„Ein Stück weit zu brav, zu lieb“

Sport / 07.11.2019 • 23:05 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
SCRA-Sportdirektor Christian Möckel (links) im Gespräch mit VN-Sportchef Christian Adam.Steurer
SCRA-Sportdirektor Christian Möckel (links) im Gespräch mit VN-Sportchef Christian Adam.Steurer

Altachs neuer Sportchef Christian Möckel überzeugt mit klaren Ansagen und Vorstellungen.

Altach Die Atmosphäre im Arbeitszimmer („Das wird“, schmunzelt) des SCRA-Trainingscampus wirkt noch ein wenig steril, doch vereinsintern sind die Handlungen von Christian Möckel schon spürbar. Ob in Gesprächen mit Spielern, im täglichen Austausch mit dem Trainerteam oder beim Meeting mit dem Aufsichtsrat und dem Präsidium. Die klaren Ansagen des neuen Altacher Sportchefs sind gehört worden und gut angekommen. Weil nachvollziehbar und der Realität entsprechend. Seine Ziele hat er dementsprechend artikuliert und deponiert: Noch professionellere Strukturen, ohne ins Zwischenmenschlich-familiäre im Verein einzugreifen. Als Neuer im Ländle hat er sich schon mit den Sportchefs von Austria Lustenau und der Akademie Vorarlberg ausgetauscht. Dornbirns Peter Handle trifft er am Samstag. Vor dem Rapid-Heimspiel (17 Uhr, Samstag) zog er im Gespräch mit den VN eine erste Bilanz als neuer Sportvorstand.

Vor 23 Tagen haben Sie ihr Amt in einer sportlich schwierigen Phase angefangen. Wie würde ein erstes kurzes Fazit ausschauen?

Möckel Sportlich? Es ist schwer, den aktuellen Kader bei Ausfällen von Netzer, Meilinger und Diakité auf so einen Level zu heben, dass er erfolgreich spielen kann. Es gibt aber noch andere kleine Baustellen, nichtsdestotrotz macht es riesig Spaß.

Ihr Eindruck von der Mannschaft?

Möckel Ein Stück weit zu lieb, zu brav, zu freundschaftlich. Natürlich muss man als Mannschaft funktionieren, früher hieß es immer elf Freunde müsst ihr sein, aber das müssen sie nicht. Fußball ist ein Job, im Profifußball gibt es Konkurrenten. Leider ist diese Konkurrenz im Kader nicht so vorhanden, wie es sein sollte. Gewisse Spieler wissen, dass sie spielen, wenn sie fit sind. Das ist einerseits gut, weil es Selbstvertrauen gibt, andererseits kann es sein, dass man die Leistungsbereitschaft in der einen oder anderen Situation vermissen lässt. Es fehlen zudem die Alternativen bei verletzungsbedingten Ausfällen. Auffallend ist auch, dass die Art des Fußballspielens hier sehr viel mit Fußball zu tun hat. Heißt, die Mannschaft will vor allem schönen Fußball bieten. Besser geworden ist sicherlich die Einsatzbereitschaft, eine gewisse Härte und Kompaktheit. Die Spieler haben gemerkt, dass es anders nicht mehr geht, dass sie sich zusammenraufen müssen. Darüber bin ich sehr froh. Wenn auch noch Potenzial innerhalb der Mannschaft steckt. Zum einen, dass sie sich selbst verbessert, zum anderen durch das Zuführen externer Qualität.

Mit welcher Zielvorstellung haben Sie Ihren Job angetreten?

Möckel Persönlich war mir wichtig, in einem Verein arbeiten zu können, wo ich ohne Leitplanken etwas entwickeln kann. Das ist in Deutschland aufgrund gewisser Zwänge kaum möglich. In Altach gibt es sicherlich den finanziellen Zwang, aber das ist auch eine Chance für ein kreatives Arbeiten. Du musst andere Wege finden. Wie etwa bei Sidney Sam, dessen Verpflichtung normal nicht möglich ist. Diese Freiheit, Entscheidungen treffen zu können – natürlich in Absprache, eine Richtung vorzugeben und Sachen, die schon auf den Weg gebracht wurden, weiterzuentwickeln, das ist mir wichtig. Ein großes Thema im Verein ist die Professionalisierung.

Wie ist diese Professionalisierung zu verstehen?

Möckel Es gibt in Altach noch keine inhaltliche Durchgängigkeit, was Fußballphilosophie und Trainingspläne betrifft. Ich denke, das ist eine Stärke von mir. Mit der Arbeits- und Denkweise der Fußballakademie in Bregenz habe ich mich bereits auseinandergesetzt.

Diese mehr an unsere anzugleichen, wäre so ein Ziel. Mir unverständlich ist auch noch, dass die Juniors nach dem letzten Match am Samstag zwei Monate kein Fußballtraining mehr haben. Lauftraining o. k., Krafteinheiten ja, aber zwei Monate ohne Fußballtraining! Das behindert eine durchgängige Kaderplanung, die idealerweise ja in Anlehnung mit dem Profikader gemacht wird. Damit wir die Entwicklung der Spieler im Auge behalten können.

Was ist Ihre erste Reaktion darauf?

Möckel Es muss eine Budgetumverteilung her oder eine Erhöhung. Entweder wir entscheiden uns für den Weg, alles durchgängig professionell zu machen oder wir wursteln so weiter und leben von der Hand in den Mund, machen ein, zwei Transfers und freuen uns, wenn wir Neunte werden. Es wird sich also etwas ändern müssen, weil das nicht nur mein Anspruch ist, sondern auch der vom gesamten Trainerteam sowie vom Präsidium. Gemeinsam wollen wir das bisher Geschaffene verbessern, professionalisieren und auf den nächsten Level heben. Das kann man aber nicht nur herzaubern, das kostet Geld. Auch wenn ich hier nicht von Unsummen rede. Aber ich habe noch nie erlebt, dass der Trainer und sein Co. bei der zweiten Mannschaft nicht hauptberuflich angestellt sind oder dass bei der Auswärtsfahrt der Mannschaft kein Arzt oder Athletiktrainer dabei sind. Das sind die sechs, sieben Prozentpunkte, die dir irgendwann einfach fehlen. Deswegen habe ich gesagt: Entweder wir gehen die Sache professionell und richtig an, oder wir lassen es sein.

Sind aktuell Kaderveränderungen geplant?

Möckel Damit beschäftigt man sich ja nicht nur während einer Transferphase, sondern das ganze Jahr über. Es steckt ja, in Absprache mit dem Trainerteam, ein Plan dahinter, wie man sich in Zukunft aufstellen will. Je schneller man ein Ziel erreicht, umso besser.

Konkret?

Möckel Auflösung, Ausleihe, verlängern, all das sind Hebel, wo man im Fußball ansetzen kann. Auch kann man Spieler besser machen, indem man ihre Stärken fördert, sie auch dementsprechend fordert. Matthias Puschl fällt mir da ein, aber es gibt ein paar Spieler, die ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft haben. Es bringt nichts, gegen die Schwächen zu arbeiten. Irgendwann kann dann ein Spieler gar nichts mehr.

Wo besteht akut Handlungsbedarf?

Möckel Wir werden auf jeden Fall in der Innenverteidigung was machen, in welcher Form, das wird sich zeigen. Auch Diakité gilt es zu ersetzen, zudem wissen wir nie, was mit Berisha passiert (Anm. d. Red.: Leihgabe von RB Salzburg). So gesehen besteht auf jeder Position Handlungsbedarf. Aber klar, wir sind nicht in der Lage zu sagen: Wir wollen den Spieler und der kommt dann auch. Es gibt aber immer einen finanziellen Rahmen, in dem wir uns bewegen.

Was kann oder muss das Ziel von Altach sein?

Möckel Es gibt in Österreich die fünf Großen: Salzburg, die beiden Wiener Vereine, Graz, der LASK, vielleicht auch noch Wolfsberg. Das Altacher Ziel muss es sein, auf Sicht in die Top Sechs der Liga zu kommen. Aber das geht natürlich nicht sofort. Somit gilt für uns: „The best of the rest“– nämlich von den Klubs mit ähnlichen Budgets. Da wollen wir mit guter Arbeit im Trainerteam und guten Transfers herausstechen.

SCRA-Sportdirektor Christian Möckel (links) im Gespräch mit VN-Sportchef Christian Adam.Steurer
SCRA-Sportdirektor Christian Möckel (links) im Gespräch mit VN-Sportchef Christian Adam.Steurer

Zur Person

Christian Möckel

Durfte 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, als 15-Jähriger aus der DDR ausreisen

Geboren 6. April 1973 in Karl-Marx-Stadt

Ausbildung Sportmanagement-Studium abgeschlossen

Laufbahn als Spieler Karl-Marx-Stadt, Helmbrechts, Bayern Hof, 1. FC Nürnberg, Greuther Fürth, Hoffenheim, VfB Lübeck

Beruflicher Werdegang 2006 – 2010 Scouting/Sportmanagement TSG 1899 Hoffenheim; 2010 – 2015 Chefscout/Sportmanagement 1. FC Nürnberg; 2015 – 2018 Sportlicher Leiter Hannover 96; seit 17. Oktober 2019 Sportdirektor Cashpoint SCR Altach

Familie verheiratet, zwei Töchter