„Burschen zeigt uns, was ihr drauf habt“

Sport / 23.01.2020 • 21:23 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Andreas Puelacher schickt einen Weckruf an seine Speedmannschaft.gepa
Andreas Puelacher schickt einen Weckruf an seine Speedmannschaft.gepa

Andreas Puelacher fordert von seinen Herren Mut und Engagement.

Kitzbühel Österreichs Abfahrtsmannschaft ist schon breiter aufgestellt dahergekommen, der Blick auf den Weltcupstand kennt da kein Erbarmen. Hinter dem viertplatzierten Matthias Mayer und Vincent Kriechmayr als Sechstem klafft eine Lücke, die die sportliche Leitung rasch aufgefüllt haben will. Vor dem Klassiker auf der Kitzbüheler Streif wird kein Extradruck gemacht, aber dennoch Leistung eingefordert.

Nach dem Klassiker auf dem Lauberhorn sagte Rennsportleiter Andreas Puelacher, dass es an der Zeit sei, dass ein paar Athleten zeigen, dass sie weltcupwürdig seien. Neben dem Topduo registrierte er auch bei Daniel Danklmaier (12.) und Otmar Striedinger (15.) aufsteigende Tendenz, was diese am Donnerstag im Kitz-Abschlusstraining mit 13 und 15 bestätigten, die weiteren Akteure indes hatten in Wengen alle die Punkteränge verfehlt. „Ich bin mit einigen Athleten und ihren Leistungen und Platzierungen nicht zufrieden, aber sie selber sind es auch nicht. Da heißt es jetzt wirklich einmal, ‚Burschen, zeigt uns, was ihr drauf habt‘“, schickte Puelacher beim Mediengespräch in Kitzbühel einen Weckruf los. „Ich verlange von ihnen, dass sie engagiert und mit Mut und Überzeugung in das Rennen gehen. Dann werden wir auch zu Platzierungen kommen. Da war bis jetzt einfach zu wenig.“

Skiverband will Leistungen sehen

Im Skifahren gebe es keine Ersatzbank, aber das brauche es auch nicht, denn er bringe den Athleten Vertrauen entgegen. „Nur fordert man dann irgendwann auch Leistungen ein. Es wird ihnen auch alles geboten, was man braucht, damit man schnell Skifahren kann oder das schnell umsetzen kann“, sagte er in Richtung Max Franz, Christian Walder und Johannes Kröll.

Er wolle auch keinen Druck machen, aber anmerken, dass es jetzt langsam an der Zeit sei. „Das hat nichts mit Kitzbühel zu tun, wir sind mitten in der Saison, da will man Leistungen sehen. Es geht ja um Startplätze, um Punkte, um Platzierungen. Es ist das Recht des ÖSV, von den Burschen etwas zu verlangen. Es ist Zeit zu zeigen, dass sie weltcupwürdig sind.“

Danklmaier erzählte, dass es vonseiten der Trainer hauptsächlich Motivation gebe. „Ein paar Mal gehört uns in den Arsch getreten, weil sonst geht nichts weiter.“ Viel mit dem Material beschäftigt sich Striedinger, Franz kämpft mit Rückenproblemen. Bei Walder ist der Körper wieder „gut beinander“, bei ihm sei es eine Kopfgeschichte. „Ans Limit zu gehen, gelingt mir nicht immer. Teilweise fahre ich zu passiv rein.“

Chronologie Sternstunden und Meilensteine der Hahnenkamm-Rennen

Vom „Kitzbüheler Wunderteam“ über Klammer-Hype bis zu Hirschers Explosion

1937 Erstmals wurden die klassischen Strecken Streif und Ganslern befahren. Der Kitzbüheler Thaddäus Schwabl gewann die Abfahrt in einer Zeit von 3:53,1 Minuten. Bereits damals säumten Tausende Zuschauer die Strecke.

1951 Die Regentschaft des „Kitzbüheler Wunderteams“. Als erster Läufer blieb Sieger Christian Pravda mit 2:57,0 unter einer Fahrzeit von drei Minuten. Pravda war einer von sechs Lokalmatadoren neben Anderl Molterer, Toni Sailer, Ernst Hinterseer, Hias Leitner und Fritz Huber, die in den 1950er-Jahren die Hahnenkamm-Rennen dominierten.

1959 Anderl Molterer gewann den Slalom und dadurch auch die Kombination zum letzten Mal. Damit stellte der „Weiße Blitz von Kitz“ einen bis heute gültigen Rekord auf – mit neun Einzelsiegen ist Molterer der erfolgreichste Hahnenkamm-Bezwinger. Erstmals gab es eine Fernsehübertragung von den Rennen durch den Österreichischen Rundfunk, der mit vier Kameras anrückte.

1961 Traudl Hecher, Mutter der Ex-Rennfahrer Elisabeth und Stephan Görgl, war die bisher letzte Frau, die auf der Streif reüssierte. Die Tirolerin räumte total ab und setzte sich nicht nur in der Abfahrt, sondern auch im Slalom und damit auch in der Kombination durch.

1967 Auch der Franzose Jean-Claude Killy gewann Abfahrt, Slalom und Kombination an einem Wochenende. Das gelang nach ihm niemandem mehr. Es waren die ersten Kitz-Rennen im Rahmen des Weltcups.

1974 Als erster Österreicher holte Hansi Hinterseer in der Weltcup-Ära den Slalom. Der Blondschopf sorgte auch für den bisher letzten Heimsieg eines Kitzbühelers bei den Hahnenkamm-Rennen. Trainer war sein Vater Ernst Hinterseer, der auch den ersten Lauf gesteckt hatte. Später kam es zum Zerwürfnis zwischen den beiden.

1975 Franz Klammer feierte seinen fünften Abfahrtssieg im Weltcup in Folge. Mit damals knapp über 21 Jahren ist der Kärntner, der in 2:03,22 Minuten auch neuen Streckenrekord fuhr, noch immer der jüngste Streif-Sieger. Dabei war Klammer nur eine Hundertstelsekunde schneller als der Südtiroler Gustav Thöni.

1976 Im nächsten Jahr ließ Klammer seinen zweiten Sieg folgen, diesmal gewann er allerdings mit einem Rekordvorsprung. 2,06 Sekunden lag er am Ende vor dem Norweger Erik Haaker – bis heute ist diese Marke in Kitzbühel unerreicht.

1978 Das erste und bis heute einzige Mal gab es zwei Streif-Sieger. 2:07,81 – der Steirer Sepp Walcher und der Deutsche Sepp Ferstl fuhren exakt die gleiche Zeit. Ein Jahr später wiederholte Ferstl seinen Coup, der Slalom ging an seinen Landsmann Christian Neureuther. Ein halbes Jahr nach der Fußball-WM 1978 in Argentinien glückte Deutschland so die Revanche für Cordoba.

1982 Ingemar Stenmark demolierte die Slalom-Konkurrenz. 3,16 Sekunden war der stille Schwede schneller als Phil Mahre aus den USA – das ist bis heute der Weltcup-Rekordvorsprung in der Disziplin. Das Jahr darauf gewann Stenmark zum fünften und letzten Mal in Kitzbühel. Er ist damit unangefochten der Slalom-König der Gamsstadt.

1984 Nach Franz Klammers viertem und letztem Streif-Sieg brachen alle Dämme. Die Zäune im Zielraum wurden niedergetreten, das heimische Ski-Idol wurde mit nicht enden wollenden Sprechchören gefeiert. Ein Jahr später trat er zurück.

1990 Rudi Nierlich gelang der erste ÖSV-Sieg im Kitz-Slalom seit Klaus Heidegger 1978. Für den jungen Oberösterreicher war es eines der Highlights in einer abrupt zu Ende gegangenen Karriere. 16 Monate später wurde er durch einen Autounfall aus dem Leben gerissen.

1997 Fritz Strobl stellte den bis heute gültigen Streckenrekord auf. 1:51,58 Minuten benötige der Kärntner für seine Siegesfahrt. „Das war die schnellste Streif aller Zeiten“, meinte er Jahre später.

2000 Der Stern von Mario Matt ging auf. In seinem dritten Weltcup-Rennen ging der Arlberger mit Startnummer 47 in den ersten Slalom-Durchgang – am Ende stemmte er die Goldene Gams. Die Sensation mit Startnummer 47 ist bis heute der Sieg mit der höchsten Startnummer in einem Weltcup-Slalom.

2001 Der „Herminator“ schlug endlich zu. Fast alle großen Abfahrten hatte Hermann Maier bis dahin gewonnen, aber Kitz fehlte dem Superstar noch auf seiner Abschussliste. Das machte er knapp nach der Jahrtausendwende ungeschehen. Der ÖSV freute sich über das noch immer beste Ergebnis als Mannschaft: sieben Österreicher klassierten sich in den Top Ten.

2003 Nach seinem schweren Motorradunfall im Sommer 2001 kämpfte Hermann Maier um den Anschluss. Zwei Wochen davor war der Salzburger beim lange erwarteten Comeback in Adelboden noch als 31. knapp an der Qualifikation für den zweiten Riesentorlauf-Durchgang gescheitert. In Kitzbühel erlebte er aber seinen vielleicht emotionalsten Sieg – er gewann den Super-G.

2004 Eine Fahrt wie aus einem Guss verschaffte Stephan Eberharter seinen zweiten Hahnenkamm-Sieg. 1,21 Sekunden Vorsprung trennten den Zillertaler vom zweitplatzierten Amerikaner Daron Rahlves. Experten und Rennläufer sprechen bis heute davon, dass Eberharter damals die perfekte Linie auf der Streif fand.

2012 Nachdem er zwei Tage vorher seinen baldigen Rücktritt vom Skisport angekündigt hatte, triumphierte Didier Cuche zum fünften Mal auf der Streif. Der Schweizer war schon 1998, 2008, 2010 und 2011 erfolgreich gewesen. Mit seinem letzten Sieg wurde Cuche nicht nur zum neuen Rekordmann, sondern mit 37 Jahren und fünf Monaten auch zum ältesten Rennfahrer, der je eine Abfahrt gewonnen hat.

2014 Der bisher letzte Abfahrtssieg eines Österreichers in Kitzbühel ging an Hannes Reichelt. Den Salzburger plagten schwere Rückenschmerzen, die er während des Rennens aber verdrängte. Nach seinem Triumphzug wurde ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert. Die Winterspiele in Sotschi liefen ohne Reichelt ab.

2017 Es war der zweite und letzte Sieg von Marcel Hirscher in Kitzbühel. Der Gesamtweltcup-Rekordsieger katapultierte sich dank einer Explosion im zweiten Lauf ganz nach vorne und gewann 0,76 Sekunden vor Dave Ryding. Hirscher war als Neunter nach Lauf eins 1,02 Sekunden hinter dem Briten zurückgelegen.