Robert Weber im VN-Interview: „Österreich ist kein Jausengegner mehr“

Sport / 20.01.2020 • 16:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
In den bisherigen fünf Partien bei der EURO 2020 konnte Robert Weber über 27 Tore jubeln. Als einziger ÖHB-Spieler erzielte der 34-jährige Harder in allen 20 Spielen bei einer EM-Endrunde zumindest ein Tor. GEPA

Robert Weber vor der Partie gegen Deutschland bei der EURO 2020.

Wien Das Abschlusstraining von Österreichs Handballern vor der Partie gegen Deutschland (Montag, 20.30 Uhr) wurde nicht in der großen Stadthalle, sondern in der deutlich kleineren Stadthalle B durchgeführt. Robert Weber schwelgte beim Betreten der Halle in Erinnerungen, hat er doch vor 18 Jahren als damals 16-Jähriger an dieser Stelle im Trikot seines Stammvereins Alpla HC Hard einige Schlachten, wie er es formuliert, gegen die beiden Wiener Erstligisten Fivers Margareten und West Wien geschlagen. Doch nicht nur deshalb genießt der Harder in der Bundeshauptstadt die EURO 2020 in vollen Zügen. Zusammen mit Goalie Thomas Bauer ist der 34 Jahre alte Weber der einzige ÖHB-Akteur, der bereits 2010 als Aktiver mit Rang neun den bislang größten ÖHB-Erfolg bei einem EHF-Championat feierte. Mit einem Sieg gegen Deutschland wäre sicher, dass man diesen Erfolg toppen und ein neues Kapitel rot-weiß-rote Erfolgsgeschichte im Handball schreiben würde.

Wie würden Sie ihre Eindrücke mit dem österreichischen Nationalteam bei der EURO 2020 beschreiben?

Absolut positiv! Dies ist definitiv und natürlich auch dem Umstand geschuldet, dass wir in der Vorrunde sehr erfolgreich waren. Mit sechs Punkten aus drei Spielen kann man auch gute Laune haben. Meine Leistung hat auch gestimmt bis dahin. Daran ändert sich auch nichts durch die beiden Niederlagen gegen Kroatien und Spanien in der Hauptrunde. Gegen solche Topnationen kann man verlieren, dass kann man sicher nicht als Beinbruch bezeichnen. Wir haben keine Klatsche kassiert gegen diese zwei Titelfavoriten. Klar, am Ende wäre mehr drin gewesen. Es war natürlich auch einiges Eigenverschulden, muss man schon so sagen. Bei Kroatien habe ich in der Zusammenfassung gesehen, dass wir allein in der ersten Halbzeit sieben Pfostenwürfe hatten. Gegen Spanien war es halt Corrales, an dem wir das eine oder andere Mal zu oft gescheitert sind.

Wie zufrieden sind Sie mit ihrer eigenen Leistung?

Bei mir war es, wie soll ich es sagen, ein bisschen schwer. Es war schon ein Dämpfer für mich. Zumindest beim Kroatien-Spiel, weil ich da das Gefühl hatte, es wäre mehr drin gewesen. Ich glaube auch nicht, dass Kroatien so heiß in das Spiel gegen uns gegangen ist, wie sie dann in das Spiel gegen Deutschland gegangen sind. Das war vom Gefühl her nochmals eine ganz andere kroatische Mannschaft. Es war dann so ein bisschen ein kleiner Dämpfer in mir, weshalb dann vielleicht auch gegen Spanien bei mir die Leistung nicht ganz gestimmt hat. Heute ist aber ein neuer Tag und ich bin topmotiviert auf die letzten Spiele.

Macht das stolz, wenn man zwei absolute Topteams bis zum Ende richtig gefordert hat?

Voll, absolut, aber nicht nur das. Es ist so, dass solche Teams mittlerweile großen Respekt haben vor uns und uns nicht nur als Jausengegner sehen. Sie sehen schon, dass wir in Österreich und mit der österreichischen Nationalmannschaft konkurrenzfähig sind. Man verliert zwar gegen Spanien, aber für uns als Österreicher ist das kein Beinbruch, wir ernten durch solche Ergebnisse großen Respekt. Das macht einen stolz.

Kommt diese positive Entwicklung vom Trainerwechsel zu Ales Pajovic oder ist das der Heimvorteil? Oder liegt es daran, dass bei euch immer mehr Routine im Team ist?

Ja, das auch. Wir sind so, wie wir jetzt ein zusammengewürfelter Haufen sind, mittlerweile doch ein, zwei, drei Jahre zusammen. Ohne die Routiniers wie Viktor Szilagyi oder auch Vitas Ziura, der immer wieder mal dazu gestoßen ist. Der Kern ist jetzt schon wieder über eine lange Zeit zusammen. Wir haben ganz, ganz viele Spieler, die haben nicht einmal 20 Länderspiele. Lukas Hutecek hat sein erstes Länderspiel sogar erst in der Vorbereitung gemacht. Das ist auch ein ganz junges Talent, auf das man sein Augenmerk richten sollte, der noch ein Großer werden kann. Ich glaube, es ist generell auch eine Stimmung in der Mannschaft, die ganz, ganz toll ist, die sehr viel Spaß macht. Die auch für alte Haudegen wie mich nochmals das Jugendliche zurückbringt.

Inwieweit kann Sie im zwölften Jahr in der deutschen Bundesliga so eine Kulisse noch beeindrucken?

So etwas in Österreich mal zu erleben ist selten. Dass in Österreich 9.000 oder 10.000 Leute in die Halle strömen, das gibt es hier gefühlt alle zehn Jahre. Bei uns hat die größte Halle knapp 3000 Plätze. Wenn die mal voll ist beim Derby Hard gegen Bregenz, dann ist das schon mal sensationell. Aber ansonsten gibt es so etwas selten in Österreich. Deshalb ist es schon geil. Ich wünsche mir, dass wir ein bisschen mehr Rückendeckung von den heimischen Zuschauern bekommen. Man sieht ja, was so ein achter Mann bewirken kann.

Inwieweit trägt euch die Euphorie?

Das ist schön, aber ich würde mir wünschen, dass es euphorischer in den Hallen zugehen würde. Es ist halt irgendwie so das Gefühl, dass bei den anderen Nationen sich die Fanlager mehr identifizieren, mit den Spielern und mit der Mannschaft. Österreich ist halt nicht wirklich eine Handballnation, bei Deutschland kann man das mittlerweile schon sagen, Kroatien, Schweden, Dänemark oder Norwegen sowieso. Ich würde mir einfach mehr wünschen hier bei der Heim-EM. Da gehst du nach dem Spiel aus der Halle und die Fans wollen nur Bilder mit den kroatischen Stars. Dass wir hier im eigenen Land zu Stars werden können, da fehlt halt noch ein bisschen. Das möchte ich gern erreichen, dass das hier auch noch ein wenig so wird.

Ihr könntet euch gegen Deutschland ein Stück weit zu österreichischen Stars machen? Ist gerade für dich das Spiel gegen Deutschland etwas Besonderes?

Es ist generell etwas Besonderes, man merkt das auch an den Zuschauern. Wir werden jetzt immer, ich sage nicht verglichen, aber wir sind der kleine Bruder von Deutschland. Klar sind die Vorzeichen auch ganz anders, die Deutschen sind klarer Favorit. Jetzt haben sie gestern leider einen Dämpfer bekommen von den Kroaten, das wäre ihre Chance gewesen für das Halbfinale. Ich habe jetzt auf handball-world gelesen, dass es nur noch theoretische Chancen gibt, dass die Deutschen ins Halbfinale weiterkommen.

Wie sehen Sie die Vorzeichen vor dem ewig jungen Prestigeduell gegen Deutschland?

Die Deutschen haben einen höheren Anspruch als wir. Die wollten die Medaille, wir hätten die Möglichkeit gehabt, aber es hat keiner erwartet. Jetzt kann man das nicht direkt als Finalspiel bezeichnen, denn die Weißrussen darf man ja auch nicht unterschätzen. Die haben wir dann am letzten Spieltag noch, die muss man ja auch erst einmal schlagen. Aber es gibt diese Vorzeichen, ich bin guter Dinge und freue mich auf das Spiel, weil das deutsche Fanlager sehr, sehr groß sein wird. Ich habe auch das deutsche Spiel gegen Kroatien verfolgt. Selbst die deutschen Spieler sagen, dass sie so eine Stimmung wie im letzten Spiel noch nie erlebt haben. Ich hoffe, dass ich diese Stimmung auch erleben kann. Auch wenn wir als Heimmannschaft ein nicht ganz so großes Fanlager haben wie die Deutschen oder Kroaten.