Der Schwung passt wieder

Sport / 12.12.2019 • 21:16 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Nicole Schmidhofer feierte in der Abfahrt von Lake Louise ihren ersten Saisonsieg.gepa
Nicole Schmidhofer feierte in der Abfahrt von Lake Louise ihren ersten Saisonsieg.gepa

Nicole Schmidhofer ist immer für einen Podiumsplatz gut.

St. Moritz Nicole Schmidhofer hat mit dem Erfolg in Lake Louise ihren Gesamtsieg im Abfahrts-Weltcup bestätigt. Das Gefühl, etwas „verteidigen“ zu müssen, hat die ÖSV-Rennläuferin vor dem Europa-Speed-Auftakt morgen in St. Moritz aber nicht. Dass Ester Ledecka im Abfahrts-Weltcup vor ihr führt, ist für die Steirerin keine Überraschung. „Für mich ist sie längst eine Skifahrerin, die auch Snowboarden kann.“

Schmidhofer bezog sich dabei darauf, dass die Snowboard- und Super-G-Olympiasiegerin aus Prag in den vergangenen Jahren stark in Ski investiert hat. „Sie ist in der Saisonvorbereitung sicher drei Mal so viel Ski gefahren wie ich“, verweist Schmidhofer darauf, dass die Tschechin im Sommer zwei Mal in Südamerika war und vor dem Saisonstart einen Monat in Kanada trainiert hat. Mit Ledecka sei auch weiter zu rechnen. „Weil die ersten zehn der Weltrangliste gut sind für Siege.“

Therapie für die Hüfte

Schmidhofer selbst war in der Vorbereitung durch Hüftprobleme gehandicapt. Erst eine mehrwöchige Intensivtherapie rückte die Hüfte wieder gerade, seitdem passt auch der Schwung auf der Piste wieder. „Die größte Leistung ist, dass es mit der Hüfte wieder passt. Das hat mich zuletzt viel mehr beschäftigt, als ob ich die Leistung aus dem Vorjahr bestätige“, gestand die 30-jährige Schmidhofer.

Sie sei immer schon mit einer Riesenfreude nach Kanada gefahren. „Diesmal halt mit dem Wissen, dass ich Rennen gewinnen kann.“ An eine „Bestätigung“ ihres Kugelgewinnes denke sie aber weiter nicht. „Es fängt alles wieder bei null an, alle sind gleich weit. Also habe ich nichts zu verteidigen. Ich finde, das ist der richtige Zugang.“

Schmidhofer muss freilich täglich daran arbeiten, dass die Hüftprobleme nicht wiederkehren. In Kanada fuhr die Super-G-Weltmeisterin von 2017 bestechend und auf einem Niveau, mit dem sie derzeit immer gut ist für ein Podium. „Eigentlich wäre ich schon 2016 so weit gewesen, dann habe ich mich leider verletzt.“ Heute gehört die nur 1,57 große Speed-Spezialistin fix der Weltklasse an. „Wir haben auch auf dem Materialsektor einen Schritt gemacht, seitdem gehen einige Dinge leichter.“

Sie sei aber auch sensibel für das Mannschafts-Umfeld, betont die 30-Jährige. Gut, dass das trotz der immer größer werdenden internen Konkurrenz derzeit ebenfalls passt. „Wir sind seit einigen Jahren eine Partie, haben viele Schritte gemeinsam gemacht. Wir wären blöd, damit aufzuhören, und uns nur selbst ins Knie schießen. Wir sind ja 250 Tage im Jahr zusammen.“

Natürlich werde der Konkurrenzkampf aber immer größer. „Früher warst du als Zehnte zweitbeste Österreicherin, heute bist du als Achte viertbeste.“ Die sieben verschiedenen Charaktere im Team würden sich aber erstaunlich gut ergänzen. Zickenkriege gibt es offenbar wenig bis keine. „Bei uns herrscht eine relativ gerade Linie“, so Schmidhofer. „Wenn du deppert bist, wird das gesagt. Wahrheit und Ehrlichkeit ist bei uns ein Mannschaftsprinzip.“

Dass man im Abfahrtssport mit einer größeren Statur leichter zurechtkomme, liegt auf der Hand. Zwar kann Schmidhofer als Leichtgewicht direktere Linien fahren, die Nachteile überwiegen aber. „Natürlich haben die Großen in der Abfahrt Vorteile, das sagt die einfache Physik. Beim flachen Start, beim Gewicht, in Wellen, die sie drücken können, wo ich mit meinen kurzen Füßen nicht ins Wellental komme.“

„Ich bin eine schlechte Verliererin“

Auch nach St. Moritz, wo sie mit Super-G-WM-Gold ihren vor dem Abfahrts-Kristall größten Erfolg gefeiert hat, kehrt Schmidhofer grundsätzlich gerne zurück. Auch wenn es in den vergangenen zwei Jahren für sie dort nicht optimal gelaufen ist. Womöglich auch wegen des Jetlags nach den Nordamerika-Rennen, den sie diesmal mit Schlaf-Tees zu bekämpfen versuchte.

Gefahren wird Samstag in der Schweiz zudem nicht auf der WM-Strecke. „Ich muss es besser machen als zuletzt, dann wird es am Ende schon passen“, hofft Schmidhofer. Apropos Saisonende: Schmidhofer wird bis auf Weiteres keine Speedski-Bewerbe mehr bestreiten, obwohl sie da vergangenes Frühjahr bei der WM mit einem Ö-Rekord von über 217 km/h brilliert hat.

So bleibe – als Vergleich zu Ledecka – „Reden“ ihr zweitgrößtes Talent, wie Schmidhofer lachend zugibt. Andere sportliche Wettkämpfe will „Schmidi“ bis auf Weiteres nicht suchen. „Ich bin eine schlechte Verliererin. Ich gehe lieber auf die Berge, da brauche ich mich mit niemandem zu messen.“

„Früher warst du als Zehnte zweitbeste Österreicherin, heute bist du als Achte viertbeste.“

Ski-weltcup

So geht es im Programm weiter

Samstag

Herrenslalom Val d‘Isére 9.30/13.00 Uhr

ÖSV-Team: Christian Hirschbühl, Mathias Graf, Johannes Strolz, Marco Schwarz, Michael Matt, Marc Digruber, Dominik Raschner, Fabio Gstrein

Damen-Super-G St. Moritz 10.30 Uhr

ÖSV-Team: Nina Ortlieb, Ricarda Haaser, Michaela Heider, Mirjam Puchner, Elisabeth Reisinger, Nicole Schmidhofer, Ramona Siebenhofer, Tamara Tippler, Anna Veith, Stephanie Venier

Sonntag

Herren-Riesentorlauf Val d‘Isére 9.30/12.30 Uhr

ÖSV-Team: Daniel Meier, Johannes Strolz, Patrick Feurstein, Marco Schwarz, Roland Leitinger, Stefan Brennsteiner, Dominik Raschner, Michael Matt

Damen-Parallelslalom 9.45/13.30 Uhr

ÖSV-Team: Katharina Liensberger, Eva-Maria Brem, Michaela Dygruber, Katharina Gallhuber, Franziska Gritsch, Katharina Huber, Chiara Mair, Katharina Truppe