Harakiri, Desaster, Fiasko

Sport / 18.11.2019 • 20:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Haussegen bei Ferrari zwischen Sebastian Vettel (r.) und Charles Leclerc ist in Sao Paulo ordentlich in Schieflage geraten.AFP
Der Haussegen bei Ferrari zwischen Sebastian Vettel (r.) und Charles Leclerc ist in Sao Paulo ordentlich in Schieflage geraten.AFP

Mit dem Crash zwischen Vettel und Leclerc eskaliert die Rivalität der Ferrari-Piloten.

Sao Paulo Sebastian Vettel erschien nicht im Motorhome, der für ihn reservierte rote Stuhl blieb leer. Nach dem Ferrari-Fiasko von Sao Paulo durfte der zutiefst frustrierte Deutsche nichts mehr sagen, auch Charles Leclerc bekam einen Maulkorb verpasst. Weil die Rivalität zwischen den beiden Alphatieren auf der Strecke so spektakulär eskaliert war, sagte die Scuderia die übliche teaminterne Medienrunde mit ihren beiden Crashpiloten kurzerhand ab. Die italienischen Medien sprachen dafür umso mehr und umso lauter. „Rotes Harakiri!“ titelte die Gazzetta dello Sport, und der Corriere dello Sport hatte auch sofort einen Schuldigen ausgemacht: „Maranello hat das richtige Auto und gute Piloten, aber keine starke Teamführung.“ Das Resultat dieser Führungsschwäche nennt La Stampa ein „rotes Desaster. Zwei zerstörte Autos und eine große Blamage.“

Vage Konsequenzen

Immerhin äußerte sich der in die Schusslinie geratene Teamchef Mattia Binotto ausführlich zu dem „explodierten Generationenkonflikt“ (Corriere dello Sport). Der 50-Jährige kündigte eine ausführliche Krisensitzung, aber nur sehr vage Konsequenzen für seine Streithähne an: „Natürlich müssen wir uns jetzt zusammensetzen und gemeinsam entscheiden, wo die Grenzen liegen, um sicherzustellen, dass so etwas nicht wieder passiert.“

Binotto vermied es, Vettel oder Leclerc die Hauptschuld für den unnötigen Unfall in der 66. von 71 Runden zu geben. „Es ist noch nicht an der Zeit, ein Fazit zu ziehen“, sagte der Mann mit der markanten Brille. „Wir werden uns alle Daten und Bilder in Ruhe anschauen und sie analysieren.“ Einen Rüffel gab er seinen beiden hochbezahlten Angestellten aber noch mit auf den Weg: „Frei gegeneinander zu fahren heißt nicht, verrückte Sachen zu machen.“ Auf eine Teamorder hatte Ferrari in dieser Saison verzichtet.

Dass es zwischen Vettel und Leclerc mal richtig krachen würde, hatte sich lange angedeutet. Immer wieder gab es zwischen dem viermaligen Weltmeister aus Deutschland und dem Riesentalent aus Monaco kleine Sticheleien, in Monza, Singapur und Sotschi waren sie bereits aneinandergeraten. „Vettels Reaktion dokumentiert den Frust und die Spannung, die er in diesen schwierigen Monaten im internen Duell mit dem jungen Teamkollegen angesammelt hat“, schrieb La Stampa.

In Sao Paulo flogen beim Sieg von Max Verstappen und Red Bull erstmals so richtig die Fetzen. An Le­clercs Auto brach die Vorderradaufhängung, der rechte Vorderreifen platzte, Vettel zerriss es den linken Hinterreifen. Um 15.36 Uhr Ortszeit war nichts mehr wie zuvor bei Ferrari. Es war ja eigentlich nur um Platz vier gegangen – und doch um so viel mehr: den Status der Nummer eins.

Gegenseitige Schuldzuweisung

Sowohl Vettel als auch Leclerc präsentierten sich auf Anweisung von Binotto vor den TV-Kameras reumütig und äußerten ihr Bedauern gegenüber den Ingenieuren und Mechanikern, versuchten aber auch dem jeweils anderen die Schuld zu geben. „Ich hatte nicht viel Platz rechts neben ihm“, sagte Vettel, aber Leclerc fand: „Er hat es auf der Außenseite versucht, wo wenig Platz war. Aber ich habe ihm Platz gelassen.“

Spannend wird sein, wie der „Krieg im Haus Ferrari“ (La Repubblica) weitergeht, in zwei Wochen steigt das Saisonfinale in Abu Dhabi. „Nein, sollten wir nicht brauchen“, sagte Vettel auf die Frage, ob klarere Spielregeln nötig sind. „Ich bin mir sicher, dass wir erwachsen genug sind, um das hinter uns zu lassen“, sagte Leclerc. Die Presse in Italien hat da so ihre Zweifel. „Die beiden Piloten verhalten sich wie ungezogene Kinder“, stellte La Stampa genervt fest. Auf Binotto wartet eine Menge Arbeit.