Ein verpatzter Start und ein souveräner Zieleinlauf

Sport / 17.11.2019 • 20:15 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Trainer, Spieler, Betreuer und Funktionäre des österreichischen Nationalteams posierten nach dem 2:1-Heimsieg über Nordmazedonien gemeinsam mit den großartigen Fans im Ernst-Happel-Stadion für die Fotografen und feierten das Ticket für die EURO 2020.apa
Trainer, Spieler, Betreuer und Funktionäre des österreichischen Nationalteams posierten nach dem 2:1-Heimsieg über Nordmazedonien gemeinsam mit den großartigen Fans im Ernst-Happel-Stadion für die Fotografen und feierten das Ticket für die EURO 2020.apa

Österreichs Nationalmannschaft hat sich für die EM 2020 qualifiziert – und das auf eine letztlich souveräne Weise, wie sie noch vor wenigen Monaten nicht absehbar war.

Wien Die ÖFB-Auswahl startete mit zwei Niederlagen in die Qualifikation, trotzdem buchte sie dank des 2:1-Erfolgs am Samstag in Wien gegen Nordmazedonien schon eine Runde vor Schluss das EURO-Ticket. Sollte nun das bedeutungslose Auswärtsmatch am Dienstag in Lettland ebenfalls gewonnen werden, hätte Franco Fodas Team 2019 so wie im Vorjahr sieben volle Erfolge eingefahren. Mehr Siege innerhalb eines Kalenderjahres gab es zuletzt 1982. Foda hält derzeit bei einem für österreichische Nationaltrainer bisher unerreichten Punkteschnitt von 2,1 pro Spiel, am nächsten kommt ihm diesbezüglich noch Karl Stotz (1,88).

Dennoch wackelte vor nicht allzu langer Zeit der Job des Deutschen. Das Heim-0:1 gegen Polen und vor allem das 2:4 in Israel im März zum Auftakt der Qualifikation setzten Foda unter Druck. Im Juni aber schwenkte das ÖFB-Team durch Siege über Slowenien und Nordmazedonien wieder auf EM-Kurs ein und ließ sich davon im Herbst nicht mehr abbringen.

Wendepunkt im Juni

Die Juni-Partien markierten nicht nur aufgrund der sechs Punkte einen Wendepunkt. Sie brachten auch das Debüt von Konrad Laimer und den Aufstieg von Marcel Sabitzer zum absoluten Leistungsträger. Mit der Bedeutung der beiden Leipzig-Legionäre wuchs im ÖFB-Team der Einfluss des von Pressing und geradlinigem Spiel nach vorne gekennzeichneten Red-Bull-Fußballs. Diesen Stil haben auch weitere aus der Nationalmannschaft nicht wegzudenkende Akteure wie Valentino Lazaro, Stefan Lainer, Martin Hinteregger oder Andreas Ulmer verinnerlicht.

Fodas Herausforderung im kommenden Jahr wird es nun sein, die Spielweise der „Bullen“ mit jener von arrivierten ÖFB-Internationalen wie Marko Arnautovic, David Alaba, Aleksandar Dragovic oder Julian Baumgartlinger noch besser in Einklang zu bringen. Außerdem warten noch weitere Aufgaben auf den Coach: So ist etwa die Suche nach einem unumstrittenen, Sicherheit ausstrahlenden Einsergoalie nicht abgeschlossen, auch ein halbwegs gleichwertiger Back-up für Arnautovic als Solospitze fehlt.

Baustellen aus dem Weg geräumt

Zumindest eine Baustelle hat Foda in seiner zweijährigen Amtszeit aus dem Weg geräumt. Alaba kommt beim Deutschen auf verschiedenen Außenpositionen, aber nicht mehr im Zentrum zum Einsatz. Marcel Koller hingegen stellte den Bayern-Profi regelmäßig als Mittelfeldspieler auf, was vor allem nach der verkorksten EURO 2016 für heftige Diskussionen gesorgt hatte.

Ein enttäuschendes Abschneiden wie bei der Endrunde in Frankreich will Foda bei der in zwölf Ländern ausgetragenen EM vom 12. Juni bis 12. Juli tunlichst vermeiden. Die Vorzeichen dafür stehen nicht schlecht. Österreich verfügt über eine hohe Anzahl von Stammspielern und Leistungsträgern in Top-Ligen und viele junge Spieler, die in die A-Auswahl drängen. Zudem könnte die Nationalmannschaft von einer Erwartungshaltung profitieren, die ausnahmsweise nicht zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt pendelt. 2016 träumten nicht wenige österreichische Anhänger aufgrund der überragenden Qualifikation von einer großen EM-Sensation, acht Jahre zuvor wiederum hatten heimische Fans per Onlinepetition sogar das Nicht-Antreten des ÖFB-Teams wegen angeblicher Chancenlosigkeit gefordert.

Als „Schüler-Mannschaft“ zur EM

Nach dem missglückten Start in die Qualifikation war für Österreichs Nationalteam das Ticket für die EM 2020 in weiter Ferne. Und die teils harte Kritik der Medien war auch in der Stunde des Triumphs nicht bei jedem vergessen. „Da sind aus den eigenen Reihen Schüsse gekommen. Schön wäre gewesen, wenn das intern besprochen worden wäre“, erklärte Kapitän Julian Baumgartlinger nach erfolgreicher Qualifikation am Samstagabend und meinte damit indirekt ÖFB-Präsident Leo Windtner. Der Verbandschef hatte nach dem Israel-Spiel das Gegentor zum 1:2 als eines mit „Schülermannschaftscharakter“ bezeichnet. „Wir haben uns das Schülermannschaftsthema öfter gegeben – schön, dass wir die erste Schülermannschaft sind, die sich für die EM qualifiziert hat“, sagte Baumgartlinger nun und legte nach: „Es ist oft so, dass sich der Direktor nur im Erfolgsfall vor die Mannschaft stellt und sonst draufhaut. Das kennen wir schon.“ Der Kapitän sah sein Team und den Betreuerstab „in vielen Phasen auf uns allein gestellt. Das war nicht einfach und hat uns extrem stark gemacht“. Man sei auch mannschaftsintern selbstkritisch gewesen und habe harte Worte gefunden. Und „wir haben am Platz geantwortet“, so Baumgartlinger.

Ende gut, alles gut

Für Windtner waren sein Sager und die Diskussionen darüber schon lange abgehakt. „Das Thema ist längst ausgestanden, wir haben uns ausgeredet. Ich weiß, dass er nachher einigermaßen sauer war, aber ich glaube, wir haben auch Grund gehabt, sauer zu sein nach der Vorstellung in Israel. Aber wir haben die Dinge ausgeräumt“, erklärte der ÖFB-Präsident. „Es war immer meine Diktion, dass sich alle an der Nase nehmen müssen, und das ist auch geschehen“, sagte Windtner.

„Wir waren auf uns allein gestellt. Das war nicht leicht, hat uns aber stärker gemacht.“

Fussball

EURO 2020

Gruppe G

Österreich – Nordmazedonien 2:1 (1:0)

Ernst Happel-Stadion, 41.100 Zuschauer, SR Michael Oliver (Eng)

Torfolge: 8. 1:0 Alaba, 48. 2:0 Lainer, 90.+3 2:1 Stojanovski

Österreich (4-2-3-1): A. Schlager; Lainer, Dragovic, Hinteregger, Ulmer; Baumgartlinger, Laimer (89. Ilsanker); Lazaro (79. Trimmel), Sabitzer, Alaba (92. Gregoritsch); Arnautovic

Nordmazedonien (5-3-2): Dimitrievski; Tosevski (62. Avramovski), Ristovski, Mladenovski (46. Zajkov), Velkoski, Ristevski; Kostadinov, Spirovski, Bardi ;Trajkovski (13. Stojanovski), Elmas

Slowenien – Lettland 1:0 (0:0)

Tor: 53. 1:0 Tarasovs (Eigentor)

Israel – Polen 1:2 (0:1)

Torfolge: 4. 0:1 Krychowiak, 54. 0:1 Piatek, 88. 1:2 Dabbur

Tabelle

1. Polen* 9 7 1 1 15: 3 22

2. Österreich* 9 6 1 2 19: 8 19

3. Slowenien 9 4 2 3 14: 8 14

4. Israel 9 3 2 4 16:17 11

5. Nordmazedon. 9 3 2 4 11:13 11

6. Lettland 9 0 0 9 2:28 0

Legende: * für die Endrunde qualifiziert

Die nächsten Spiele

Lettland – Österreich Dienstag

Riga, 20.45 Uhr

Nordmazedonien – Israel Dienstag

Skopje, 20.45 Uhr

Polen – Slowenien Dienstag

Warschau, 20.45 Uhr

Stimmen zur Teilnahme bei der EURO 2020

Ich freue mich in erster Linie für die Mannschaft. Wir waren nach zwei Auftaktniederlagen mit dem Rücken zur Wand. Die Mannschaft hat dann Großartiges geleistet. Wir waren dann immer unter Druck, hatten immer Finalspiele. Ich werde heute einfach mal nur genießen. Es gilt aber auch, bodenständig zu bleiben, nicht zu euphorisiert zu sein. Wir haben es in der ersten Hälfte verpasst, den Sack zuzumachen. In den letzten 20 Minuten waren wir zu nachlässig, das darf eigentlich nicht passieren. Da muss man konzentrierter sein. Franco Foda, ÖFB-Teamchef

Zweimal hintereinander die Quali zu schaffen, ist eine tolle Sache. Aber es gibt keine große Jubelfeier. Wir wollen die Quali jetzt ganz solide abschließen. Wir werden uns jetzt nicht sehr intensiv mit dem Thema Vertragsverlängerung des Teamchefs befassen. Wir haben eine so gute und robuste Vertrauensbasis, dass wir zur rechten Zeit zusammenfinden werden. Leo Windtner, ÖFB-Präsident

Wir sind überglücklich. Es ist etwas Besonderes, Geschichte zu schreiben. Ich versuche, immer präsent zu sein am Platz. Heute ist es mir wieder einmal gelungen (Tor), da bin ich natürlich froh darüber. David Alaba, ÖFB-Teamspieler

Es war nicht immer einfach. Wir haben in den ersten zwei Spielen enttäuscht, dann haben wir Mentalität und Stärke gezeigt und sind zurückgekommen. Ich denke, dass wir uns das klar verdient haben. Marko Arnautovic, ÖFB-Teamspieler

Wir wissen, was die Quali bedeutet: Wenn man es einmal geschafft hat, wenn man es einmal nicht geschafft hat. Wenn man so startet, und am Ende ist das Stadion so voll. Julian Baumgartlinger, ÖFB-Teamspieler

Ich habe gerade keine Worte. Ich bin unglaublich dankbar. Ein Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen. Als ich ins Stadion eingelaufen bin, habe ich von oben bis unten Gänsehaut gehabt. Alexander Schlager, ÖFB-Tormann