Die Klassiker

Sport / 15.01.2020 • 22:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Mit sportlichen Höhepunkten war diese Saison noch nicht gerade gesegnet, zumindest nicht im ÖSV-Team. Letztens in Madonna di Campiglio, nach einem weiteren Katastrophenergebnis unserer Techniker, schien der ÖSV-Trainer, wie soll ich das ausdrücken, wohl eher ratlos.

Aber nicht das erste Mal käme im Sport ein Aufschwung unverhofft. Das erste positive Zeichen gab es in Adelboden. Marco Schwarz zeigte, dass man im Flachstück das Manko aus dem Steilhang wettmachen kann. Ein toller Erfolg nach einer so langen Durststrecke.

Feine Klinge fahren

Nun stehen die Klassiker Lauberhorn und Hahnenkamm vor der Türe. In dieser Saison die heimlichen Weltmeisterschaften. Das Lauberhorn, eine endlos lange Abfahrt, die man nicht mit Aggressivität allein gewinnen kann. Hier muss man eine ganz feine Klinge fahren. Der Mix von höchstem Speed, langen, schnellen Kurven und riesenslalomähnlichen Ecken ist legendär. Dazu kommt die Abstimmung des Materials. Wer hat den optimalen Ski für kalte Verhältnisse ganz oben und warmen Schnee ganz unten? Ein Vabanque-Spiel der Serviceleute und Trainer, die nichts anderes tun, als die Schneetemperatur und die Luftfeuchtigkeit auf der gesamten Strecke zu messen. Auf der Streif in Kitzbühel gelten etwas andere Kriterien. Allein der Start ist das nackte Grauen. Zu meiner aktiven Zeit war ich dem Gedanken oft näher, rückwärts aus dem Starthaus zu gehen, als mich mit einem Katapultstart in Richtung Mausefalle zu stürzen. Trotz der technischen Herausforderung braucht man auch in Kitzbühel ein gutes Material, um gewinnen zu können. Ich kann mich erinnern, dass ich Anfang der 90er-Jahre bei einem Rennen im oberen Teil Bestzeit fuhr und vom Hausberg ins Ziel auch. Trotzdem wurde ich nur 25ster – ich hatte im Flachstück alles verloren! Heutzutage schenken sich die Skifirmen mit ihren langjährigen Erfahrungswerten nur wenig.

Neben den Abfahrten ziehen in Wengen und Kitzbühel natürlich auch die Slaloms die Skifans in ihren Bann. Wengen gilt seit Jahrzehnten als einer der schwersten und attraktivsten Slalomhänge der Welt. Genauso wie der Ganslernhang in Kitzbühel. Das Publikum und auch die Geschichte hinter diesen Klassikern lassen das Herz jedes Athleten höher schlagen. Ein Sieg an einem dieser Schauplätze zählt einfach mehr. Der Start in die Arena gleicht oft einem Gladiatoren-Kampf, mit den messerscharfen Schwertern an den Füßen. Gekämpft wird bis aufs Blut und Sieger gibt es immer nur einen.

Hoffentlich hält der Aufwärtstrend unserer Gladiatoren an und wir können endlich wieder einmal jubeln.

„Das Publikum und auch die Geschichte hinter den Klassikern lässt das Herz jedes Athleten höher schlagen.“

Marc Girardelli

sport@vn.at

Marc Girardelli zählt mit fünf
Gesamtweltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.