Das Kreuz mit den Bändern

Sport / 22.01.2020 • 22:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Harte Pisten, aggressives Material: Bänderrisse bei Skirennfahrern scheinen hausgemacht.

Kitzbühel Das Saison-Aus von Dominik Paris wegen eines Kreuzband­risses wirft einmal mehr die Frage auf, warum es zu so einer Häufung an Knieverletzungen im alpinen Skiweltcup kommt. Harte Pisten erfordern eine aggressive Materialabstimmung und umgekehrt. „Das ist eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Da wieder rauszukommen, ist sehr schwierig“, sagte Markus Waldner, der Renndirektor der FIS. Nach einem banalen Super-G-Trainingssturz reiht sich der Südtiroler Paris in die lange Kreuzband-Verletztenliste in diesem Winter ein. Für die Österreicher Hannes Reichelt und Christopher Neumayer ging die Saison bei den Speedrennen in Bormio zu Ende, den Südtiroler Manfred Mölgg erwischte es im Riesentorlauf von Adelboden, den Franzosen Adrien Theaux beim Training; im Zagreb-Slalom riss das Kreuzband der Deutschen Marlene Schmotz und im Parallel-Riesentorlauf in Sestriere wurde das Schicksal der Schweizerin Aline Danioth bestimmt.

„Lösung haben wir zur Zeit keine. Das Radl haben wir jetzt weit gedreht. Und das zurückzudrehen, wird ein sehr schwieriges Unterfangen“, sagte Waldner. „Wir diskutieren seit langem. Es passiert mit allen Ski, bei Herren und Damen, auch im Europacup. Es ist das Gesamtpaket, das sehr aggressiv abgestimmt ist – Schuh, Platte, Bindung und Ski. Wenn man da ein bisserl außerhalb der normalen Winkel kommt, dann reißt eben sehr schnell ein Kreuzband.“

Etwas kann der Skiweltverband allerdings in Zusammenarbeit mit den Organisatoren machen, nämlich die Pisten von oben bis unten gleichmäßig präparieren. Das habe man in diesem Winter in Angriff genommen. Um zu verhindern, dass die Athleten von harten, sehr eisigen, auf weniger harte Passagen kommen. „Denn sonst stimmen sie das Material so ab, dass es am Harten passt, aber dann wird es gefährlich, wenn sie dorthin kommen, wo es etwas weicher ist“, erklärte Waldner. Die Streif sei heuer fantastisch hergerichtet. „Sie ist immer noch sehr hart, knackig, eisig, aber sehr gleichmäßig präpariert.“

Sie müsse so kompakt und eisig sein, weil viele Kräfte auf die Piste wirken, und man verhindern müsse, dass die Piste aufreiße und das Rennen mit Startnummer drei zu Ende sei. „Das Rennen soll auch für die hohe Nummern noch fair sein. Und sicher. Weil wenn die Piste bricht, wenn Löcher drinnen sind, wird es wieder gefährlich.“ Aber je härter die Piste, desto aggressiver die Materialabstimmung, und so dreht sich das Radl immer weiter.

Viel mehr Muskelmasse

Um mit einem weniger aggressiven Gesamtpaket trotzdem schnell durch die Rennen zu kommen, müssten die Pisten weicher präpariert werden. „Dann würden wir langsam in die richtige Richtung gehen. Aber das ist ein sehr schwieriges Unterfangen. Wo fangen wir an? Das ist die Frage.“ Er habe beim letztjährigen Finale lange mit Toni Giger, dem jetzigen Sportdirektor im ÖSV, der auch Technologie auf seiner Agenda hat, darüber geredet. Es gäbe auch viele Gespräche mit der (Ski-)Industrie, derzeit habe niemand eine Lösung.

Paris verletzte sich auf einer sehr gleichmäßig präparierten Piste, auf der Europacup gefahren wurde. „Das ist saublöd hergegangen“, weiß auch Waldner. „Man muss auch sagen, die Muskulatur von den Läufern ist extrem durchtrainiert, die Muskelmassen, die diese Topläufer jetzt haben. Wenn man die vergleicht mit Ken Read, der hatte die halben Wadeln von den Burschen heute“, sagte der Renndirektor. „Die Muskeln kann man trainieren, die Bänder nicht. Die Bänder sind immer noch die gleichen, vom Domme und von Ken Read, aber die Wadeln sind doppelt so dick. Der Muskel hält, aber wenn gewisse Winkel unterschritten werden und Rotationen reinkommen, muss es irgendwo reißen. Und meistens reißt dann das Bandl.“