rossi ein Feldkircher Schlagzeilen?

Krueger Wow! Ich erinnere mich an seinen Vater Michael, der hatte auch viel Talent.

Bleibt Zeit, sich über die Ereignisse im deutschen, Schweizer und österreichischen Hockey zu informieren?

Krueger Ja, vor allem durch Justin. Und ich habe Kontakt mit Reinhard Divis (Ex-VEU-Meistergoalie, Tormanntrainer Nationalteam, Anm.).

Was denken Sie über die beiden NHL-Österreicher Grabner und Raffl?

Krueger Beide nahmen eine sehr, sehr positive Entwicklung. Grabner war auf der Liste für den Weltcup der erste Ersatzmann, aber niemand verletzte sich. Er war wirklich knapp dran und hat alle Hoffnungen bestätigt. Auch Raffl hat eine tolle Karriere gemacht, die auf seinem Charakter basiert. Ich habe beide ja lange beobachtet. Und Vanek war natürlich ein Topspieler.

Wie fühlen Sie sich in der „Provinz“ in Buffalo? Da gibt es ja vor allem die Sabres und die NFL-Footballer der Bills, aber kaum Ablenkungen wie in Metropolen?

Krueger Oh nein, hier gibt es mehr Ablenkung, als man denkt! Für mich ist Buffalo die europäischste Stadt, die ich in Nordamerika sah. Es ist viel Europa hier in Kultur, Gastronomie. Der Vorteil war, dass es hier in den 1970er- und 1980er-Jahren kein Geld für Wahnsinns-projekte gab. Hier wurden alte Gebäude geschützt. Wir wohnen etwas außerhalb im Grünen, da hast du Natur pur, kleine Lokale, Fußgängerzonen, Erholung am Fluss. Und Buffalo hat keinen Autostau. Die Lebensqualität ist für meine Frau und mich eine der größten Überraschungen. Die Europäer sind hier sehr präsent. Ich wollte in keine Großstadt wie New York oder Los Angeles.

Wenn Sie abends in ein Restaurant gehen, werden Sie erkannt?

Krueger Ja, die Leute hier sind wirklich sehr freundlich, ich meine echt freundlich.

Was ist Ihr Saisonziel mit den Sabres, die jahrelang auf eine Play-off-Teilnahme warten?

Krueger Das Ziel ist, im Rennen zu sein. Auch noch im Jänner, Februar. Zu den 20 zu gehören, die die Play-offs schaffen können. Ob es dann reicht, darüber reden wir nicht. Jetzt wollen wir einmal im Rennen bleiben.

Buffalo begann auch vor einem Jahr stark und fiel dann aussichtslos zurück. Ist dieser Absturz noch in den Köpfen der Spieler drin?

Krueger Ganz sicher. Aber ich meine das positiv. Es gab so viel Schmerzen in der vergangenen Saison, dass diese helfen, heuer neue Energie zu schöpfen.

Wer ist Favorit für den Stanley Cup?

Krueger Im Moment ist Boston klar die stärkste Mannschaft der Liga, die Bruins spielen wie Tampa Bay letztes Jahr. Aber es gibt 15 Teams, die den Cup holen können. Die Ausgeglichenheit ist gewaltig. Du musst vor jedem Respekt haben.

Ralph Krueger beim Interview in Buffalo mit VN-Mitarbeiter Gerhard Kuntschik.gk
Ralph Krueger beim Interview in Buffalo mit VN-Mitarbeiter Gerhard Kuntschik.gk

Zur Person

Ralph Krueger

Der ehemalige Feldkirch-Trainer coacht die Buffalo Sabres in der NHL. Seine Eltern sind von Deutschland nach Kanada ausgewandert, drei Pässe (Kanada, Deutschland, Schweiz)

Geboren 31. August 1959 in Winnipeg, Manitoba

Ausbildung Hotelmanager

Laufbahn Eishockeyprofi (rechter Flügel) in der deutschen Bundesliga (350 Spiele) und Nationalmannschaft 1979-89

Trainer: Duisburg 1989-90 (Spielertrainer), VEU Feldkirch 1991-98 (fünf Mal ÖEHV-Meister, Euroliga-Sieger 1998), Schweizer Nationaltrainer 1998-2010 (WM-Vierter 1998), Assistenztrainer Edmonton Oilers (2010-12) und Cheftrainer (2012/13), Konsulent Team Canada (2013/14), Cheftrainer Team Europe beim World Cup 2016 (2.), seit 15. Mai 2019 Headcoach Buffalo Sabres (Dreijahresvertrag). Von 2014 bis 2019 Chairman FC Southampton (Premier League).

Familie verheiratet mit Glenda, Sohn Justin spielt beim SC Bern, Tochter Geena ist in der Organisation der Eishockey-WM in der Schweiz.