Die Colin-Kaepernick-Farce

Sport / 29.01.2020 • 19:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Colin Kaepernick, Footballer mit Ecken und Kanten, wurde in der NHL zur „Persona non grata“ erklärt.ap
Colin Kaepernick, Footballer mit Ecken und Kanten, wurde in der NHL zur „Persona non grata“ erklärt.ap

Vom Endspiel-Quarterback zum Aussätzigen.

Miami Darf ich sie auf ein etwas umfangreicheres Gedankenexperiment einladen? Nehmen wir an, dass ein Athlet, der in seinem Sport am Zenit seiner Leistungskraft unter den 20 bis 30 Besten weltweit war oder noch immer ist, von keinem Club, keinem Team, keiner Entität im Land, in dem er gerne spielen würde, eine Chance bekommt, sein Können gegen Entlohnung (sprich: Profi-Dasein) unter Beweis zu stellen. Nehmen wir an, dieser Athlet gehört einer gesellschaftlichen Minderheit an, hat Migrationshintergrund oder versucht schlicht auf einen Missstand aufmerksam zu machen und ist darüber hinaus noch jemand, der auch vor kontroversen Äußerungen nicht zurückschreckt und damit als Typ mit Ecken und Kanten gilt.

Nehmen wir weiters an, dass dieser Athlet etwas tut oder sagt, das am kollektiven Nationalstolz rüttelt, diesen möglicherweise sogar in seinen Grundfesten erschüttert. Was wäre wenn (völlig frei erfundenes Beispiel) Marko Arnautovic in Österreich angeheuert hätte, aber während seines Engagements bei einem Verein meint, dass er für Österreichs Hymne beim Nationalteam erst dann wieder am Platz stünde, wenn für die Integration oder Chancengleichheit der Serben endlich mehr getan wird.

Der kontroverse Kniefall

In Zeiten, wo es weniger Aussagen oder Taten bedarf, um einen analogen oder digitalen Shitstorm loszutreten, sind sowohl Sportler als auch Ligen mit derlei Äußerungen vorsichtiger denn je. Kontroversen eignen sich eben nur eingeschränkt für die Gewinnmaximierung. Und mit oben genanntem Gedanken-Experiment sind wir endlich in der Realität und bei der NFL angekommen. Als der aktuelle Super-Bowl-Teilnehmer aus San Francisco 2013 zuletzt im Endspiel stand, wurde das Team von Colin Kaepernick angeführt. Der Quarterback hatte die 49ers mit beeindruckenden Leistungen ins Finale gebracht.

Super Bowl 47 ging aus Sicht der Kalifornier zwar verloren, aber mit Kaepernick und vielen anderen Leistungsträgern war anzunehmen, dass die Endspiel-Teilnahme 2013 nur eine von vielen bleiben würde. Weit gefehlt. Ein paar Jahre später, sportliche Misswirtschaft und organisatorische Fehlentscheidungen inklusive, war es Kaepernick – selbst mit afro-amerikanischen Wurzeln – ein Anliegen, mittels Knien während der US-Hymne (die vor jeder relevanten Sportveranstaltung gespielt wird) auf systemische (Polizei-)Gewalt gegen Schwarze aufmerksam zu machen. Knien während der Hymne? Ein Sakrileg, das so manchen US-Bürger noch immer in Schockstarre versetzt, wenn der Name Kaepernick fällt.

Wohl auch gerade deswegen spottet der Umgang der NFL-Teams mit der Causa jeder Beschreibung. Statt einer vernünftigen Auseinandersetzung mit der Thematik wurde Kaepernick 2017 stillschweigend zur „Persona non grata“ erklärt. Keine Mannschaft offerierte ihm seither ein Probetraining. Kein Team nahm ihn bisher unter Vertrag. Kein Team, das sich vor einem Kaepernick-Shitstorm offenbar nicht fürchten würde.

Deal vor Gericht

In den USA, wo gemeinhin freudiger Gerichtsbarkeit gefrönt wird, dauerte es nicht lange, bis Kaepernick Klage eingebracht hatte. Simpel formuliert: „Ich klage die National Football League, weil sie mich nicht spielen lässt“. Im Februar letzten Jahres einigten sich die Liga und der mittlerweile 32-Jährige außergerichtlich auf einen nicht näher bekannten Deal.

Allerdings schwebt der Name Kaepernick auch beim Super Bowl in Miami wie ein Damoklesschwert über einer Liga, die in puncto Krisen-PR oft alles andere als souverän wirkt. Und trotzdem immer weiter wächst. Warum das so ist, lesen Sie morgen in den VN.