Kévin Estre: „In Vorarlberg findest du schnell Freunde“

Sport / 27.12.2019 • 14:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Porsche-GT-Team auf der Rennstrecke Spa-Francorchamps 2019: Michael Christensen (l.) und Kévin Estre (r.). <span class="copyright">JT</span>
Das Porsche-GT-Team auf der Rennstrecke Spa-Francorchamps 2019: Michael Christensen (l.) und Kévin Estre (r.). JT

Der französische GT-Weltmeister aus Lyon ist in Höchst heimisch geworden. Und wird sogar zum „Häuslebauer“. Kévin Estre (31) verrät im VN.at-Interview Details dazu.

Höchst Die Gemeinde der „zuagroasten“ Motorsportler in Österreich wird immer größer. Schon seit fünf Jahren ist der Franzose Kévin Estre in Vorarlberg heimisch. Der 31-Jährige ist seit 2016 Porsche-Werkfahrer und gewann in der Saison 2018/19 gemeinsam mit dem in Wien lebenden Dänen Michael Christensen den WM-Titel der GT-Fahrer im World Endurance Championship. Im VN-Gespräch blickt er sportlich voraus und sagt, warum er Vorarlberg liebt.

Wie hat sich Ihr Leben als GT-Weltmeister verändert?

Eigentlich nicht viel. Ich habe ein Logo bekommen mit meinem Namen drauf, und dann war die Einladung zur Gala und Preisverleihung der FIA, das war natürlich ein schönes Erlebnis unter all den anderen Champions. Und bei Porsche konnten wir ordentlich feiern.

Was waren die schwierigsten Momente Ihrer Karriere?

Ich würde sagen: zwei Phasen. Einmal nach der Formel-Zeit, ich war in der Formel Renault ganz gut, aber irgendwie merkte ich schon damals: Es wird mit der Formel 1 wohl nichts. Aber ich wollte Profi werden, deshalb ging es im GT-Sport weiter. Die zweite war, als es darum ging, Geld mitzubringen, um in ein gutes Team zu kommen. Ich war damals auf mich allein gestellt, musste alles selbst arrangieren. Aber ich konnte mich durchbeißen, bis es mit dem Porsche-Vertrag klappte.

Dieser Vertrag läuft weiter?

Ich bin mittlerweile im zweiten Jahr eines Vertrags, der über drei Jahre läuft.

Hätten Sie Ambitionen gehabt, Formel E für Porsche zu fahren?

Das Niveau von Fahrern und Teams ist dort sehr hoch. Aber es ist eine Kategorie, die mich nicht sehr reizt. Als ich hörte, dass Porsche in die Formel E gehen werde, habe ich nicht mein Telefon genommen und sofort bei der Teamführung angerufen. Also, würde das Angebot auftauchen, würde ich es machen, aber im Moment bin ich im GT-Sport sehr glücklich. Eigentlich möchte ich nicht aus dem GT-Auto weg, um einen Formel E zu fahren.

Sie und Ihre drei Porsche-Teamkollegen Lietz, Bruni und Christensen sind alle auf fast exakt dem gleichen Niveau. Beflügelt das oder wird es zum Druck? Gibt es sogar Eifersucht?

Sicher keine Eifersucht, dafür ist die Atmosphäre im Team viel zu gut. Aber nehmen wir zum Beispiel das jüngste Qualifying in Bahrain. Es zählt ja die Durchschnittszeit beider Fahrer, und bei uns vier war der Unterschied sechs Hundertstel, die Bruni und Lietz schneller waren als Michael und ich. Sechs Hundertstel können einen schon ärgern! Es gibt schon viel internen Wettbewerb, aber der ist auch positiv.

Was braucht es zur erfolgreichen Titelverteidigung?

Vor allem Konstanz, immer in Topplätzen ankommen. Auf unseren 911 RSR und das Team ist Verlass, die sind eine solide Basis.

Wann sind Sie nach Vorarlberg übersiedelt?

Anfang 2014. Ich wohnte zuvor in Deutschland. Ich hatte gerade meinen ersten Werkvertrag bei McLaren bekommen und war mit Adrien Tambay befreundet, der damals DTM fuhr. Er lebte in Lochau und erzählte mir, wie cool es dort sei. Ich sah mich um, und wir machten bald eine WG. Die dauerte ein Jahr. Natürlich war auch die Besteuerung von Sportlern in Österreich ein Grund.

Verraten Sie dazu mehr?

Ja, wir zahlen 50 Prozent auf ein Drittel unserer Einnahmen. Das sind ca. 16 Prozent. Das macht natürlich einen Unterschied.

Wie ging es dann weiter?

Nach der WG suchte ich mir mit meiner Gattin Carolin ein neues Domizil und ein Grundstück. Wir werden langfristig in Höchst bleiben und daher ein Haus bauen. Wir haben alles hier, den See, die Berge. Du kannst Mountainbiken, Skifahren, Laufen oder Bootfahren. Wir haben uns ein Motorboot zugelegt.

War es leicht, in Vorarlberg Freunde zu finden?

Viel einfacher als in Deutschland! Die Vorarlberger sind viel offener und freundlicher. Wenn du über die Straße gehst, ruft dich schon ein Nachbar, und man beginnt zu plaudern.

Wie lautet Ihre Prognose für den Ausgang der Langstrecken-WM?

Auch wenn in dieser Saison weniger Werksautos in der GTE-Pro-Klasse fahren als letzte, wurde die Leistungsdichte noch enger. Man darf sich keine Nullnummer leisten, also einen Ausfall. Und es wird spannend bleiben, da es beim Finale in Le Mans ja doppelte Punkte gibt. GKU