Der Maestro flucht sich ins Halbfinale

Sport / 28.01.2020 • 21:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Grand-Slam-Rekordgewinner Roger Federer musste sich mächtig strecken und sieben Matchbälle abwehren, ehe er den Fünfsatz-Krimi gegen Tennys Sandgren für sich entschied.Reuters
Grand-Slam-Rekordgewinner Roger Federer musste sich mächtig strecken und sieben Matchbälle abwehren, ehe er den Fünfsatz-Krimi gegen Tennys Sandgren für sich entschied.Reuters

Federer wehrte sieben Matchbälle ab, drehte verrücktes Match und trifft nun auf Djokovic.

Melbourne Er fluchte, kassierte eine Verwarnung, bekam einen Krampf im Bein – und hatte sieben Matchbälle gegen sich. „Ich sollte“, scherzte Roger Federer, „schon Ski fahren sein in der Schweiz.“ Doch die Pisten müssen noch ein paar Tage warten: Der 38 Jahre alte Gewinner von 20 Grand-Slam-Titeln entpuppt sich im Viertelfinale bei den Australian Open in Melbourne als größter Entfesselungskünstler seit dem legendären Harry Houdini.

50. Duell mit Djokovic

Federer schien zum Scheitern verurteilt gegen den 28-jährigen US-Amerikaner Tennys Sandgren, die Nummer 100 der Weltrangliste. Dann aber trat eine Art Wunder ein, von dem der Maestro behauptete: „Ich habe das nicht verdient.“ Dennoch: Mit 6:3, 2:6, 2:6, 7:6 (10:8), 6:3 kämpfte sich Federer ins Halbfinale, in dem es zum 50. Duell mit Titelverteidiger und Rekordsieger Novak Djokovic kommt. „Ich hoffe, ich kriege wenigstens einen Matchball“, sagte der Serbe.

Dabei schien die Zeit zum Skifahren schon gekommen zu sein für Federer, denn: Sieben Matchbälle erspielte sich Sandgren im vierten Satz, beim Stand von 5:4, danach im Tiebreak ab einer Führung von 6:3. Sechs verschlug der Amerikaner selbst. Nur beim 6:5 im Tiebreak wehrte Federer grandios ab – und betonte danach: Mit Können habe das nichts zu tun gehabt. „Manchmal muss man Glück haben.“

Wie schon im Achtelfinale gegen den Australier John Millman, als er im Fünfsatz-Thriller im Super-Tiebreak nur zwei Punkte vom Ausscheiden entfernt war, hat sich Federer mit einem faszinierenden Akt der Entfesselung vor dem Untergang gerettet: 4:8 lag er da hinten im Match-Tiebreak des fünften Satzes – dann gewann er nacheinander sechs Punkte und das Match. Und jetzt ein zweiter Thriller mit Happy End. Wohin mag das noch führen? Nun ja, sagte Federer, „ich bin glücklich, hier zu sein, jetzt kann ich auch das Beste daraus machen.“ Die Australian Open hat er sechs Mal, zuletzt 2018, gewonnen.

„Wollte keine Schwäche zeigen“

Zur Geschichte von Federers Tennis-Märchen gehört auch das dritte Spiel im dritten Satz. Der sonst so besonnene Federer hatte sich drei Breakbälle erkämpft, vergab zwei und fluchte lautstark. Er kassierte von Schiedsrichterin Marijana Veljovic eine Verwarnung, diskutierte beim Seitenwechsel weiter, ehe er begleitet von einem Physiotherapeuten für eine Behandlungspause die Rod-Laver-Arena verließ. Sein Bein habe zugemacht. Er wolle sonst keine Behandlung, um „keine Schwäche zu zeigen“, sagte Federer. Diesmal aber habe er sich gedacht: Behandlung, rausgehen und sich wenigstens „mit Anstand fertig machen lassen“.

Warum er nicht aufgegeben habe? „Ich glaube an Wunder“, witzelte Federer. Es hätte ja „Regen oder sonstwas geben können“, was den Fluss des Spiels, von dessen Strömung er weggerissen wurde, zu seinen Gunsten unterbrochen hätte. Gerettet wurde er im vierten Satz – von seinem Gegner. Sandgren hatte unfassbar gut gespielt. Doch den letzten Punch gegen den schwächelnden und Fehler um Fehler begehenden Federer landete er nicht. Auch, weil der Schweizer bei den sieben Matchbällen sechsmal aufschlug.

Ein Match wie dieses, sagte Federer danach, gebe ihm den Glauben, sogar das Turnier gewinnen zu können. Allerdings steht ihm in seinem 46. Grand-Slam-Halbfinale nun Djokovic entgegen, der 6:4, 6:3, 7:6 gegen den Kanadier Milos Raonic gewann und im direkten Duell mit Federer 26:23 führt. Er hoffe, sagte Federer, dass sein Bein am Donnerstag wieder ausgeheilt sei. „Hoffentlich fühle ich mich dann besser“, sagte er, „sonst gehe ich wirklich Skifahren.“

„Ich habe das nicht verdient, aber ich stehe hier und bin natürlich sehr glücklich.“

„Ich glaube an Wunder“, witzelte Federer nach der Partie beim Interview. AFP
„Ich glaube an Wunder“, witzelte Federer nach der Partie beim Interview. AFP
Ein Novum: Roger Federer flucht, legt sich mit Schiedsrichterin Marijana Veljovic an kassiert eine Verwarnung.AFP
Ein Novum: Roger Federer flucht, legt sich mit Schiedsrichterin Marijana Veljovic an kassiert eine Verwarnung.AFP