Du musst KEIN Dreckskerl sein, um zu gewinnen!

Sport / 31.01.2020 • 21:46 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Winning ugly“ hieß der Bestseller von Brad Gilbert. Hartnäckig hält sich der Mythos vom rücksichtslosen Egomanen, von der „Kretzn“, dem Alphamännchen ohne Skrupel, das sich mit kantigen Ellbogen im Sport durchboxt. Immer wieder begegnet mir diese dumpfe Behauptung. Selbst ernannte und anerkannte Experten gehen davon aus, dass es unter Konkurrenten gar nicht anders sein kann.

Leider nicht nur im Sport, sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen. Die wohl einflussreichsten und auch gefährlichsten darunter sind Wirtschaft und Politik. Die erfolgreichen und fragwürdigen Vorbilder sind Legion. Dabei wäre es nicht so schwer für talentierte und engagierte Zeitgenossen, ein anders Bild abzuliefern.

Stammt der Spruch nun von VW-Boss Hans Dieter Pötsch oder Daimler-CEO Dieter Zetsche? „Manchmal genügt es schon, wenn man kein Arschloch ist.“ Die Urheberschaft des Zitats liegt vermutlich bei keinem der beiden Industriekapitäne, sondern auf Beraterebene. Immerhin aber ein Ansatz und moralischer Minimalanspruch auf der obersten Führungsetage.

Ein Stehsatz zu Dominic Thiem war, dass er zu nett und zu wenig konfrontativ sei, zu wenig hart, um sein Potenzial wirklich auszuschöpfen. Wie großartig, dass er nichtsdestotrotz seinen erfolgreichen Weg geht. Das spricht nämlich nicht nur für den smarten Niederösterreicher, sondern auch für den Leistungssport an sich. Sportler können Sieger sein, auch wenn sie nicht ständig vordergründige Egozentrik und brutalen Killerinstinkt demonstrieren. Auch feinere Wege, mit viel Gespür für sich und Respekt vor den Gegnern, führen nach Paris und Rom.

Vorbilder wie Federer

Mindestens zwei Dinge erleichtern und unterstützen die Ausformung einer, in diesem Sinne integren, Leistungskultur enorm: 1. Wenn es erfolgreiche Vorbilder und Gentlemen wie z.B. Roger Federer gibt. 2. Wenn ein Sport kluge und nachvollziehbare Regeln mit wenig Grauzonen aufweist und sie ständig weiter verfeinert. Die Einführung des Hawk-Eyes mit der Möglichkeit, Linienrichterentscheidungen zu „challengen“ ist eine segensreiche Einrichtung, die es den Kontrahenten erlaubt, sportlich bleiben zu dürfen, statt bei knappen und entscheidenden Bällen lügen und streiten zu müssen.

Dort, wo Regeln unscharf formuliert und schwer kontrollierbar sind, werden Verstöße als Kavaliersdelikte gesehen und werden zur giftigen Tradition. Das ist der Nährboden für Tricksereien von Doping bis zum Sportbetrug. Individuen und Teams, die weniger innere moralische Skrupel haben, finden ungeniert ihre Vorteile, leider nicht nur im Sport.

„Sportler können Sieger sein, auch wenn sie nicht ständig vordergründige Egozentrik und brutalen Killerinstinkt demonstrieren.“

Toni Innauer

sport@vn.at

Anton „Toni“ Innauer ist Skisprung-Olympiasieger, war Skisprungtrainer und ÖSV-Sportdirektor. Heute als Buchautor und Vortragender tätig.